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Kultur Abschlusskonzert in der Thomaskirche: David Stern dirigiert die h-moll-Messe
Nachrichten Kultur Abschlusskonzert in der Thomaskirche: David Stern dirigiert die h-moll-Messe
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12:35 24.06.2019
Der Dirigent David Stern beim Bachfest Quelle: . Gert Mothes/Bach-Archiv
Leipzig

Der Tölzer Knabenchor profitiert sehr von dieser Aufstellung: Links und recht neben sich hat Dhttps://www.lvz.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-Regional/David-Stern-und-der-Toelzer-Knabenchor-beenden-das-Festival-mit-der-h-moll-Messeavid Stern knapp drei Dutzend der Jungs direkt ans Emporen-Geländer der Thomaskirche gerückt. Wie ein Keil klemmt beim Abschlusskonzert des Bachfestes 2019 dazwischen sein Orchester Opera fuoco. Und als Folge dieser interessanten Anordnung strahlen vor allem Sopran- und Altstimmen um die Wette.

Unter die Haut

Ungeheuer brillant ist dieser Klang, sehr direkt, gerade, durchdringend und lebendig, dabei höchst wandelbar und beweglich. Und obschon die Tölzer Tenöre links bisweilen etwas hölzern klingen und rechts einige besonders durchsetzungswillige Bässe hohe Pfundnoten mit all ihrer vokalen Manneskraft emporstemmen, als seien es Zentnersäcke, geht dieser grandiose Knabenchorklang sofort unter die Haut.

Triumph behält die Oberhand

Jedenfalls in den konzertanten Sätzen, in denen die Bayern prunken können mit der Virtuosität ihrer Koloraturen, der Makellosigkeit ihrer Intonation, der Akkuratesse ihrer Artikulation und der Homogenität ihrer Tongebung. Gloria und Et in terra pax, Cum Sancto Spirito und Et resurrexit klangen selten so kraftvoll jubilierend bei einem Bachfest-Abschluss, Et in carnatus est und Crucifixus selten so bewegend. Das finale Dona nobis pacem durchmaß kaum je einen so weiten Raum zwischen Inbrunst und Triumph. Und weil letzterer am Ende die Oberhand behält, ist der Jubel gewaltig in der seit Monaten bereits ausverkauften Thomaskirche.

Wo Licht ist, fällt Schatten

Allerdings fällt, wo Licht hell strahlt, auch Schatten. Denn so gut Sterns Aufstellung hier funktioniert, so groß sind die Probleme, die sie an anderer Stelle verursacht. Im Chor sind in den hochkomplexen Sätzen im alten Stil die Timing-Schwierigkeiten nicht zu überhören, die sich offenhörlich ergeben, wenn Chorstimmen übers Orchester hinweg den Kontakt zueinander verlieren. Und dies könnte ebenfalls ein Grund sein für den streckenweise sehr dick aufgetragenen Bass.

Ungewohnte Bedingungen

Sterns Orchester tut sich insgesamt ziemlich schwer mit diesen ungewohnten Bedingungen. Bereits im viertaktigen Kyrie-Motto, das Bach dem Opus summum seiner Kirchenmusik voranstellte, tönt das historische Instrumentarium seltsam matt und distanziert. Kommen Pauken und Trompeten ins Spiel, wendet sich das Blatt, dann liefern der sensationelle David Blackadder und seine Kollegen die fehlenden Obertöne zu, ohne den Rest zu überdecken. Der Klang rastet ein bei enthusiastischer Festlichkeit, und alles wird gut.

Samtweiche Traversflöte

Erstaunlicherweise aber funktioniert die Orchesteraufstellung am anderen Ende des dynamischen Spektrums am wenigsten. Bereits im Laudamus te fällt es Katharina Wolff merklich schwer, den filigranen Ton ihrer Solo-Violine bis hinunter ins Kirchenschiff zu tragen. Jean Brégnac ergeht es mit seiner samtweichen Traversflöte nicht anders, und auch die Oboeninstrumente haben es nicht leicht. Ursula Paludan Monbergs Corno da caccia dagegen hat keine Durchsetzungsprobleme. Drum hört man sehr deutlich, was sie sehr schön spielt – und was nicht.

Mischklang

In dichteren Sätzen schließlich entsteht ein Mischklang, der die Bemühungen der Aufführungspraktiker um Transparenz und Beweglichkeit ad absurdum führt und die Erkenntnis nährt, dass es schön ist, David Stern beim Experimentieren mit dieser Aufstellung erlebt zu haben, aber unnötig, dies ein weiteres Mal zu tun.

Flexible Vorstellungen

Zumal sich unter den Solisten die Außenstimmen jeder Anpassung an die veränderten raumakustischen Gegebenheiten verweigern: Theodora Raftis gibt mit ihrem schönen klaren Sopran mächtig Gummi und lässt so im Christe eleison bereits weder dem sinnlichen Organ ihrer Mezzo-Kollegin Adele Chavet noch den vereinigten Geigen Luft zum Atmen und Raum zur Entfaltung. Überdies schert sie sich kaum bis nicht um Sterns Aussprache-Absichten und kantet forsch französische Üs ins italienische Umfeld. Bei Laurent Naouri dagegen fiele derlei Feinheit kaum auf. Zu grobschlächtig tönt sein Bass, zu flexibel sind seine Vorstellungen vom Tonhöhenverlauf, zu behäbig die Koloraturen.

Grandioser Andreas Scholl

Der Rest des Solisten-Ensembles fächert sich auf zwischen fabelhaft (Charvets Mezzo und Andrés Agudelos Tenor) und grandios – wofür der Altus Andreas Scholls steht. Die üppig mit Farben auftrumpfende Tiefe seiner Stimme, die sinnliche Kraft der Mittellage, die Delikatesse schließlich der beeindruckenden Höhe, sie treten im Agnus Dei in den Dienst eines inhaltlichen Musizierens, das alle Aufstellungsfragen obsolet erscheinen lässt. Diese seidige Sehnsucht, das zärtliche Flehen, die sanfte Trauer entschädigen vielfach für alle Unzulänglichkeiten zuvor.

Angemessener Anfang vom Ende

Und sind ein angemessener Anfang vom Ende eines Bachfestes, das unter dem Intendanz Michael Mauls und dem Motto „Hof-Compositeur Bach“ ein neues Profil entwickelt: Weniger elitär scheint es, sinnlicher, verspielter, besser gelaunt, experimentierfreudiger und zugewandter war dieser Jahrgang als die 20 zuvor. Bleibt das Bachfest diesem Weg treu, stehen der weltweiten Bach-Gemeinde gut Zeiten ins Haus.

Von Peter Korfmacher

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