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Kultur "Der nackte Strich interessiert mich" - neue Ausstellung in Leipziger HGB
Nachrichten Kultur "Der nackte Strich interessiert mich" - neue Ausstellung in Leipziger HGB
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19:16 08.10.2013
Bastian Muhr (32) bei der Arbeit im Festsaal der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Ab heute ist das ungewöhnliche Werk zu sehen. Quelle: Wolfgang Zeyen
Leipzig

Alles an dem Kunstwerk ist Handarbeit.

Ein Blick in die verblichen schwarze Federtasche verrät: Das ist wirklich alles Handarbeit. Aus den unzähligen schwarzen Bleistift-Enden sticht ein unförmiger blauer Radiergummi hervor - mehr befindet sich nicht in Bastian Muhrs wohl wichtigstem Arbeitsutensil der letzten Wochen. Ebenso unentbehrlich, aber zu groß für die Mappe: der eckige Anspitzer mit Kurbel, der sich auch auf einigen Behördenschreibtischen wiederfinden dürfte. Etwa einmal in der Minute spitzt Muhr den Bleistift der Stärke 6B, pustet die Rückstände von der Mine und setzt mit ruhiger Hand seine Arbeit fort.

Seine Arbeit, das ist eine 2,50 Meter hohe und 3,20 Meter breite Zeichnung, die der Meisterschüler direkt auf der angerauten Wand des Festsaales der Hochschule für Grafik und Buchkunst entworfen hat. Sie besteht aus 400 etwa ziegelsteingroßen Rechtecken, in denen die Diagonale das wichtigste Element ist. Von dieser gehen handgezeichnete Striche ab, mal ein, mal zwei Zentimeter lang, mal rechts, mal links geneigt. Die Ausrichtung und Größe der Striche bestimmte Muhr zufällig, indem er würfelte.

Inzwischen liegen über sechs Wochen Arbeit hinter ihm, für die er sogar eine Mitarbeiterin anstellte. Beide zeichneten bis zu sechs Stunden täglich ausschließlich Striche, was Muhr von den Ausstellungspartnern den liebevollen Spitznamen "der Stricher" einbrachte. Mühselig, etwas temperamentlos, aber auch meditativ wirkt Muhrs Zeichnung, die ab heute im Rahmen der Meisterschüler-Ausstellung zu sehen ist. Destruktive Emotionen oder Probleme sich zu motivieren, waren selten: "Die Arbeit hat etwas wahnsinnig Befriedigendes, da du das Bild unter deinen Händen wachsen siehst. Klar gibt es auch Momente, wo ich denke, ich habe keinen Bock mehr, aber ich bin ein Mensch, der die Regelmäßigkeit mag, also aufstehen, arbeiten, nach Hause gehen."

Tatsächlich tritt Muhr völlig entspannt auf. Sein Bild, sagt er, überrasche ihn selbst immer wieder. Das rühre daher, dass es "viele Unterschiede in der Arbeit gibt, die durch das Anspitzen, Ausruhen und wieder Ansetzen mit mal mehr und mal weniger Kraft beim Zeichnen entstanden sind. Dadurch trägt die Zeichnung eine ganz eigene Handschrift." Auch seien durch die zufällige Anordnung ganz unvorhersehbare Muster zustandegekommen. Sie könnten an einen Irrgarten erinnern. Etwas derartiges beabsichtigt habe er aber nicht, und somit gebe es auch keinen Kerngedanken hinter dem Bild, erklärt Muhr: "Die Zeichnung hat keine Aussage, die ich formulieren könnte. Denn ich denke, wenn ich etwas Konkretes mitteilen möchte, dann lieber auf direktem Weg, das heißt, ich schreibe es auf oder sage es eben. Das Nachdenken über das Bild stellt sich bei mir im Nachhinein ein, wenn ich das Ergebnis sehe und daraus Anreize für das nächste Bild ziehe." Ganz nüchtern und uneitel legt der Meisterschüler seine Faszination für seine methodische, strukturierte Kunst dar: "Da ich mich schwer tue, Motive zu finden, habe ich mich den Systemen zugewendet. Man könnte sagen, der Inhalt meiner Werke ist die Form. Der nackte Strich interessiert mich."

Meisterschüler-Ausstellung in der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstraße 1, Eröffnung Mittwoch, 19 Uhr; bis 26. Oktober, Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 12 bis 16 Uhr; www.bastianmuhr.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.10.2013

Melanie Schröder

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