Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur "Carry on": Nachruf auf den Anti-Star J.J. Cale
Nachrichten Kultur "Carry on": Nachruf auf den Anti-Star J.J. Cale
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:44 28.07.2013
Von Jürgen Kleindienst
Leipzig

Wenn das Leben auch manchmal krumm läuft, die kleinen Tiefs immer wieder vorbei kommen, mach weiter, mach weiter, "carry on". So lässig singt das J.J. Cale im Opener seines Albums "Shades" (1981), dass man meinen könnte, das habe alles nichts mit ihm zu tun, der Meister habe sich nur ein Thema gesucht für seine so elegant wie unaufgeregt perlenden Gitarrenläufe und seine knurrige Stimme, die nie die Bühne für sich beansprucht, sondern sich ins Ganze einordnet, zuweilen sogar hinten anstellt.

Nun ist er mit 74 gestorben, gewissermaßen pünktlich: "Ich nehme mal an, bei dem ungesunden Lebensstil, den ich in der Vergangenheit geführt habe, werde ich die 75 nicht erreichen", sagte Cale vor rund vier Jahren in einem Interview mit der "Welt". Es hatte sehr wohl mit ihm zu tun, dieses sich so schwebend anschleichende Lied über die Dunkelheit im Leben, die Niederschläge, die Tragödien, denen er sein "Carry on" entgegen muffelte. Eingerichtet im Selbstmitleid hat er sich nicht. "Es wird schon, wenn du es willst." Cales psychologische Hausapotheke war die Musik. Und zwischen all den Fehlern, die man nun mal so macht, "Carry on, carry on".

In "Cocaine" von 1977, das in Deutschland immerhin bis auf Platz 22 der Charts kletterte, singt er ein Lied davon, von der Flucht in die Droge, der Rettung, die sie zu bieten scheint - und doch auf den Boden zieht, "If you want to get down, down on the ground, cocaine." Ein ehrlicher Drogensong, keine Verherrlichung. Eric Clapton hat diesen Cale-Titel weltberühmt gemacht, wie zuvor schon jenen, den er auf seine erste Single gepresst hatte: "After Midnight". Das war 1966, doch niemand interessierte sich zunächst für das Lied, bis es Clapton 1970 veröffentlichte und dann mehrfach in den Charts unterbrachte.

So erging es vielen Titeln, die von J.J. Cale geschrieben wurden. 50 Coverversionen werden in seinem deutschen Wikipedia-Beitrag aufgelistet, unter den Interpreten sind Größen wie Lynyrd Skynyrd und Johnny Cash ("Call Me The Breeze"), The Band ("Crazy Mama"), Randy Crawford ("Cajun Moon") und Carlos Santana ("Sensitive Kind"). Für Cale, der das Mannschaftsspiel auf der Bühne liebte, war es eine Ehre, gecovert zu werden: "Das ist das Höchste, wonach man als Songschreiber streben kann: wenn andere deine Songs aufnehmen. Egal ob gut oder schlecht."

J.J. Cale, der schon als Teenager in Clubs spielte, später einige Jahre im Country-Mekka Nashville auftrat, war der Gegenentwurf zu allem, wofür der Popzirkus üblicherweise steht. Ego, Geld und Ruhm waren ihm egal bis lästig. Als er für sein 2006 gemeinsam mit Eric Clapton aufgenommenes Blues-Album "The Road To Escondido" dann doch noch einen Grammy bekam, sorgte er sich darum, nun auf der Straße von älteren Damen erkannt zu werden. Viele Jahre lebte Cale in einem Wohnmobil, in dessen Verkleidung er, wie Clapton einmal blicken ließ, sein Geld aufbewahrte.

Das Understatement ist diesem Musiker schon im Künstlernamen eingeschrieben, wurde er doch als "John Weldon Cale" geboren. Da es mit dem Velvet-Undergrounder aber bereits einen "John Cale" gab, wurde "John" zu "J.J." Seinen musikalischen Stil hat man nach der Stadt benannt, in der er aufgewachsen ist: Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma. In diesem Tulsa-Sound mischten sich Rock 'n' Roll, Country, Blues und Jazz so lässig und so sicher, dass man ihm früh ein weiteres Attribut anheftete, das fortan wie ein Label an ihm klebte: "Laid Back". Ein gutes Dutzend Alben produzierte er in diesem zurückgelehnten, coolen Stil, Seine rauchige Stimme setzte er dabei fast wie ein weiteres Instrument ein.

Wenn sich einer musikalisch treu blieb, dann er. Mochte sich der Markt auch nicht sonderlich für ihn interessieren, Kollegen verehrten ihn wie einen Heiligen. Für Neil Young war er neben Hendrix der beste elektrische Gitarrenspieler überhaupt. Clapton sagte auf die Frage, welche Person auf der Welt er am meisten bewundere, in einem Interview nur trocken: "J.J. Cale". Und da ist eine Band, die sich auf ihn beruft: die Dire Straits haben Cales Stil und Haltung fast bis zur Perfektion gebracht.

Seine Musik wird weiterleben - dieser Klassiker unter den Nachruf-Sätzen ist selten so wahr wie bei diesem Künstler. Carry on, J.J.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.07.2013

Jürgen Kleindienst

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit „Cold as Ice” und „I Want To Know What Love Is“ stürmten Foreigner in den 1970er und 1980er Jahren die Charts. Seit Bandgründung 1976 gingen weltweit mehr als 75 Millionen Alben der britischen Rock-Band über die Ladentische.

28.07.2013

Rund 23.000 Besucher haben bislang die ägyptischen Mumien und Grabbeigaben im Besucherzentrum Arche Nebra im Burgenlandkreis gesehen. „Obwohl das Haus nicht selbst betroffen war, hatten wir durch das Hochwasser einen Besucherrückgang“, sagte Sprecherin Manuela Werner zur Halbzeitbilanz.

27.07.2013

Eine Bühne und Stühle in weißen Gewändern - klassische Musik erklingt am Sonnabend, 20 Uhr, auf dem Alten Johannisfriedhof. Dann hat das neue Klassik-Ereignis "Die Leipziger Notenspur - ein Fest" Premiere.

Mathias Orbeck 24.07.2013