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Kultur Blueser Michael „Codse“ Malditz ist gestorben
Nachrichten Kultur Blueser Michael „Codse“ Malditz ist gestorben
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14:36 19.06.2019
Der Mann, der den Blues lebte: Michael „Codse“ Malditz prägte diese hiesige Musikszene mit und war ein markanter Vertreter der Leipziger Band Mama Basuto. Quelle: Foto: U. Pabst
Leipzig

Im vergangenen Jahr hatte er ausgiebig das 50. Bandjubiläum gefeiert. Ein halbes Jahrhundert Mama Basuto. Schon diese Zahl machte den Sänger, Gitarristen, Harp- und Saxofon-Spieler Michael „Codse“ Malditz zu einer Ausnahmeerscheinung des lokalen Blues. Am Dienstag ist der für die Leipziger Szene so wichtige Musiker im Alter von 67 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben.

Die DDR wollte keine Galgenvögel

„Codses“ Geschichte als Künstler reicht sogar noch ein wenig weiter zurück: 1967 hatte der begabte, aber renitente Schüler seine erste Band Gallows Birds aus der Taufe gehoben. Das war namenstechnisch sehr gewagt. Nicht nur, weil die Partei gerade beschlossen hatte, dass englische Bandnamen (nebst der dahinter lauernden „Yeah Yeah Yeah“-Musik) fortan vom kapitalistischen Teufel seien – auch die sofort besorgte Übersetzung ins Deutsche fand keinen Gefallen: Sozialistische Jugendfreunde wollen doch keine Galgenvögel! Bei der fälligen Neugründung hatte er’s begriffen: Mama Basutos Blues Ensemble klang ein wenig nach Afrika und das wieder deutet genau auf die eigentliche Herkunft des Roots-Blues hin, den Malditz zusammen mit Schlagzeuger Thomas Eichenberg (Sohn des damals vergötterten Bigband-Leaders Walter Eichenberg) und Bassist Uli Doberenz (später Folksmusikstar und Festival-Gründer) auch spielte.

Authentischer Blues, sonst nichts

Das Konzept ging auf, es war die Zeit des ersten Blues Revivals, auch beim Label Amiga war 1966 ein Mitschnitt des „American Folk Blues Festivals“ erschienen. Die Helden des authentischen Blues, auch die weißhäutigen wie John Mayall, Alexis Korner oder Long John Baldry, waren exakt die von Codse. Auch später ist er nie den Weg zum deutlich gefälligeren Blues-Rock gegangen, wie er in den 70ern während des ostdeutschen Blues-Booms von allen gefeiert wurde.

Auch der Whiskey war ein Gefährte

Die Säle, vor allem die seinerzeit kultbehaftete Basuto-Heimatbasis Centralhalle Gaschwitz, waren gleichwohl immer voll. Die Band oft desgleichen: die Gebrüder Blues und Whisky waren Codses engste Gefährten. Seinen Spitznamen sprach und schrieb man damals im Übrigen so direkt, wie er gemeint war.

Zweite Sternstunde

Malditz hat nie Musik studiert, was in der DDR Voraussetzung für einen Berufsausweis als Musiker war. Er hat trotzdem nie etwas anderes als Musik gemacht. Wurde er mal gefragt, gab er als Beruf „Hausfrau“ an. Wirklich spaßig war das damals nicht, die Staatsmacht konnte einem dafür schnell „asoziales Verhalten“ anhängen. Das war Straftatbestand in der DDR. Irgendwann reichte es dann auch, er und die meisten vom harten Kern wechselten in den 1980ern in Berlin auf die buntere Seite der Mauer. Dort war es Basser Hans „Erbse“ Moser, der die Band wieder zusammenführte. Sie schafften es bis zur Hausband eines angesagten Blues-Ladens, wo sie unter anderen mit „Champion“ Jack Dupree spielten. Jahre später und längst wieder zurück in Leipzig, erlebte Malditz die zweite Sternstunde seiner Karriere, als er im Sommer 1999 in der Parkbühne den Abend für B.B. King eröffnen durfte. Für ihn war es, so erzählte er später, als habe er Gott selbst gesehen.

Kaum eigene Songs

Der Alltag war prosaischer. Michael „Codse“ Malditz hat all die Jahre kontinuierlich den Blues seiner Heroen gelebt und gespielt. Er kam nie ernsthaft auf die Idee, eigene Songs zu schreiben: „Warum“, meinte er, „die guten gibt es doch schon alle!“ Ein paar Stücke soll es trotzdem von ihm geben, für ein Album reichte es jedoch nie. Die Mitstreiter der ersten heftigen Jahre wurden weniger. „Erbse“ Moser war schon 2006 freiwillig gegangen, Thomas Eichenberg starb 2012. Vor zwei Jahren verlosch mit Peter „Kautzer“ Kautzleben die eine Hälfte des Doppelsterns am Leipziger Blueshimmel. Am Dienstag folgte ihm nun die ältere Sonne Michael „Codse“ Malditz, seit fünf Jahrzehnten die zentrale Figur der Szene, nach längerer, schwerer Krankheit.

Trauer in der Szene

Die Trauer in der Leipziger Musikszene ist groß. Auf ihrer Website trauern Mama Basuto „um unseren Freund, musikalischen Weggefährten und Mitbegründer der Band. Unsere Gedanken begleiten dich auf deinem Weg in den Blueshimmel“, heißt es da. Frank Metz, Macher der Musikkneipe Tonelli, betont auf Facebook: „Ohne ihn hätte es vermutlich nie ein Tonelli’s gegeben, und ich hätte mich nie getraut, als Sänger auf ’ne Bühne zu gehen.“

Und jetzt? „Blues Boy“ B. B. King, selbst seit 2015 für immer im Zwölf-Takt-Himmel, wird Kollege Malditz schon erwartet haben. Nun kann Codse dort für ihn die Session eröffnen. Hauptsache, sie haben einen guten Whisky da oben.

Von Lars Schmidt

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