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Digital Pflegeroboter und GPS-Gehstöcke – Wie Technik Senioren helfen kann
Nachrichten Digital Pflegeroboter und GPS-Gehstöcke – Wie Technik Senioren helfen kann
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08:00 17.11.2018
Assistenzroboter Justin kann sogar von der ISS aus gesteuert werden. Quelle: DLR/dpa
Berlin

Etwas befremdlich wirkt er, dieser Schuh: Er ähnelt einem typischen Sportschuh – mit Laufsohle aus Gummi und einem Schaft aus Kunstfasern und Leder-Verstärkung. Doch was machen die Drähte und elektronischen Kleinteile auf der Lasche? Sie sorgen dafür, dass sich der Schuh selbsttätig öffnet und schließt. Gedacht ist das Produkt nicht für Technik-Begeisterte: «Damit sollen ältere und körperlich beeinträchtigte Menschen angesprochen werden, denen der Schuh zu mehr Sicherheit, Mobilität und Selbstständigkeit verhilft», erläutert Peter Schultheis vom Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens (PFI). Dies sei ein wichtiger Schritt, um auch im Alter unabhängig zu bleiben.

Schultheis ist einer der Forscher, die den Techno-Schuh entwickelt haben. Dieser wird über einen Sensor verschlossen, sobald der Fuß in den Schuh schlüpft. Wahlweise kann die Steuerung auch per Smartphone und App erfolgen. Energie bezieht der Mechanismus aus einem kleinen Akku. Der kann – ähnlich wie eine elektrische Zahnbürste – an einer Ladestation aufgeladen werden, etwa über Nacht. Auch beim Gehen wird Energie gewonnen. 200 bis 300 Schritte seien nötig, um genügend Energie für den Schließ- und Öffnungsprozess zu gewinnen, sagt Schultheis.

2060 ist jeder dritte Deutsche älter als 65 Jahre

Das Interesse an technischen Hilfsmitteln wie diesem Schuh dürfte in Zukunft erheblich zunehmen, glauben Experten. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass im Jahr 2060 etwa jeder dritte Bundesbürger über 65 Jahre alt sein wird. Im Jahr 2015 war es nur etwa jeder Fünfte. Die Zahl der Menschen über 80 Jahre wird sich bis 2060 verdoppelt haben.

Der Prototyp des am PFI entwickelten selbstöffnenden Schuhs. Quelle: PFI/dpa

Damit steigt auch der Pflege- und Betreuungsbedarf. Im Fachjournal «The Lancet Public Health» berichteten kürzlich Forscher für England, dass künftig immer mehr Menschen über 65 Jahren selbstständig leben können. Gleichzeitig werde sich die Zahl jener Menschen im Alter ab 85 Jahren, die rund um die Uhr Pflege brauchen, in den kommenden zwei Jahrzehnten fast verdoppeln – eine enorme Aufgabe für die Gesellschaft.

Hochwertige Pflege für immer mehr Menschen ist große Herausforderung

«Dieser Herausforderung wird sich nicht nur England stellen müssen, sondern im Grunde alle Industrienationen, aber auch Schwellenländer wie China», sagte Horst Christian Vollmer von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. «Bereits jetzt haben wir in Deutschland einen eklatanten Mangel an Pflegefachkräften und an ärztlichem Personal», sagt Vollmer, der am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Witten forscht. «Verschärft wird diese Entwicklung durch unterschiedliche Lebenskonzepte: So wird das familiäre Betreuungspotenzial deutlich abnehmen, weil es zunehmend mehr Single-Haushalte gibt. Die Implikationen für die Gesellschaft sind gravierend.»

Erschwerend komme hinzu, dass die Zahl der jungen Menschen im Erwerbsalter abnehme, ergänzt Dörte Heger vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen ebenfalls im Bezug auf die «Lancet»-Studie. «Die demografische Entwicklung trägt damit zum aktuellen Fachkräftemangel in der Pflege bei. Eine qualitativ hochwertige Pflege für die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen sicherzustellen, stellt eine große Herausforderung dar.»

Gehstock mit GPS und intelligente Matratzen

Dass bei der Bewältigung dieser Aufgabe die Technik eine große Rolle spielen wird, zeigte sich auch auf der Pflegemesse Rehacare Ende September in Düsseldorf. Dort wurde etwa ein Gehstock mit einer integrierten GPS-Funktion sowie einem Notrufsystem vorgestellt. Der Nutzer kann damit Alarm auslösen, aber auch überall in Deutschland und Europa von Angehörigen oder Pflegern geortet werden. Eine intelligente Matratze mit eingebauten Sensoren soll Angehörige bei der Pflege entlasten. Die Sensoren erfassen Körperfunktionen und Bewegungen des Liegenden und übermitteln sie auf das Smartphone eines Angehörigen.

Einen Schritt weiter geht man am Caritas-Altenheim St. Vinzenz in Garmisch-Partenkirchen. Dort sollen noch in diesem Jahr zwei Pflege-Roboter eingesetzt und auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden. Edan und sein Kollege Justin wurden am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen entwickelt.

Roboter könnten in Pflegeheimen mithelfen

Justin ist auf Rädern unterwegs und kann aus der Ferne – sogar von der ISS aus, wie Alexander Gerst kürzlich demonstrierte – gelenkt werden, um zum Beispiel Brille oder Wasserglas zu bringen, im Haushalt zu helfen und im Notfall auch Hilfe zu rufen. Seine Statur sieht recht menschlich aus, im Gegensatz zu seinem Kollegen Edan. Der besteht lediglich aus einem Arm, der an einem Rollstuhl befestigt ist. Edan kann von bewegungseingeschränkten Menschen über leichte Muskelimpulse gesteuert werden und dann etwa einen Aufzugknopf drücken oder die Bettdecke zurückschlagen.

Wenn sich beide Roboter-Butler bewähren, könnten sie in Zukunft in Pflegeheimen Routineaufgaben übernehmen, aber auch älteren Menschen zu Hause tatkräftig zur Hand gehen. Noch ist das Zukunftsmusik, aber die Forschung arbeitet bereits kräftig an Hilfsmitteln, die Menschen im Alter das Leben erleichtern können.

Assistenzroboter helfen beim Aufräumen und in der Küche

«Senioren möchten bevorzugt in ihrem vertrauten sozialen Umfeld alt werden», weiß Martina Koepp von der Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik in Iserlohn: Zur Marktforschung steht sie mit rund 1000 Konsumenten in Kontakt und beobachtet, was alte Menschen wünschen: «Das fängt an bei baulichen Maßnahmen, wie dem Einbau einer bodengleichen Dusche und geht weiter über kleine technische Helfer, wie zum Beispiel einen Herdwächter.» Technischen Neuerungen stünden viele Senioren offen gegenüber, sagt Koepp.

Auch Marco Käppler vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erforscht die Bedürfnisse von Senioren und hat gemeinsam mit anderen Forschern einen mobilen Assistenzroboter entwickelt. Käppler hat beobachtet, dass die meisten Pflegebedürftigen Schwierigkeiten haben, Gegenstände zu heben. Deshalb hat sich sein Team darauf spezialisiert, flexible Greif- und Übergabevorgänge zwischen Mensch und mobilem Roboter zu entwickeln. So könnte ein solcher Assistenzroboter in Zukunft beim Aufräumen helfen und Gegenstände vom Fußboden aufheben. Auch als Küchenhilfe könnte er zum Einsatz kommen – und etwa schwere Gegenstände wie Kochtöpfe auf die Herdplatte oder auf den Esstisch stellen.

Technik sollte nicht menschliche Nähe vortäuschen

Dabei solle der Roboter wie ein Haushaltsgerät funktionieren, betont Käppler: «Er soll automatisch von A nach B fahren können und dabei nur auf Kommando reagieren. Wir arbeiten sehr funktionsorientiert und verzichten auf die Entwicklung eines Roboters mit künstlicher Persönlichkeit.» Derzeit setzen die Forscher die Anforderungen in einem Prototypen um.

Anika Steinert und Kollegen entwickeln an der Klinik für Geriatrie der Berliner Charité einen Laserpointer, der verschiedene Haushaltsgeräte steuern kann. Die Idee: Mit einer einzigen Fernbedienung sollen Anwender gleich mehrere Funktionen bedienen können – etwa das Licht, den Fernseher und die Rollläden.

Während etliche Forschergruppen an technischen Fortschritten tüfteln, ist das Thema in Gesellschaft und Politik noch nicht vollends angekommen. Geklärt werden müsse etwa, wo der Einsatz von Technik an seine Grenzen stoße, findet der Physiker Armin Grunwald vom Karlsruher Institut für Technologie. «Technik sollte nicht so eingesetzt werden, dass sie menschliche Nähe vortäuscht. Besser sollte eine Gesellschaft so funktionieren, dass menschlicher Kontakt leichter möglich wird.»

Von RND/dpa

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