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Kultur Als sie träumten: Display über das Jahr 1990 auf dem Leuschner-Platz
Nachrichten Kultur Als sie träumten: Display über das Jahr 1990 auf dem Leuschner-Platz
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19:30 20.06.2018
Ein Jahr in einer Collage aus Fotos von Andreas Rost und Texten – tagebuchartigen Reflexionen des Fotografen Christian Borchert, Ereignisschnipseln, Zeitungs- und Buchzitaten. Quelle: André Kempner
Leipzig

Etwas verloren steht dieses auf Holz gebaute Bild-Text-Display auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig. Doch beim Näherkommen scheint es fast größer zu werden, als es tatsächlich ist. Wer schließlich davorsteht, wird unwillkürlich hereingezogen in dieses Jahr 1990, das hier auflebt in einer klugen Montage aus Fotos von Andreas Rost und Texten – tagebuchartige Reflexionen des Fotografen Christian Borchert (1942–2000), Zeitungs- und Buchzitaten, Losungen, Ereignisschnipseln. Zusammengestellt von der 1974 in Halle geborenen Künstlerin Elske Rosenfeld.

„1990 freilegen“ ist der unter anderem per Crowdfunding finanzierte Bild-Text-Essay überschrieben. Am Dienstagabend wurde die Installation mit rund 100 Gästen offiziell eröffnet, sie markiert den Auftakt des 8. Festivals für Fotografie f/stop Leipzig, das am Freitag um 19 Uhr in Halle 12 der Leipziger Spinnerei unter dem Titel „Zerrissene Gesellschaft“ beginnt – hier ist die Hauptausstellung zu sehen – und bis 1. Juli an verschiedenen Orten der Stadt stattfindet, mit weiteren Präsentationen in Galerien, Symposien und einem Workshop.

Während die zum Festival vor zwei Jahren in der Straße des 18. Oktober aufgestellten Tafeln über die Pionierin der Kriegsfotografie, Gerda Taro, nach zwischenzeitlicher Zerstörung durch Vandalismus dauerhaft bleiben sollen, wird die Arbeit auf dem Leuschner-Platz nur während des Festivals zu sehen sein. Es gebe aber schon Anfragen, sie auch an anderen Orten zu zeigen, sagt der 1972 in Bautzen geboren Jan Wenzel, der das Festival erneut mit Anne König kuratiert.

Keine neutrale Geschichtsstunde

Es ist ein Parcours, den jeder für sich selbst finden und weitergehen kann, keine vermeintlich neutrale Geschichtsstunde mit Zeittafel-Ordnung. Als wäre hier eine Kapsel gestrandet und gebe nun Vergessenes, Überschriebenes und Übersehenes frei. In einer Ecke spricht ein Zitat des französischen Soziologen Didier Eribon: „Unnachgiebig graviert die Fotografie die Markierungen des Gewesenen in das ein, was wir jetzt sind und vielleicht nicht mehr sein wollen. Gegen unseren Willen kommt zu uns zurück, wovon wir uns losreißen wollten.“

So hält diese Vergangenheit auch dem Heute verschiedene Spiegel vor. Etwa mit einem Satz, den die Historikerin und ehemalige Bürgerrechtlerin Renate Hürtgen im Juli 1990 bei Arbeitnehmervertretern der DDR aufgesammelt hat: „Die Fieslinge der Nation, die ewigen Opportunisten, die auf dem Dung aller Systeme gedeihen, sind es wieder, die sich nach allen Seiten abgesichert haben, alles gutheißen und überall ihren Schnitt machen.“ Vom einstigen Einheitskanzlerberater Horst Teltschik, nicht unbedingt als Romantiker bekannt, ist ein Satz zu lesen, der geradezu lyrisch weiterklingt: „Ein Chor singt, geht aber im Lärm der Menschen unter. Auch die Freiheitsglocke ist kaum mehr zu hören.“

Es sind zwei große Gefühlslinien, die von diesem 1990 ausgehen, die in den abgebildeten Gesichtern sowie den Texten spürbar werden. Da ist auf der einen Seite eine Befreiung zu sehen – und gleichzeitig eine Enttäuschung darüber, dass diese so schnell vorüber war, verspielt, verweht. Ausgeträumt. „Wer sich mit dem Erfolg populistischer Bewegungen in Ostdeutschland auseinandersetzen will, muss das Jahr 1990 freilegen“, meinen die Kuratoren. Ein Jahr, das im Gegensatz zu 1989 angesichts einer schwer zu fassenden Ereignis-Beschleunigung womöglich nur unscharf-verwischt im Gedächtnis aufgehoben blieb.

„Ab sofort war ich Hausbesetzer“

Erstürmung der Stasizentralen, Runde Tische, Gründung der Treuhandgesellschaft, Volkskammerwahl am 18. März, Währungsunion im Sommer, Vereinigung am 3. Oktober und erste Bundestagswahl des wiedervereinigten Deutschlands – all dies leuchtet nur am Rand in den Fotos auf, die der 1966 in Weimar geborene Fotograf Andreas Rost 1990 gemacht und für Jahrzehnte weggelegt hat. Rost, ein international bekannter Fotograf, lebt heute in Berlin. Von 1988 bis 1993 studierte er an der Leipziger HGB, bei Arno Fischer und Evelyn Richter, engagierte sich am Runden Tisch – und fotografierte in Berlin und Leipzig. „Ich bin raus auf die Straße gegangen, mit der Kamera als Rechtfertigung dafür.“ So hatte er zu tun. Jetzt, wo er die Bilder sichtete, sei er überrascht gewesen, wo er überall war, was er alles gemacht hat. Enttäuscht sei er damals gewesen, darüber „dass sich die Menschen auf der Straße so schnell von unseren Werten der Bürgerrechtsbewegung entfernten“. Rost hatte bald anderes zu tun. „Wir besetzten das Tacheles in Berlin. Ab sofort war ich Hausbesetzer.“ Viele der damals entstanden Bilder sind nun zu sehen. Zum Beispiel das mit der älteren Dame, die auf eine Lücke im Wellblech auf die Baustelle blickt. Auf dem Bauzaun steht: „Soll es so einfach sein uns zu kaufen.“

„1990 freilegen“ auf dem Leuschner-Platz in Leipzig; Fotofestival f/stop: Eröffnung am Freitag, 19 Uhr, in der Werkschauhalle 12 in der Spinnerei (Spinnereistraße 7), anschließend Party, das Festival geht bis 1. Juli mit Ausstellungen und Veranstaltungen an verschiedenen Orten; www.f-stop-leipzig.de

Von Jürgen Kleindienst

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