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Kultur Auch Sachsen hat eine Kolonialgeschichte – die bis heute andauert
Nachrichten Kultur Auch Sachsen hat eine Kolonialgeschichte – die bis heute andauert
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11:23 28.08.2019
Birgit Scheps-Bretschneider, Isabelle Reimann, Franziska Eißner, Marion Caris (l-r) bei der Vernissage zur Ausstellung „Collect“ des Künstlers Michael Jalaru Torres in der Galerie KUB in Leipzig . Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die Nachwirkungen des Handels deutscher Kolonialherren hallen bis heute von Sachsen nach Australien nach. Was erstmal unwahrscheinlich klingt, war Australien doch nie eine deutsche Kolonie, führt eine neue Fotoausstellung in der Galerie Kub bildlich vor Augen.

Die Serie „Collect“ stammt von dem australischen Fotografen und Designers Michael Jalaru Torres und zeigt Porträts von Angehörigen der Yawuru Community, einer Gemeinschaft von Aborigines, die seit hunderten von Jahren in Nord-Westaustralien siedelten. Jalaru Torres ist selbst Teil dieser Community. Er inszenierte für die Porträts Gesichter seiner Freunde und Verwandten, schmückte sie mit schwarzen Schleiern und Perlen vor rotem Hintergrund. Perlen haben für die Yawuru einen besonderen Stellenwert, sie sind Teil einer langen Tradition und gleichzeitig Symbol für die Gewalt, die ihnen von Europäern angetan wurde.

Europäer witterten das große Geschäft mit australischen Perlen

In der Gegend der heutigen Stadt Broome fischten Jalaru Torres’ Vorfahren im Indischen Ozean und trieben Tauschgeschäfte mit Perlmutt und Muscheln. Nicht lange nach der Ankunft weißer Europäer im 19. Jahrhundert witterten diese das große Geschäft mit den australischen Perlen. Sie zwangen erst junge Frauen und später auch die Männer aus der Aborigines-Gemeinde, in bis zu 12 Meter Tiefe nach den weißen Schätzen zu tauchen. Viele von ihnen überlebten die Tortur nicht. Doch auch ihre sterblichen Überreste waren den Europäern noch für ein Geschäft gut, sie verkauften die Gebeine der Mädchen und Männer nach Europa, wo sie ihren Weg nach Sachsen fanden.

„In the name of Faith“ von Michael Jalaru Torres. Quelle: Christian Modla

„Ein Dresdner hat die Gebeine nach Sachsen verkauft“, weiß Birgit Scheps-Bretschneider, Ethnologin am Museum für Völkerkunde zu Leipzig. Zuerst wurden sie im Dresdner Zwinger ausgestellt, nach dem Zweiten Weltkrieg sind sie im japanischen Palais eingelagert worden, das heute noch das Dresdner Museum für Völkerkunde beherbergt. Sowohl das Museum für Völkerkunde in Dresden als auch in Leipzig sind Teil der Sächsischen Kunstsammlung. „Über 100 Jahre haben die sterblichen Überreste in Sachsen gelegen“, sagt Scheps-Bretschneider. Sie hat sich maßgeblich für eine Rückgabe der Gebeinean die Yawuru Community eingesetzt – ein langwieriger Prozess.

Ein Team aus Wissenschaftlern besuchte die Yawuru in Australien

„Wir wollten die Geschichte der Menschen kennen“, erzählt Scheps-Bretschneider. Um mehr zu erfahren, wurden eine forensische Anthropologin, eine Unfallärztin und eine Gerichtsmedizinerin gebeten, die Gebeine unterschiedlicher Menschen zu untersuchen. Sie konnten Verletzungen und Misshandlungen feststellen. Die extremen Tauchgänge hatten so stark auf die Körper gewirkt, dass sich unter dem Wasserdruck die Schädel verformt haben.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse reichten Scheps-Bretschneider aber nicht. „Die Akten aus dem Museum waren zudem sehr dürftig“, sagt sie. Deswegen besuchte sie 2018 mit einem Team die Yawuru in Australien, um ihre Geschichte, die mündlich von Generation zu Generation weiter gegeben wird, zu hören. Erst so vervollständigte sich das Bild der Perlentaucher von Broome.

Die Fotos verarbeiten die Emotionen der Aborigines

Der Kontakt zu Jalaru Torres kam über die Niederländerin Marion Caris zustande. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Kolonialgeschichte Australiens und lernte Michael Jalaru Torres in Berlin kennen. Als sie von den sächsischen Rückgabeplänen erfuhr, brachte sie Birgit Scheps-Bretschneider und den Fotografen in Kontakt. Die Leipziger „Arbeitsgemeinschaft Postkolonial“ suchte dann nach einer Möglichkeit, die Ausstellung nach Leipzig zu bringen, und fand diese in Zusammenarbeit mit der Galerie Kub. „Die künstlerische Auseinandersetzung soll auch den Menschen in Leipzig die Möglichkeit geben, sich mit der Rückgabe auseinanderzusetzen“, erklärt Isabelle Reimann von der „AG Postkolonial“. Es sei wichtig, ein Bewusstsein für koloniale Geschichte zu schaffen. „Die Prozesse gehen weiter, Aborigines kämpfen heute immer noch um ihre Landrechte“.

„Bombs, Buttons, Pearls“ von Michael Jalaru Torres. Quelle: Christian Modla

In seiner Ausstellung verarbeitet Jalaru Torres die Emotionen der Yawuru. Eine Frau inszeniert er als Madonna mit einem Heiligenschein aus schimmernden Perlen. Ein schwarzer Schleier bedeckt ihre Haut. „In Broome wird der weißen und der asiatischen Geschichte der Perlenindustrie gedacht“, erzählt er. „Nicht aber der Aborigines“. Wie durch einen Schleier sei die Geschichte seiner Vorfahren verdeckt und doch für jedermann sichtbar. Es fehle die Anerkennung für die Yawuru.

Eine Gedenkstätte soll an die Perlentaucher erinnern

Das soll sich in Zukunft ändern. ImApril 2019 reiste eine Delegation der Yawuru schließlich nach Sachsen, um die Gebeine ihrer Vorfahren abzuholen. Dieser Prozess wurde von emotionalen Zeremonien der Yawuru begleitet. Auch in Australien hat die Rückführung Debatten um die Kolonialzeit angestoßen. Derzeit befinden sich die Gebeine in einem Museum im australischen Perth. Die Yawuru planen, sie im kommenden Jahr in einer eigens dafür errichteten Gedenkstätte in Broome beizusetzen. Von zwei Toten wurden stellvertretend für die Gruppe Gesichtsrekonstruktionen angefertigt und am Denkmal ausgestellt.

Die Arbeit der Ethnologin Birgit Scheps-Bretschneider und ihrer Kollegen am Museum für Völkerkunde ist damit allerdings noch lange nicht beendet. Dort warten noch weitere 2600 Inventarnummern menschlicher Gebeine auf ihre Rückgabe.

Info: Das Café der Galerie Kub sowie die Ausstellungen können freitags und samstags zwischen 16 und 20 Uhr und sonntags zwischen 14 und 18 Uhr besucht werden.

Von Pia Siemer

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