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Digital Teufelszeug? “Fortnite” im Selbsttest eines kritischen Vaters
Nachrichten Digital Teufelszeug? “Fortnite” im Selbsttest eines kritischen Vaters
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18:16 15.08.2019
Anders als andere Shooter ist „Fortnite“ bereits ab zwölf Jahren freigegeben, Blut und Leichen sucht man vergebens.
Hannover

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit: Man sollte kennen, worüber man urteilt. Das gilt für vieles und nicht zuletzt für Computerspiele. Und weil seit rund zwei Jahren viel über das Spiel „Fortnite: Battle Royale“ geredet, gestritten, geurteilt wird, will ich mir endlich meine eigene Meinung bilden.

Also probiere ich es aus. Aber meine kleine Reise durch die Welt dieses Spiels beginnt nicht gut, ich scheitere gleich zum ersten Mal. Fasziniert von der Landschaft irre ich über die digitale Insel, sammle beiläufig eine Waffe ein und stehe bald in einer Stadt. Beim Absprung aus einem fliegenden Bus habe ich noch eine Handvoll Mitspieler gesehen. Nun bin ich mutterseelenallein. Doch die Stille trügt, plötzlich werde ich aus dem Hinterhalt unter Feuer genommen und scheide aus.

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Hundert Menschen auf einer Insel - sehr reizvoll

Klar bin ich frustriert, gleichzeitig ist da auch ein gewisser Reiz, mich wieder ins Getümmel zu stürzen. Das Spielprinzip von „Fortnite“ ist simpel. 100 Spieler landen auf einer Insel, sammeln dort herumliegende Ausrüstung, Waffen und Munition ein und schalten alle Konkurrenten aus. Wer als Letzter übrig bleibt, gewinnt. Beim zweiten Versuch setze ich ganz auf Attacken aus dem Hinterhalt. Ich verschanze mich in einem Haus und warte, warte, warte. Aus Langeweile werfe ich einen Blick aus dem Fenster, unten tobt ein Straßenkampf, und bevor ich mir einen Überblick verschaffen kann, bin ich gestorben.

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Erfolgserlebnisse im Spiel erzeugen Dopamin

Dritter Versuch, neue Strategie: bedingungslose Offensive. Immerhin gelingt es mir, einen Gegenspieler auszuschalten, bevor ich selbst draufgehe. Auch wenn ich nicht sonderlich erfolgreich bin, erliege ich immer wieder dem Drang, es gleich noch mal zu probieren. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: In unserem Gehirn sorgt jedes spielerische Erfolgserlebnis, jede unerwartete Wendung für eine kleine Ausschüttung von Dopamin.

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Experte: Bei "Fortnite" wurde viel richtig gemacht

Die Entwickler von „Fortnite“ haben viel richtig gemacht, findet Benjamin Wockenfuß, Leiter des Medienkompetenzprojekts Digikids. „Die Mischung aus Shooter, Entdeckerkomponenten und Aufbauspiel ist eine sehr spannende und innovative Kombination. Außerdem lässt sich ,Battle Royale’ nicht nur am Rechner oder auf der Konsole, sondern auch kostenlos auf jedem Smartphone spielen“, erklärt er. Dazu komme eine starke Verwurzelung in der Peer-Group. So kann man sich mit Freunden und Klassenkameraden messen und über die Chatfunktion austauschen. Das Spiel wird zu einem sozialen Erlebnis.

Es ist wichtig, einen ­interessierten Blick auf das zu haben, was die Kinder in der virtuellen Welt treiben.

Benjamin Wockenfuß, Leiter des Medien­kompetenzprojekts Digikids

Über 78 Millionen monatliche Spieler

Außerdem wird das Spiel durch Tänze oder die Gespräche über das Aussehen und die Ausrüstung der Avatare hinaus auf Schulhöfe und in Jugendzentren getragen. Das geht so weit, dass der französische Fußballstar Antoine Griezmann im WM-Finale sein 2:1 mit einer Tanzeinlage aus „Fortnite“ feierte. Die Popularität zeigt sich auch in den Spielerzahlen. Laut Hersteller Epic Games hatte „Fortnite“ im März dieses Jahres 250 Millionen registrierte Nutzer und 78,3 Millionen monatliche Spieler. Zu „Stoßzeiten“ spielen mehr als zehn Millionen Gamer gleichzeitig. Weil viele von ihnen bereit sind, Geld für neue Outfits oder Tänze auszugeben, ist das Spiel für den Hersteller ein Milliardengeschäft.

Drei Millionen Dollar Gewinn bei Weltmeisterschaft

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die Massentauglichkeit: Anders als andere Shooter ist „Fortnite“ bereits ab zwölf Jahren freigegeben. Gewalt ist nur ein Mittel zum Zweck, um den Gegner aus dem Spiel zu werfen. Taktik und eine intelligente Spielweise sind wichtiger als Ballerei. Blut, Leichen oder offene Wunden sucht man vergeblich. Stattdessen gibt es quietschbunte Comicoptik. Ausgeschaltete Spieler verschwinden einfach. Das scheint auch bei Frauen anzukommen, 35 Prozent der Spielenden sind weiblich. Davon können andere Shooter nur träumen.

Auch im E-Sport ist „Fortnite“ längst angekommen. Die besten Spieler kämpfen um Preisgeld, verfolgt von Millionen Zuschauern auf Youtube, Twitch und Co. Ende Juli holte der 16-jährige US-Amerikaner „Bugha“ Giersdorf bei der „Fortnite“-Weltmeisterschaft den Solotitel und gewann ein Preisgeld von drei Millionen Dollar.

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Spielsucht und Co.: Eltern sind nicht begeistert

Deutlich geringer ist die „Fort­nite“-Begeisterung hingegen bei vielen Erziehungsberechtigten, gerade wenn der eigene Nachwuchs sehr viel Zeit am Smartphone oder mit der Konsole verbringt. „Es ist wichtig, einen interessierten Blick auf das zu haben, was die Kinder in der virtuellen Welt treiben. Viele Eltern lehnen aber das Spiel grundsätzlich ab und bilden sich keine eigene Meinung zu ,Fortnite’“, sagt Benjamin Wockenfuß.

Dabei seien generelle Verbote eher kontraproduktiv und führten zu unnötigen Konflikten innerhalb der Familie. Doch die ablehnende Haltung vieler Erwachsenen verwundert den ausgebildeten Suchttherapeuten kaum. Die Schuld daran sieht er vor allem in der Schwarz-Weiß-Debatte über Videospiele – irgendwo zwischen Jubelstürmen und Schreckensmeldungen.

Tatsächlich stößt man auch bei der Recherche zu „Fortnite“ schnell auf Berichte über wachsende Zahlen von Spielsüchtigen oder der Einrichtung einer „Fortnite“-Therapie in den USA. Sogar von einer neuen digitalen Droge ist die Rede. „Ich rate Eltern bei Vorträgen immer, sich selbst ein Bild von angesagten Games zu machen und eine authentische Haltung zu entwickeln, schon allein aus Interesse für die Lebenswelt der eigenen Kinder“, erklärt Wockenfuß.

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Eltern sollten sich einen Eindruck verschaffen

Die gute Nachricht: Um sich ein Bild von „Fortnite“ und Co. zu machen, braucht man nicht gegen Konsolenerprobte Teenager anzutreten. Eltern, die keinen eigenen Zugang zur Spielewelt finden, können einfach anderen beim Spielen zuschauen. Eine gute Gelegenheit dazu bieten sogenannte Let’s-Play-Videos, bei denen sich Gamer beim Spielen filmen und das Geschehen kommentieren. „Wer sich ein paar dieser Videos ansieht, bekommt einen Eindruck von der Spielmechanik und den Inhalten. Das ist eine gute Basis für ein gemeinsames Gespräch“, sagt Digitalisierungsexpertin und Elternbloggerin Patricia Cammarata.

Im besten Fall können die Kinder sogar dringende Fragen der Eltern zu einem Videospiel beantworten. Auch Entscheidungen über die Anschaffung von neuen Games lassen sich gemeinsam treffen. Eine solche Begegnung auf Augenhöhe schafft eine ganz andere Vertrauensbasis als reine Verbote und strenge Machtworte und ermöglicht auch Kompromisse bei eher „schwierigen“ Themen wie Regeln für Spielzeiten.

Spielfluss am besten nicht unterbrechen

Wie genau diese Regeln zur täglichen Mediennutzung aussehen, diese Entscheidung müssen die Familien selbst treffen. Manche schwören auf eine wöchentliche Stundenbegrenzung oder feste Tablet-Spieltage, andere auf Bedingungen für die Nutzung wie zum Beispiel: erst Hausaufgaben, dann „Fortnite“. Aus Sicht von Cammarata ist vor allem eines wichtig: Die Regeln sollten nicht zu starr und unflexibel sein. „Die meisten Spiele sind sehr dynamisch und funktionieren nicht nach festen Zeiten. Den Spielfluss durch starre Prinzipien zu unterbrechen kann für die Kinder und Jugendlichen sehr frustrierend sein“, sagt sie.

Ein Bild zur Einordnung: Man stelle sich vor, man würde einen spannenden Krimi kurz vor Schluss beenden, ohne konkrete Aussicht, ihn weiterschauen oder -lesen zu können. Besser sind Kompromisse wie zwei Runden „Fortnite“, ein Match bei Fifa oder der nächste Speicherpunkt – auch wenn es dann mal fünf Minuten länger dauert. Denn wer das Beenden der aktuellen Spielrunde erlaubt, statt einfach auszuschalten oder gar den Stecker zu ziehen, vermeidet viel Frust (auf beiden Seiten). Natürlich funktionieren auch die besten Kompromisse nicht immer – gerade in der Pubertät, wenn die Spielekonsole und das Smartphone im eigenen Zimmer genutzt werden, kann schon viel Zeit „verdaddelt“ werden.

Spielsucht: Experte gibt Entwarnung

Wockenfuß rät, das Spielverhalten seiner Kinder zwar im Auge zu behalten, gibt aber gleichzeitig Entwarnung in Sachen Computerspielsucht. „Nur ein sehr geringer Prozentsatz aller Gamer ist wirklich spielsüchtig. Auch exzessives Spielen ist durchaus normal, gerade in der Pubertät“, so der Suchttherapeut.

Immerhin wollten sich die Jugendlichen von der Welt der Erwachsenen abgrenzen, manche finden diese Abgrenzung in der Musik, manche im Sport und andere eben in Computerspielen. Meistens lege sich der Exzess auf Zeit wieder von ganz allein. Wenn aber die Schulnoten zusehends unter „Fortnite“ und Co. leiden, soziale Kontakte, Hobbys und sogar die Körperpflege vernachlässigt werden, lohnt es sich, eine Beratungsstelle für Computerspielsucht aufzusuchen.

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Fazit des Selbstversuchs:

Gleiches gilt natürlich auch, wenn sich Eltern schon vorher Sorgen um den Medienkonsum des eigenen Nachwuchses machen. Am Ende meines Selbstversuches besteht übrigens keine Suchtgefahr. Nicht aus generellem Desinteresse, sondern eher aus Müdigkeit. Mein eigener Sohn ist erst zweieinhalb Jahre alt und bevorzugt eine Freizeitgestaltung voller Peppa-Wutz-Geschichten, Laufradfahren und Spielplätzen. Und abends, wenn er endlich eingeschlafen ist, bin ich meistens viel zu müde für ein digitales Kräftemessen.

Birk Grüling/RND

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