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Kultur Christian Zacharias als Dirigent und Pianist in einem sorglos-bunten Estraden-Programm
Nachrichten Kultur Christian Zacharias als Dirigent und Pianist in einem sorglos-bunten Estraden-Programm
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14:14 05.05.2019
Christian Zacharias dirigiert das MDR-Sinfonieorchester im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Das Verhängnis nimmt am Ende des Intermezzos seinen Lauf: Christian Zacharias kann das Finale von Schumanns a-moll-Klavierkonzert nicht nahlos anschließen, weil er zunächst warten muss, dass die Dame auf der Saalempore ihr Handy wieder leise bekommt. Was sie mit durchdringend geflüsterten Flüchen begleitet. In dieser unfreiwillig verlängerten Generalpause bricht die Spannung zusein, das sonst so prunkvoll losstürmende Allegro vivace tritt vom ersten Ton an auf der Stelle. Später schleppen die Geigen um Konzertmeisterin Waltraut Wächter noch ein wenig mehr als sonst. Und als Zimmermann am Klavier dann noch die falsche Ausfahrt nimmt, ist nichts mehr zu retten, der Schmiss total. Gottlob hat der MDR die Probe mitgeschnitten und kann diesen musikalischen Totalschaden wenigstens für die Rundfunkübertragung reparieren.

Gewaltiges Wagnis

Es ist ein gewaltiges Wagnis, dieses Konzert vom Klavier aus zu dirigieren. Denn wenn etwas schiefgeht, hat der Pianist im Zweifelsfalle zu viel zu tun, als dass er als Dirigent noch retten könnte, was zu retten ist. Wobei keineswegs sicher scheint, ob Zacharias über das dazu notwendige schlagtechnische Handwerk verfügt.

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Aus einer Hand

Dieser Gefahr steht die Chance gegenüber, die Musik dieses sinfonischen Konzerts aus einer Hand zu bekommen. Und zu Beginn der Aufführung im anständig besuchten Gewandhaus sieht es am gestrigen Vormittag noch so aus, als könnte die Rechnung aufgehen. Flott legt Zacharias den Kopfsatz an, dabei leicht und unpathetisch, immer bedacht auf fruchtbare Balance zwischen Klavier und Orchester, aufs Detail. Und auch im fragilen Intermezzo gelingen wunderbare Momente der innigen Verschränkung.

Ernüchternder Befund

Aber unterm Strich bleibt der ernüchternde Befund, dass die Vorzüge dieser Aufführung in keinem Verhältnis zum Risiko stehen, und dem außergewöhnlich ernsthaften, wahrhaftigen und uneitlen Pianisten Christian Zacharias die dirigentische Ambition spürbar im Weg steht. Drum ist es doppelt schade, dass der trotz des beinahe unverschämt kurzen Programms die Klavier-Zugabe verweigert.

Harm- und belanglos

Zumal auch der Rest des bizarr bunt zusammengekehrten Vormittags nicht dafür entschädigt. In Ravels zauberischen Miniaturen von „Ma mère l’oye“ mischt Zacharias zwar hauchzarte Farben und sammelt betörende Bläser-Soli ein (Oboe, Englisch, Horn, Horn, Flöte ...). Aber auch hier kommt das Orchester nicht recht in die Gänge, klappert es immer wieder so vernehmlich, dass auch Waltraud Wächters verunfallte Flageoletts im „Kleinen Däumling“ nicht weiter ins Gewicht fallen. Die „Kaiserin der Pagoden“ irrt ziellos umher. „Die Schöne und das Biest“ schleppen um die Wettem, und im „Feengarten will auch nicht die ganz große Freude aufkommen. Das verbindet ihn mit Johann Strauß’ Annen-Polka, die zwar durch die Bank schön klingt, kultiviert und fein – aber auch harm- und belanglos. Was sie mit Otto Nicolais Ouvertüre zu den „Lustigen Weibern von Windsor“ kurzschließt, die das vollständig programmlose Programm eröffnete.

Zu wenig

In Schwung kommen Dirigent und Orchester eigentlich erst zur „Fledermaus“-Ouvertüre, die Zacharias schmissig, üppig, zupackend, dabei federnd und flexibel anlegt, wobei das Orchester ihm mit engagierter Sinnlichkeit folgt. Schön – aber zu wenig für eineinviertel Netto-Stunden.

Mit repariertem Schumann-Schluss ist das Konzert eine Woche lang nachzuhören unter www.mdr-kultur.de

Von Peter Korfmacher

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