Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Atmen im Weltraum: The Notwist hätten fürs Leipziger Konzert den Nobelpreis verdient
Nachrichten Kultur Atmen im Weltraum: The Notwist hätten fürs Leipziger Konzert den Nobelpreis verdient
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 17.02.2017
Meister des Knispeln und Zirpens. Markus Acher im Conne Island.
Meister des Knispeln und Zirpens. Markus Acher im Conne Island. Quelle: Benjamin Heine
Anzeige
Leipzig

„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie ihr in den Magen fährt“, grönemeyert es aus dem Radio auf dem Weg in den Leipziger Süden. Man kann es sich nicht immer aussuchen. Kurz vorm Conne Island spielt ein Mann im Gehen Mundharmonika. Beides, körperlich spürbare Lautstärke und ungewöhnliches Instrumentarium, dominieren auch das Notwist-Konzert am Montag.

Dort ereignet sich gleich zu Beginn Seltsames: Ein Konzert in Leipzig, das halb neun anfangen soll, geht tatsächlich halb neun los. Eine elfenhafte Stimme irrlichtert durch basslastige Geräuschkulissen, Visuals zeigen Schattentänzer vor roten Rauchschwaden, die sich bei genauerer Betrachtung als steinewerfende Demonstranten herausstellen. Ästhetisch und gefährlich ist auch die Musik des Leipziger Duos 1115.

Zu Schlagzeug, Vibraphon, Synthesizer und einigen undefinierbaren Instrumenten werden danach Gitarren und ein elektronisches Gerät nach dem anderen aufgestellt, bis die Bühne voll ist. Ungefähr 173,5 Meter Kabel liegen da, es sieht aus wie in einem Maschinenraum. Sechs konzentrierte Männer treten an die Gerätschaften und senden „Signals“, das erste Stück des Abends. Vibraphon und elektronisches Piepen treffen auf gebrechlichen Gesang. „Wir freuen uns, wieder in Leipzig zu sein“, sagt Markus Acher, und er sagt es so, als ob er nicht vor hunderten Menschen auf einer Bühne stünde.

Das Auge hört mit

„Come In“ zerfällt in Noise, wie man ihn nicht erwarten würde, wenn man die Band erst mit dem Meilenstein „Neon Golden“ kennengelernt hat. Wohl dem, der sein erstes Notwist-Konzert noch vor sich hat, es winkt ihm ein zweites musikalisches Erweckungserlebnis. Denn diese Band kann auch Zartbesaitete mit Krach versöhnen. Weil hier niemand breitbeinig auf der Bühne steht. (Wenn, dann nur äußerlich.)

Nach und nach lassen sich aus dem voluminösen Gesamtsound einzelne Elemente raushören – und entdecken. Egal welchen der Musiker man beobachtet, man sieht ihn an seinem Instrument, immer aber auch an irgendwelchen Reglern drehen oder irgendeinen Gegenstand am Mikro vorbeiziehen. Es knispelt und zirpt an allen Ecken und Enden. „Das Auge hört mit“, stimmte nie so sehr.

In „One Dark Love Poem“, dem einzigen alten Stück des Abends, klingt es, als ob die Band alles kaputtschlagen wolle. Aber dann fistelt Acher wieder eine liebliche Melodie, die in totale Stille mündet, die leiser ist als die Ruhe vor dem Sturm. Als sich das darauf folgende Gewitter gelegt hat, erklingt „The Devil, You + Me“, erst nur die Gitarre, dann wieder der warme Breitbandsound, der diese so abgespacete Musik stets atmen lässt. Auch wenn er wie in „Run Run Run“ zu Techno wird, ist er nie kalt oder steril, sondern immer lebendig. Das Publikum woohoot völlig ekstatisch. Spätestens bei „Neon Golden“ hört das Gekreische nicht mehr auf. Ja, Gekreische, im Conne Island, bei einer Band, wie sie introvertierter kaum sein kann.

Tatsächlich kuscheln ein paar Pärchen

Markus Achers Stimme schwebt dann vom Band in den Saal, und „Pilot“ wird zum absoluten Höhepunkt des Abends. Aus Samples und Gitarre ersteht die Indie-Rock-Hymne, wird zu Jazz, zu Techno, zu einem Trip. Augen schließen, in Trance fallen, nein: schweben. Eine Viertelstunde später die Frage: Ist das immer noch der Song? Ja, die Band findet zurück, der ganze Saal singt, und man ist wieder auf einem Rock-Konzert.

Das letzte Stück „Lineri“ endet in digitalem Vogelgezwitscher. Das Publikum macht einen Lärm, dass alle Vögel der Welt wegflattern würden – und lockt damit die Band nochmal auf die Bühne. Die spielt „Gravity“ dann so laut, dass man sich fragt, ob man jemals wieder etwas hören können wird (und ob man überhaupt jemals wieder etwas hören möchte). Der zweite Zugabenblock ist mit „Consequence“ und „Gone Gone Gone“ so ruhig, dass nach Konzertende tatsächlich ein paar Pärchen kuscheln.

The Notwist machen Musik, die abgespacet ist und lebt, weil sie im Weltraum atmen kann. Ein einfacher Nobelpreis für Physik wäre dafür angemessen.

Von Benjamin Heine

Kultur Musiker und Moderator - Jazz-Papst Michael Naura gestorben
14.02.2017
14.02.2017
14.02.2017