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Kultur Dieter Moor im Interview: "Die Brandenburger sind sehr unjammerig"
Nachrichten Kultur Dieter Moor im Interview: "Die Brandenburger sind sehr unjammerig"
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13:39 02.04.2013
Von Mathias Wöbking
"Knecht und Traktorfahrer": Dieter Moor (54). Quelle: Manuel Krug
Leipzig

Zwischendurch schaute der 54-Jährige auf dem Bio-Bauernhof vorbei, den er seit zehn Jahren mit seiner Frau im brandenburgischen Hirschfelde betreibt. Wie es sich dort als schweizerischer TV-Mann lebt, davon erzählen zwei sehr erfolgreiche Bücher - und Moor selbst im Interview.

Frage: Rainald Grebe singt, dass er sich so leer fühle, so Brandenburg. Welches ist das wahre Brandenburg, seines oder Ihres?

Dieter Moor:

Da ist vermutlich gar kein großer Unterschied. Er war mal für eine Fernsehsendung bei uns am Hof und sagte, dass es eigentlich ein Anti-Berliner-Lied sei. Grebe zitiert das Bild, das die Berliner von Brandenburg haben, es ist eine Veräppelung der Städter-Haltung gegenüber der Provinz: dass man was zu essen einpacken soll, wenn man an die Ostsee will, weil Brandenburg ganz gefährlich ist, und dass man dort immer VW-Golfs von den Bäumen kratzen muss. Ich kenne keinen Brandenburger, der Grebe wegen des Liedes hasst. Im Gegenteil, die Brandenburger finden ganz gut, eine so berühmte Hymne bekommen zu haben.

Wie werden Sie als Schweizer in Hirschfelde überhaupt wahrgenommen - als Wessi?

Zumindest als Alien. Am Anfang staunten die Dorfbewohner einfach darüber, dass eine Österreicherin und ein Schweizer hierherziehen. Die verbanden Österreich und die Schweiz mit Idylle und verstanden nicht, was wir im so geschmähten Osten wollen. Mittlerweile kennen aber viele Ostdeutsche die beiden Länder aus eigener Anschauung, weil sie dort gearbeitet haben, und kommen zu einem wesentlich realistischeren Bild.

Bevor Sie aufs Brandenburger Land zogen, hatten Sie bereits in den Voralpen auf einem kleinen Bauernhof gelebt. Inwiefern unterscheidet sich die Provinz des Zürcher Oberlands von der Brandenburgs?

Es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Ganz unabhängig davon, dass natürlich auch in einer kleinen Gemeinde viel gestritten wird, tragen die Menschen hier wie dort im Unterbewusstsein oder in den Genen, dass man einander am Ende braucht. Dieses Wissen ist auf dem Land generell stärker ausgebildet als in der Stadt, wo ich mir meine Sozialisierung aussuchen kann. Sowohl die Schweizer als auch die Brandenburger sind zudem sehr pragmatisch. Dagegen ist ihr Hang zur Wehleidigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt. Und zwar andersherum, als oft behauptet wird: Die Schweizer jammern wesentlich lieber als die Brandenburger, die in Wahrheit sehr unjammerig sind. Auch wenn sie sagen, ja, ist großer Mist hier, stellen sie gleichzeitig fest, dass sie da jetzt eben durch müssen, machen wir's Beste daraus. Da tun sich die Schweizer doch lieber lange selber leid.

Wie ist die Arbeitslast zwischen Ihrer Frau und Ihnen auf dem Demeter-Hof verteilt?

Seit ich die Bücher geschrieben habe, bin ich noch weniger am Hof als jemals zuvor. Sonja ist jetzt eindeutig die Bäuerin. Früher habe ich immer gesagt, ich sei Knecht und Traktorfahrer, aber nicht einmal mehr das kann ich noch guten Gewissens behaupten. Zurzeit bin ich allenfalls Ratgeber und Sich-Mit-Freuender.

Auf Ihrem Hof hat also die Frau den Hut auf. Ist die Vermutung, dass das für Ihre Brandenburger Nachbarn vielleicht der noch größere Kulturschock als Ihre schweizerische Herkunft ist, nur ein weiteres Klischee eines Städters?

In der Tat. Vielleicht würde das zwar in der Schweiz für Verwunderung sorgen. Aber in Brandenburg trifft möglicherweise ein anderes Klischee zu: dass aufgrund der DDR-Vergangenheit die Frauen wesentlich selbstbewusster sind und auch von den Männern eher akzeptiert werden. Im Buch schreibe ich zum Beispiel, dass die Feuerwehr von einer Frau angeführt wird, und das ist auch in der Realität so. Sie hat jeden Respekt, den eine Feuerwehrshauptfrau braucht. Zudem haben gerade in der biologischen Landwirtschaft sehr viele Frauen den Hut auf.

Fühlen Sie sich als mittlerweile langjähriger Landmensch in einer Stadt überhaupt noch wohl?

Ich liebe zumindest Leipzig, seit ich hier zum ersten Mal aus dem Zug stieg. Nach meinem Termin bin ich herumscharwenzelt, und es gefiel mir sofort. Vielleicht, weil es eine sehr junge Stadt ist, vielleicht liegt's an der Universität, vielleicht an der Geschichte, ich kann's gar nicht sagen. Ich bin auch viel lieber auf der Leipziger als auf der Frankfurter Buchmesse.

Ihre beiden Bücher firmieren als Sachbücher. Sind Sie sicher, dass sie in manchen Buchhandlungen nicht doch unter den Romanen einsortiert werden?

Ich muss gestehen, dass ich bei der Etikettierung nicht durchblicke. Sie als Sachbücher zu bezeichnen, war aber wohl ein guter Trick des Verlags, weil wir so aus dieser ganzen Literaturkritiker-Nummer draußen sind. Denn was immer die Bücher auch darstellen: Sie sind ganz sicher keine Literatur.

Dieter Moor: "Lieber einmal mehr als mehrmals weniger. Frisches aus der arschloch­freien Zone", Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2012, 9,99 Euro. Lesung heute (3. April), 20 Uhr, Werk 2 (Kochstraße 132), Vorverkauf 17,50 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.04.2013

Mathias Wöbking

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