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00:24 21.09.2018
Sehenswert: „Let Us Rest“ im Interim des Lofft. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Leipzig

Die vier auf der Bühne, das ist schon mal festzuhalten, haben alle einen an der Klatsche. Verzärtelt schüchtern, geradezu apathisch, mit irrem Blick oder zauselig verwirrt nähern sie sich dem Publikum. Und nähern sich. Und nähern sich, bis sie ganz dicht dran sind. Fast zum Anfassen. Tisch und Stühle sowie zwei Gläser Wasser werden dabei in mit lautem Geschiebe und Geschubse mit nach vorne gebracht – Gruppentherapie mal anders.

Ausgangspunkt für den Tanzabend „Let Us Rest“, der am Montag Abend in Rahmen der Lofft- Werkstattreihe in der Interimsspielstätte in der Demmeringstraße 22 Premiere hatte, ist tatsächlich die Therapiefrage. Allerdings weniger Theater oder Tanz als Ansatz, sondern eine historische Grundsatzbetrachtung. Choreografin Clara Sjölin hat sich das Werk des französischen Arztes Jean-Martin Charcot als Folie genommen, der im 18. Jahrhundert erstmalig das Krankheitsbild der sogenannten Hysterie beschrieb. Eine Krankheit, die nur bei Frauen auftrat und ihre Heilungsversuche von Charcot gerne in aller Öffentlichkeit für ein voyeuristisches Publikum durchgeführt wurden.

Hier setzt Sjölin mit ihren drei Tänzerinnen (Joséphine Auffray, Hannah Parsons, Lotte Müller) und dem Tänzer Charlie Fouchier an. Denn auch Theater ist ja per se ein Ort für Voyeurismus, doch haben die Personen hier natürlich im Gegensatz zu der Situation bei Charcot das Heft des Handelns als Subjekte selbst in der Hand. Und damit entfachen sie während der knapp einstündigen Performance einen ganz schönen Wirbelwind. Vier entfesselte Subjekte, die genussvoll mit den Insignien der psychiatrischen Anstalt herumwirbeln. Da fliegt der Emailletopf über die Bühne, wird eine Matratze zum Zentrum des Geschehens, unter dessen Spannbettlacken sich Berglandschaften bilden. Oder alle üben sich im kollektiven Putzfimmel, arbeiten gegeneinander.

Wo die eine fein säuberlich die Topfschwämmchen mit Klettband an der Wand befestigt, reicht ein beherzter Schwung mit dem Wischmopp, um alles auszulöschen. An anderer Stelle purzeln immer wieder Unterröcke von der Wäschestange. Diese vier Akteure bilden keine Gruppe, kein Kollektiv, sondern sind atomisierte Individuen auf der Suche nach dem besten Platz an der Sonne. Und der ist natürlich immer schon besetzt; ein amüsantes Chaos nach Sisyphos. Dem Team gelingt hier die Kunst, auf dem Drahtseil zu tanzen und weder in tiefdüstere Schwere noch in allzu leichte Heiterkeit abzustürzen.

Für Ordnung sorgt dann ausgerechnet Charcot. Seine Parolen bringen die vier Performer auf Linie, bis sie wieder ganz eng am Publikum stehen. Einer ruft: „Charcot sagt: Zeigt euren Hals.“ Und sie zeigen ihren Hals – allerdings ganz unterschiedlich. Eine Tänzerin reißt den Mund weit auf, andere strecken den Kopf verrenkt gegen Bühnenhimmel. Die Uneindeutigkeit des scheinbar Eindeutigen nimmt hier konkrete Formen an.

Die Gruppe um Choreografin Clara Söljin, die in London ausgebildet wurde, hat sehr genau gearbeitet. Das Ergebnis ist ein sehr sehenswertes Stück, das auch performativ-tänzerisch überzeugt. Herausragend der Rhythmus der Arbeit, die mal mit fließenden Übergängen, mal mit harten Schnitten hantiert und zudem mit einer extrem dichten Bild- und Erzählstruktur daher kommt. Auch die Musikauswahl ist stimmig: Zwischen psychdelischem Elektro und Italo-Schlager changiert das Spektrum, und wenn die Gruppe voller Inbrust, aber ohne Koordination „Yellow Submarine“ in einer der wenigen richtigen Gruppenszenen schmettert, ist das auch schon wieder ein Statement zur Kunsttherapie. „Let Us Rest“ macht Lust auf mehr. Und Clara Söljin ist auf jeden Fall eine Künstlerin, von der man in Leipzig mehr sehen will.

Weitere Aufführung am Dienstag und Mittwoch um 20 Uhr im Lofft-Interim, Demmeringstraße 22.

Von Torben Ibs

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