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Kultur Andrei Gavrilov und das Philharmonische Kammerorchester Berlin
Nachrichten Kultur Andrei Gavrilov und das Philharmonische Kammerorchester Berlin
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12:05 31.01.2016
Andrei Gavrilov im Gewandhaus.
Andrei Gavrilov im Gewandhaus. Quelle: kfm
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Leipzig

Anders will Andrei Gavrilov sein zweites Rachmaninoff-Konzert haben. Anders als alle anderen. Er zeigt es bereits in den ersten Takten, die er da am Samstagabend mit zunehmender Brutalität in den Gewandhaus-Steinway hämmert. So gnadenlos, dass das gewaltige Instrument kurz davor ist, die Segel zu streichen. Blechern wird der Klang, eng, geräuschhaft. Aber die Weichen sind gestellt: Für den Rest dieses vielleicht populärsten aller Klavierkonzerte wird der einst so fulminante Russe sich der Pfundnoten erinnern, die die Linke da in die Tasten meißelt. Und immer, wenn die Partitur Ähnliches hergibt, dann meißelt er wieder. Der Rest scheint den 1974er Gewinner des Moskauer Tschaikowski-Wettbewerbs nicht weiter zu interessieren. Die Farben nicht, nicht die Bögen, schon gar nicht die Zartheit und erst recht nicht der virtuose Prunk dieser drei Sätze.

Damit treibt Gavrilov Rach Zwei zwar recht gründlich alles Sentimentale aus, das diesem Werk allzu oft anhaftet. Doch bleibt dabei auch alle Poesie auf der Strecke, die Schönheit – die Seele. All das leidet nicht nur unter der interpretatorischen Bizarrerie des Pianisten, der es diesbezüglich locker mit dem späten Pogorelich aufnehmen kann. Es leidet noch mehr unter seinen pianistischen Defiziten. Man mag, wie er da auf der Gewandhausbühne mit dem Gedächtnis ringt, hier ganze Passagen auslässt, dort andere sehr, sehr frei extemporiert, kaum glauben, dass dieser Mann der Welt einst die einzige Einspielung aller Chopin-Etüden schenkte, die auf Augenhöhe mit der Pollinis gehandelt wird.

Oft ist das Ergebnis immerhin der Partitur ähnlich, manchmal ist es auch das nicht. Und das liegt dann nicht daran, dass Gavrilov es eben anders will. Das zeigen die wenigen Momente, in denen sein Spiel dann doch einrastet, in denen er das dichte Geflirr des Klaviersatzes aufbricht, rhythmisch belebt, farblich durchleuchtet. Dies bleiben seltene und gespenstisch kurze Momente alter Größe. Und sie machen diesen Abend eher noch deprimierender.

Gavrilov findet keinen gangbaren Weg. Schon in Tempofragen nicht. Und angesichts des fortwährenden Stauens und Schubsens, Dehnens und Stauchens, angesichts der mutwillig in den Satz gekanteten Akzente, der neuen Noten und der fehlenden, ist schon bewundernswert, dass Rimma Sushanskaya mit dem Philharmonischen Kammerorchester Berlin immerhin oft auf Sichtweite navigiert. Zusammen allerdings sind sie und der Pianist nie. In den Akkorden der Einleitung nicht und nicht beim Schlussakkord. Das wird nicht besser durch Gavrilovs scheindirigentisches Gefuchtel – und auch nicht, wenn es fehlt.

Immerhin irrlichtert durch die beiden sehr bereitwillig gereichten Zugaben noch ein wenig von der alten pianistischen Grandezza. Bei Scarlatti die zarte Präsenz seines Anschlags, bei Prokofjews „Suggestion diabolique“ der Furor der Virtuosenpranke.

Die pianistische Karriere des 60-Jährigen sah in den letzten vier Jahrzehnten viele gipfelstürmende Aufs und ebenso viele tragische Abs. Im Moment scheint sie wieder ein Tal zu durchschreiten. Sonst würde er wohl nicht mit einem solchen Orchester tingeln. Das Philharmonische Kammerorchester Berlin hat mit den Berliner Philharmonikern natürlich nichts zu tun. Es ist ein Projekt-Orchester. Ein Muggenhaufen – in dem immerhin einige Dutzend hervorragender Musiker sich ein paar Euros dazuverdienen. Aber einige Dutzend hervorragender Musiker machen noch kein hervorragendes Orchester aus. Und wenn an entscheidenden Stellen das Niveau durchhängt, wird die Sache problematisch. In Smetanas „Moldau“ beispielsweise sind schon zu Beginn beide Flöten auf unterschiedlichen Nebenarmen unterwegs. In Intonationsfragen, bei der Phrasierung, im Tempo. Und bis zum Schluss dieses so wunderbaren und populären Stückes finden nicht nur diese beiden Musikerinnen nicht zueinander. Sushanskaya bringt den Strom nicht in Fluss. Ordnet sie Forte an, spielen alle einigermaßen laut, ohne dabei auf die Balance Acht zu geben. So sind dann Holz und Streicher etwas und das Blech viel lauter. Plädiert sie für Piano, spielen manche Musiker etwas leiser. Und niemand braucht in dieser Cappella telefonica einen verhaltensauffälligen Pianisten, um fröhlich um die Wette zu klappern.

Das alles ist nach der Pause etwas besser. Antonín Dvoráks Sinfonie aus der Neuen Welt ist zwar auch meist hinten wie vorn nicht zusammen und auf weiten Strecken von Sushanskaya gefährlich langsam angelegt, im Detail aber deutlich feiner ausgearbeitet. Streckenweise klingt das schön, greift mit dem herrlichen Englisch-Horn-Solo des Adagio momentweise mal nach der Seele.

Doch davon abgesehen rechtfertigt nichts an diesem Abend die interessante Kalkulation der Kartenpreise (20–50 Euro) in einer Stadt, in der man fürs gleiche Geld das Gewandhausorchester hören kann und für die Hälfte das des MDR. Die allerdings spielen meist nicht solche schamlos populären Programme. Vielleicht sollten sie es wieder häufiger tun. Damit würden sie, der ausverkaufte Saal zeigt es , gewiss schneller Hemmschwellen einreißen als mit halbgarem Crossover-Gewese. Und, wer weiß, vielleicht würde auch ein Andrei Gavrilov mit musikalischen Partnern auf Augenhöhe, mit Musikern, die ihn ernstnehmen, auf ihn hören, ihn aber auch lenken können, wieder zu alter Größe finden.

Von Peter Korfmacher

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