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Kultur Baden ist nicht: Neuntes „verko(r)kstes Krippenspiel“ des Leipziger Knalltheaters
Nachrichten Kultur Baden ist nicht: Neuntes „verko(r)kstes Krippenspiel“ des Leipziger Knalltheaters
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14:48 14.12.2015
Anne Rab, Larsen Sechert und Philipp Nerlich (von links). Quelle: Wolfgang Zeyen
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Leipzig

Vorab gibt es Anne Rab nur häppchenweise. Sorgten vor ein paar Jahren ihre Brüste auf dem Krippenspiel-Plakat für empörte Atemstockung bei religiösen Traditionalisten, so sieht man im diesjährigen Trailer nur ihren Mund, wie er sich an einem poppigen Kirchenchoral vergeht. Zur nunmehr neunten Ausgabe des „verko(r)ksten Krippenspiels“ zeigt das Knalltheater seit Sonntagabend ein „sakrales Singspiel“. Der Choral erklingt zu Anfang als Playback mit pantomimischer Begleitung. Rab, Larsen Sechert, Philipp Nerlich und Markus Reichenbach stürzen sich ohne Umschweife in anarchische Spielfreude, um die Weihnachtsgeschichte zu malträtieren.

Das Publikum ist auf Lachen eingestellt, oft reicht ein Blick Secherts und man prustet los. Wie viele im vollen Saal des Neuen Schauspiels dem Facebook-Aufruf, betrunken zu kommen, gefolgt sind, ist unklar. Geschadet hätte das eine oder andere Glas nicht, sinkt doch mit jedem Promille die eigene Toleranzgrenze für das Humor-Niveau. Und dieses wird im Laufe des Abends in seinen Tiefen voll ausgelotet.

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Erstaunlicherweise ist neben blasphemischem Spaß ein roter Faden erkennbar: Als Erzähler nennt Sechert die Stationen der Geschichte und entlarvt nebenbei die absurde Verschachtelung biblischer Litaneien. Im Sinne des Singspiels wird von Musical bis Weihnachtslied alles verwurstet, um Inhaltsfetzen zu transportieren. Die größten Strapazen der Lachmuskeln erreicht das Ensemble aber mit dem, was es am besten kann: absurde Pantomime und ausgestellte Überforderung auf Schauspielerebene.

Maria, Josef und Heiliger Geist: Das Knalltheater treibt auch 2015 seinen blasphemischen Spaß mit der Weihnachtsgeschichte.

Schreiend komisch Reichenbach als gewindelter, kopfstimmiger Kaiser Augustus. Nerlich pflanzt den Samen der unbefleckten Empfängnis beinahe in Josef, weil Gott ihm für sein Blind Date auf Erden das falsche Erkennungszeichen mitgeteilt hat. Rab bleibt weitgehend beschränkt auf die von ihr genial beherrschte Facette der lakonischen, kommentierenden Mimik: Wenige Blicke kennzeichnen treffsicher ihre Figur als sexsüchtige Maria. Auch die Entdeckung ihrer Schwangerschaft („Oh … ach so“) ist herrlich unterspielt. Einzig als Erzengelin Gabriela kommt sie kurz ins körperliche Spiel.

Der Abend hat dennoch Längen, was daran liegt, dass die Gag-Dichte ungleichmäßig verteilt ist. Kommt man die ersten 20 Minuten aus dem Lachen kaum heraus, so gibt es später einige zu langsam Fahrt aufnehmende Szenen mit zu viel inhaltlichem Willen. Die Geburt des Heiland Jens ist dann wieder ein absurdes Fest der Geschmacklosigkeit mit viel Plastik und Heimwerker-Sound. Wenig später muss der Sechsjährige feststellen, dass das mit dem Übers-Wasser-Gehen auch seine Nachteile hat: Baden ist nicht.

Zur vollen Entfaltung weihnachtlicher Romantik sind als Special Guests zur Premiere The Toten Crackhuren im Kofferraum aus Berlin geladen, die in drei Blöcken je zwei bis drei ihrer Elektro-Punk-Songs zum Besten geben. Ihr Einbau ins Krippenspiel wirkt aber etwas unmotiviert und hätte eher auf eine trashige Premierendisko gepasst, die dem Abend in jedem Fall gerecht geworden wäre.

Weitere Aufführungen: 20. Dezember, 20 Uhr, Neues Schauspiel (Lützner Straße 29), Eintritt 12/8 Euro; 21./22. Dezember, 20 Uhr, Horns Erben (Arndtstraße 33), 13/9 Euro; 23. Dezember, 20 Uhr, Nato (Karl-Liebknecht-Straße 46), 12/9 Euro

Von Karsten Kriesel

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