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Nachrichten Das verflixte Ding Kino: Stimmungsbericht von der Filmkunstmesse in Leipzig
Nachrichten Das verflixte Ding Kino: Stimmungsbericht von der Filmkunstmesse in Leipzig
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19:27 18.09.2019
Schauspieler Ulrich Matthes („Nikolaikirche“), Präsident der Deutschen Filmakademie, vor der Alten Handelsbörse in Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Stimmung ist gut. Da ist sich Christian Bräuer, Vorsitzender der Arthouse-Vereinigung AG Kino (828 Säle) nach der Mitgliederversammlung sicher. Aber ... da ist dieses verflixte Ding Film, das dem Kinomarkt zusetzt. Die Verleiher bieten viel zu viele an. Es gibt zu viele, die auf Leinwänden gezeigt werden sollen, die da nicht hingehören. Eine immer wieder von allerlei Gremien geförderte deutsche Spezialität. Mit Folgen: Immer mehr ersparen sich gleich den Gang und wandern auf Streaming-Plattformen ab. Was – aufatmen – im Arthouse-Kino noch nicht so richtig angekommen ist. Die Wolken werden über der Oase (12,6 Prozent Marktanteil am Umsatz) aber zusehends dunkler.

Atmosphäre ist geladen

Die Atmosphäre ist geladen. Das sagt die Kinostudie 2018 der Filmförderungsanstalt (FFA), die Frank Völkert gestern so faktisch wie launig im Zeitgeschichtlichen Forum vorstellte. Es ist eben wieder Filmkunstmesse in Leipzig, das größte Treffen (mehr als 1150 Fachbesucher) von Programmkinomachern, Verleihern und Produzenten weltweit. Allerdings konnte Frank Völkert auch Hoffnung verbreiten. Nach dem Hitzesommer-Fußball-WM-Horrorjahr gingen im ersten Halbjahr 2019 wieder mehr ins Kino. Immerhin wurden 53 Millionen Tickets (plus 5,1 Prozent) verkauft – und der Marktanteil deutscher Filme lag bei 23,1 Prozent. Die Augen reiben muss man sich jedoch bei der Arthouse-Top-Ten-Liste 2018. Wirkliches Arthouse ist da wohl nur „Shape of Water“, der Rest – von „A Star is born“ bis „The Greatest Showman“ – sind sicher, mit zwei, drei Ausnahmen, bunte Multiplex-Blüten.

Die AG Kino, die selbst bestimmt, was Arthouse ist, nennt es Crossover. Wenigstens klingelt dann auch bei ihren Mitgliedern die Kasse. Nur: Unter jenen aus der Altersgruppe 16 bis 59, die 2019 erstmals mehr Geld für Streamingdienste ausgeben, waren sicher auch etliche Arthouse-Gänger. Was hält sie ab vom Kinoticket?

Das ist die Frage aller Fragen. Kartellrechtlich, wie es sich manche wünschen, wird man sicher gegen Netflix und Amazon nichts ausrichten können (gemeinsamer Marktanteil: über 70 Prozent). Nun droht das nächste Unheil: Am 1. November startet Apple TV. Dabei ist ein Unheil, dessen Folgen fürs Kino noch unabsehbar sind, bereits passiert: Disney hat Fox aufgekauft. Damit bricht fürs Arthouse-Kino ein wichtiger Partner weg. Marktbeherrscher Disney (33 Prozent aller Kinobesucher im ersten Halbjahr) soll bereits alle anspruchsvollen Projekte von Fox beendet haben – und über einen hauseigenen Streamingdienst nicht nur nachdenken.

Magischer Kommunikations-Ort Kino

Schauspieler Ulrich Matthes, Präsident der Deutschen Filmakademie, beschwor in einer Diskussion zum Auftakt der Filmkunstmesse den magischen Kommunikations-Ort Kino als emotionalen Kraftraum in einer hochgereizten Gesellschaft. Wie kann man das Kino so machen, dass die Zuschauer auch wirklich kommen? Wie macht man hierzulande den Film zu so einem kulturellen Erbe-Gut wie Theater, Oper, Malerei? In Frankreich ist das so, hierzulande ist daran nicht zu denken.

Eines allerdings mahnte Ulrich Matthes wie bei seiner Rede zur Lola-Gala im Mai erneut an: Arthouse-Filme müssen mutiger werden. Wasser auf die Mühle von Christian Bräuer, nicht nur Vorsitzender der AG Kino, sondern auch Chef der Berliner Yorck-Kinogruppe: Es kommen zu viele deutsche Filme in die Kinos (über 200), die da nicht hingehören. Da muss die Filmförderung stärker wirtschaftlich ausgerichtet werden. Und professioneller entscheiden, sei hinzugefügt. Es ist ja immer wieder erstaunlich, was hierzulande so alles unterstützt wird, obwohl – so wird bisweilen hinter vorgehaltener Hand getuschelt – noch nicht einmal der Produzent an einen Erfolg glaubt. Grund: Das Produzenten-Geschäftsmodell greift nur, wenn produziert wird. Was insbesondere, wie Simone Baumann, Geschäftsführerin German Films, betonte, kleinere und mittlere Firmen betrifft. Mit Kinofilmen Geld zu verdienen, sei schwierig.

Da macht sich schon ein gute Portion Ratlosigkeit breit. Keiner hat ein Rezept, wie man zu besseren Stoffen kommt. Das Kultur-und-Medienministerium will es nun mal damit versuchen, Drehbuch-Entwicklungen stärker zu fördern, erklärte Jan Ole Püschel, der Referatsleiter. Ob’s was bringt, weiß keiner. Wie ein Eingeständnis ins kraftlose deutsche Kino ist ja schon die deutsche Oscar-Nominierung für „Systemsprenger“. Ein ZDF-TV-Film, Abteilung Kleines Fernsehspiel, der für eine Mitternachts-Ausstrahlung gedreht wurde – bis der Berlinale-Hype einsetzte.

Zweimal jährlich ins Kino

Marketing, also das gezielte Bewerben der Filme, die nicht von den US-Majors kommen, ist ein anderes weites Feld. Gibt man 30 Prozent der Fördermittel, die heute in absehbar an der Kasse erfolglose Produktionen gesteckt werden, gezielt für Verleih und Werbung aus, würde das etwas ändern? Vielleicht. Dagegen aber steht Unsicherheit: Welche Filme wollen gesehen und sollten herausgehoben werden? Das Arthouse-Kino beschwört ein breites Angebot, das auf verschiedene Zielgruppen, Interessen, Themen, Altersschichten setzt – und das ist auch gut so.

Als Ziel jedenfalls hat die Mitgliederversammlung der AG Kino sich gesetzt: Die Deutschen sollten pro Kopf zweimal jährlich ins Kino gehen, deutsche Filme auf den großen Festivals nicht nur laufen, sondern auch sichtbar sein – und der Marktanteil deutscher Filme auf 35 Prozent steigen. Dass dazu mehr erzählerische Qualität gehört (wie Netflix es vorführt, muss dazu gesagt werden), ist eine Binse. Denn nur, weil ein Film seltsam aussieht, ist er ja nicht auch gleich großes Arthouse. Die neue Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek versprach schon mal, dass das Festival auch nach Dieter Kosslick ein Schaufenster des deutschen Films bleibt. Beruhigend.

www.filmkunstmesse.de

Von Norbert Wehrstedt