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Kultur Andris Nelsons stellt Mendelssohn und Schumann in den Fokus
Nachrichten Kultur Andris Nelsons stellt Mendelssohn und Schumann in den Fokus
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13:52 11.01.2019
Andris Nelsons dirigiert im Gewandhaus. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Nein, bei dieser Musik spielt dem Gewandhausorchester niemand etwas vor. Drum ist der „Fokus Mendelssohn & Schumann“, der bis Ende Januar die Großen Concerte, die Kammer- und Orgelmusik am Augustusplatz prägt, nicht nur pflichtgemäße Verbeugung vor den Architekten der Leipziger Romantik. Er verbürgt überdies musikalische Weltklasse. Und weil das so ist, sind sie wieder rappelvoll, die Großen Concerte des Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons.

Musikalische Lebensfreude

Er tritt in große Fußstapfen. Denn sowohl mit der „Italienischen“ des Gewandhauskapellmeisters Mendelssohn als auch mit Schumanns Zweiter, die Mendelssohn mit dem Gewandhausorchester vor 180 Jahren aus der Taufe hob, haben Riccardo Chailly, Herbert Blomstedt und Kurt Masur immer wieder die Sterne vom Himmel musiziert – und auch auf Tonträger Maßgebliches hinterlassen. Doch ist Nelsons keiner, der sich beim Musizieren allzu viel Vergangenheit auf die Schultern lüde. Sein Mendelssohn lebt vom und aus dem Augenblick – und gedeiht dabei prächtig. Bereits die ersten plappernden Tonwiederholungen der Bläser spannen die Feder vor für eine gute halbe Stunde musikalischer Lebensfreude und Ausgelassenheit.

Klassizistische Romantik

Natürlich spielt dieses Orchester diese Sinfonie im Schlaf – aber unter Nelsons kippt Vertrautheit nicht in Routine, sondern lässt Raum für lustvolle Erkundungen. Hier ist nichts grundsätzlich neu oder anders als bei den Vorgängern. Überhaupt interessieren Nelsons, anders als Chailly und Blomstedt, philologische Fragen nicht sonderlich. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der er nun das Gewandhausorchester an die Hand nimmt, um es mit traumwandlerisch sicherem Stilempfinden auf den höchsten Gipfel von Mendelssohns klassizistischer Romantik zu führen, überrascht dann doch.

Kultiviert, nobel, beherrscht

Der Enthusiasmus des Allegro vivace, der Legato-Zauber des wunderbar innig ausgesungenen Andante con moto und des innigen Con moto moderato, schließlich der Furor des finalen Springtanzes, das alles nimmt Nelsons sozusagen unter einen langen Atem. Er zieht den Spannungsbogen über die Satzgrenzen hinweg von der ersten bis zur allerletzten Note – und findet doch dazwischen immer wieder Muße, sich umzuschauen, neue Farbnuancen zu probieren, überraschende Positionslichter zu setzen. Und nie lässt er dabei den Fluss stocken oder den Klang verhärten. Bei aller Energie bleibt Nelsons’ Mendelssohn bis zum beinahe lapidaren Schlussakkord kultiviert, nobel, elegant, beherrscht.

Stürmer und Dränger

Das alles gilt auch für seinen Zugriff auf Schumanns Zweite. Was insofern bemerkenswert ist, als Schumann ja im Ruf steht im Gegensatz zum abgeklärten und früh vollendeten Mendelssohn ein heißblütiger Stürmer und Dränger gewesen zu sein. Das merkt man seiner Zweiten mehr als nur ein bisschen an. Denn der sinfonische Architekt Robert Schumann hielt hier mühsam nur Schritt mit der überbordenden melodischen, harmonischen und instrumentatorischen Erfindungskraft.

Schumanns Instrumentation

Die Instrumentation – in den letzten 180 Jahren ist ausführlichst herumgekrittelt worden daran. Schumann habe sie nicht beherrscht, ungeschickt, schwerfällig, übergewichtig die Noten auf die Instrumente verteilt. Und nicht wenige Dirigenten, darunter Komponisten von Rang wie Gustav Mahler, dessen Einrichtungen Chailly seinerzeit in Leipzig auf CD produzierte, sahen sich bemüßigt, in den Partituren herumzufuhrwerken. „Verbessern“ nannten sie, was sie da taten.

Gespannte Heiterkeit

Aber Schumanns Sinfonien bedürfen nicht der Korrektur, sie bedürfen eines Dirigenten, der ihnen vertraut. Brauchen einen wie Andris Nelsons, der bereits den Kopfsatz nach dem gravitätischen Beginn so kraftvoll, so aufblühend, in so gespannter Heiterkeit gestaltet, dass der Zwischenapplaus wohl unvermeidbar ist. Im Scherzo eilen die Auftakte so munter, so erwartungsfroh ihrem Ziel entgegen, dass es beinahe unmöglich ist, ruhig auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben, und in den Trios möchte man aufseufzen angesichts der Schönheiten, die Nelsons da zu einem plausiblen Ganzen verdichtet.

Himmlische Holzbläser

Das Adagio espressivo, dieses weit ausschwingende Lied der Liebe und des Lebens, gerät danach zum Höhepunkt, dieses außergewöhnlich großen Großen Concertes. Wie Nelsons selbst die fragilen Fugato-Splitter noch beseelt, wie er die himmlischen Holzbläser atmen lässt und leuchten, das entschädigt schon vorab dafür, dass die Streicher um Konzertmeister Sebastian Breuninger im rasanten Finale nicht ohne Huddeleien auskommen.

Jubel über Jubel

Was auch nichts daran ändert, dass man sich diese beiden Sinfonien in dieser Form auf Tonträger wünschte. Und Mendelssohns innerhalb von drei Tagen aufs Papier geworfenen Geniestreich der Ouvertüre zu „Ruy Blas“, mit der Nelsons den Mendelssohn-und-Schumann-Fokus eröffnet, am besten auch gleich. Jubel über Jubel.

Das Programm wird am 11. Januar, 20 Uhr, und am 13 Januar, 11 Uhr, wiederholt. Mit viel Glück gibt’s an der Abend- und Tageskasse noch Restkarten.

Von Peter Korfmacher

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