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Berufsbilder Hightech und Handarbeit: Fachkräfte für Rohr-, Kanal- und Industrieservice
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09:53 21.09.2018
Die futuristische Fräse arbeitet im Rohr wie eine OP-Sonde - unter den wachsamen Augen von Marko Ziebart. Quelle: Dirk Knofe

Vorsichtig bewegt Marko Ziebart (41) den Joystick, um die Fräse haargenau in Position zu bringen. Der gestochen scharfe Farbbildschirm zeigt die Szene wie in einem Operationssaal. Mit nahezu medizinischem Feinschliff wird aber kein menschliches, sondern gehärtetes Gewebe aus Epoxidharz in einem Abfl ussrohr bearbeitet. Kanalsanierung ist heute Hightech, die sich immer weiter entwickelt. Azubis für Rohr-, Kanal- und Industrieservice erleben eine Menge Abwechslung.

Wie der aktuelle Stand aussieht, zeigt der Einsatz eines Teams von Kanal-Türpe mitten im Herzen von Leipzig. In einem typischen Altbaukeller ist der Boden abgesackt, weil ein Rohr marode ist. Ziebart: „Früher mussten wir dann alles aufstemmen und den Kanal freilegen.“ Heute rollen Ziebart und Marco Polster (36) ein Gerät auf den Innenhof, das auf den ersten Blick wie eine Gartenschlauchtrommel aussieht, wenn nicht noch ein Computerdisplay und eine Steuerkonsole mit einem Joystick daran hängen würden. Mit dem Stick bewegt Ziebart einen Fräskopf millimetergenau in alle Richtungen, um die scharfkantigen Teile einer Epoxidmatte an der Rohrwand zu glätten. Eine Mini-Kamera überträgt das Farbbild auf ein Display. Wie die Matte zuvor in den Kanal kam, hat Azubi Michael Tümmler am Anfang auch verblüfft.

Hightech und Handarbeit: Marco Polster (oben im Bild) und Marko Ziebart (unten) justieren die ferngesteuerte Fräse, die der Kanalsanierung den Feinschliff gibt. Quelle: Dirk Knofe

„Partliner“ ist der Fachbegriff für das Verfahren, das an das spiegelverkehrte Flicken eines Fahrradschlauchs erinnert. Eine mit Kunstharz getränkte Glasfasermatte wird um ein aufblasbares Gummirohr gelegt und dieses an die sanierungsbedürftige Stelle ins Rohr geschoben. Die Druckluft im Gummirohr bewirkt, dass sich die Matte an die Rohrwand presst. Nach etwa zwei Stunden Aushärtungszeit sind Harz und
Glasfaser zu einem Rohr im Rohr geworden. Nun kommt die Fräse zum Einsatz. Das Gerät besteht aus drei Gummirohrkammern und kriecht wie eine Raupe mit dem Geräteaufsatz tief in den Kanal.

Die „Inliner“-Methode geht noch weiter, bis zu 50 Meter. Dabei wird ein gefalteter Gewebeschlauch, der mit Kunstharz getränkt ist, in das kaputte Rohr gepresst und Druckluft hineingeblasen. Dadurch krempelt sich der Schlauch immer weiter um, wandert ins Rohr und drückt sich an dessen Innenwand. „Das ist fast so wie ein Bypass in der Medizin und gleichzusetzen mit einem Rohr-Neubau“, sagt Ziebart.

Die Rohre werden an der Innenseite mit Harz getränkten Glasfasermatten repariert. Quelle: Dirk Knofe

Das hält bis zu 50 Jahre, weiß der Sanierer. „Das alles hat sich in den letzten 15 Jahren entwickelt. Wir probieren immer wieder neue Dinge aus, weil wir täglich vor neuen Herausforderungen stehen“, sagt er. Hightech wie im All: Die fahrbaren Roboter für größere Rohre und der Kanal-TV-Roboter ähneln Mond- oder Mars-Fahrzeugen.

Für Azubi Michael Tümmler ist nicht nur die Kanalsanierung Praxisalltag. Von Dichtheitsprüfungen bis hin zur Industriereinigung durchläuft der Lehrling alle Abteilungen, die der Beruf hergibt. Personal- und Marketingleiterin Jessica Kolb: „Für eine Rohrsanierung bauen wir auch mal eine Teststrecke im Betrieb auf.“ Am neuen Standort der Firma in Leipzig soll daher ein Showroom entstehen mit Kanälen unter einem durchsichtigen Doppelboden.

„Viele junge Leute können sich gar nicht vorstellen, wie viel Hightech inzwischen in dem Beruf steckt“, sagt Jessica Kolb, In der neuen Ausbildungsbroschüre des Verbandes der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen werden sogar mehrfach Computerspiele erwähnt. Die exakte Steuerung der Roboter per Joystick in engen Räumen erfordert eine hohe Auffassungsgabe in 3D-Räumen und eine gute Feinmotorik, ganz so wie in modernen Games.

Fakten zur Ausbildung

Ausbildungsdauer: drei Jahre
Vergütung Bundesdurchschnitt*:
1. Ausbildungsjahr: 557 Euro
2. Ausbildungsjahr: 710 Euro
3. Ausbildungsjahr: 862 Euro
Deine Lieblingsfächer: Mathe, Chemie, Physik, Technik
Deine Perspektiven (Auswahl): Weiterbildung zum Meister RKI Studium Umweltingenieur

*Quelle: berufenet.arbeitsagentur.de

Da bei Fehlern aber nicht einfach das Level neu gestartet werden kann, bekommt Michael Tümmler das komplette theoretische Rüstzeug in der Berufsschule vermittelt. Die Arbeit selbst erfordert heute mehr denn je Umweltwissen. Jessica Kolb: „Beim Wasser werden die Ansprüche immer höher. Die Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice wächst als Umweltberuf.“ Und der ist krisensicher: Das Abwassernetz in Deutschland ist 575 000 Kilometer lang,  Die regelmäßige Inspektion der Kanäle ist gesetzlich vorgeschrieben.

Stefan Michaelis

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