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Kultur Alexander Shelley am MDR-Pult, Gabriela Montero am Flügel im Gewandhaus
Nachrichten Kultur Alexander Shelley am MDR-Pult, Gabriela Montero am Flügel im Gewandhaus
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16:07 15.10.2018
Wunderbar: Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero.
Wunderbar: Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero. Quelle: Foto: Shelly Mosman / MDR
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Leipzig

Ein schöner Mozart-Klang: Mit der verbindlichen Attacke der Originalklinger bereiten das MDR-Orchester und sein Gastdirigent Alexander Shelley der Solistin Gabriela Montero im c-moll-Klavierkonzert KV 491 das Feld. Beinahe so, als liege schon Beethoven auf den Pulten, der gerade dieses Werk besonders schätzte, stellt Shelley in klaren Farben das Material zur Schau, aus dem sich im Kommenden gleichermaßen kunstvoll wie natürlich ein Klavierkonzert entwickelt, das anders ist als alle anderen aus Mozarts Feder.

Schon die üppige Besetzung macht es klanglich und emotional zu dem, das Gabriela Monteros kraftvoll vollmundiger Tasten-Poesie wohl am weitesten entgegenkommt. Hier kann wunderbarer Anschlag am modernen Steinway in satten Farben schwelgen. Hier kann sie Linien aussingen, ihr Spiel belebend und beseelend minimal neben die Schwerpunkte setzen. Dabei liegt ihr keineswegs besonders die Schwermut am Herzen, die viele in dieses Konzert in Mozarts Schicksals-Tonart hineingeheimnissen. Vielmehr findet Montero hinter komplexen Strukturen, in getupften Laufkaskaden und gewichtigen Akkordverbindungen so etwas wie einen abstrakten Volkston, musikalische Wahrhaftigkeit, deren Strahlkraft sie ausgerechnet auf die so oft so banalen Tonwiederholungen des Larghetto fokussiert. Sie atmen, sie beben, sie leben. Kein Ton klingt da wie der andere – und doch ist nichts Mutwilliges an dieser Gestaltung, die Üppigkeit mit Transparenz verbindet und Virtuosität mit Schönheit. Auch in der hartnäckig erklatschten Zugabe: Monteros monumentale Improvisation, eine hochkomplexe Choralphantasie aus dem virtuosen Geist spätromantischer Neobarocks über die aus dem Publikum vorgeschlagenen ersten Töne von „Ein feste Burg“.

Shelley begleitet das Konzert mit Hingabe. Mehr allerdings macht er nicht. Er hilft dem Flügel aufs Podest und sieht die eigene Rolle sowie die des Orchesters hernach nur noch als die des Stichwortgebers. Das ist im Wesentlichen zuverlässig und souverän, im Einzelfall auch mal sehr schön (Holzbläser im Mittelsatz), bleibt aber in der Substanz unverbunden, weil Shelley seine wunderbare Solistin zwar auf Händen trägt, ihr aber kaum etwas ablauscht. So sind die Perioden im Orchester auch am Ende der halben Stunde noch so akkurat ausgezirkelt wie zu Beginn, verharrt die Phrasierung in streberhafter Konsequenz. Und weil diese harmlose Muszierhaltung aus philharmonischer Vollkommenheit erst ihre Relevanz entwickelte, stören die Ungereimtheiten in Intonation und Zusammenspiel hier doch sehr empfindlich.

Allerdings nicht so empfindlich wie in Brahms’ Zweiter nach der Pause. Hier verkauft sich das im Prinzip fabelhafte Orchester auf erstaunlich weiten Strecken erstaunlich weit unter Wert. Am weitesten hinten rechts, wo die Posaunen einen indiskutabel schlechten Tag haben. Aber auch sonst: Die Geigen trainieren einzeln für den gemeinsamen Freischwimmer; aus dem Horn kommen wunderbare Solos, aber auch ungelenk in den Satz gekantete Synkopen; die Celli bekommen ihre Pizzicati nicht übereinander. Und so klingt das Allegro non troppo harmlos bis zäh, zerfasert das Adagio non troppo uninspiriert, ist im Allegretto grazioso von Grazie keine Spur, und im Allegro con spirito lässt kein Geist nirgends sich blicken. Wirklich zu verstehen ist das nicht. Denn das Orchester steht ja weder mit der großen romantischen Tradition im Allgemeinen noch mit Brahms im Speziellen auf Kriegsfuß. Und Shelley hat sich in Leipzig bei der Gewandhaus-Konkurrenz bereits mehrfach mit fabelhaften Konzerten empfohlen. Mit schmissigen Tönen im Rosental, mit sensiblen im Saal.

Letztere bleibt er diesmal allerdings auch zu Beginn schuldig. Obwohl doch Claude Debussys „Prélude à l’aprés midi d’un Faune“ seinen Zauber, seine Erotik, seine Schwüle, seine Schönheit ganz aus ihnen ziehen sollte. Im passabel besuchten Gewandhaus dagegen spielt ein (hier immerhin noch handwerklich überzeugendes) Orchester Musik, mit der es offenhörlich nichts anfangen kann. Und ebenso offenhörlich hat der Dirigent sie ihm nicht nennenswert näherbringen können. Ziemlich enttäuschend – wie die ganze orchestrale Seite dieses „Zaubers“.

3. November steht Alexander Shelley erneut am Pult der MDR-Klangkörper. Dann dirigiert er in der Peterskirche Werke von Max Reger, Samuel Barber, Rudi Stephan, Gustav Holst, Walter Braunfels und Ernest Farrar. Tickets (17–44 Euro) gibt’s unter anderem in der Ticketgalerie (Hainstr. 1), in allen LVZ-Geschäftsstellen oder an der Gewandhauskasse.

Von Peter Korfmacher

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