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Kultur „Double Screening“ von Emile Parisien und seinem neuen Quartett
Nachrichten Kultur „Double Screening“ von Emile Parisien und seinem neuen Quartett
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15:30 14.02.2019
Emile Parisien (2. v. l.) mit den Mitgliedern seines neuen Quartetts. Quelle: Silvain Gripoix
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Leipzig

Wenn 2019 als Jahr des Saxofons begangen wird, spielt Emile Parisien ganz oben mit. Im vorigen Jahr erst war auf CD und DVD der Ritterschlag des heute 36-Jährigen dokumentiert worden. Beim Festival Jazz in Marciac hatte er 2017 sein Quartett zur Allstarband aufgestockt. Pianist Joachim Kühn, Akkordeonist Vincent Peirani, Klarinettist Michel Portal und Trompeter Wynton Marsalis stiegen ein bei einem höchst faszinierenden Konzert. Dabei blieb einer ganz bei sich und überbrückte in feurigen Improvisationslinien Generationen und auch alte und neue Welt. Mit neuem Quartett und neuer CD besinnt er sich nun wieder auf sein Kerngeschäft.

Laut und ein wenig anders

Wie aktuell kaum ein Zweiter hat Parisien das Sopransax ins Zentrum seiner Arbeit gerückt, hat um den näselnden, vibratoreichen, flatterhaften Ton seine Konzepte gebaut, hat das schwer zu intonierende Instrument gebändigt und an seine Leine gelegt. Es klingt laut und ein wenig anders. Für den modernen Jazz hatte es John Coltrane attraktiv gemacht, als er mit dem fernöstlichen Touch des Instruments den Broadway-Song „My Favorite Things“ aus dem 1959er Musical „The Sound of Music“ zum Jazz-Hit machte, den der Prediger der Jazzmoderne dann bis an sein Lebensende in unzähligen Fassungen immer wieder ausleuchten würde. Eine kleine Renaissance hatte das Sopransaxofon dann seines durchdringenden Charakters wegen im von Miles Davis eingeleiteten Rock-Jazz, weil es gegen die verstärkten Instrumente bestehen konnte. Man denke nur an Wayne Shorter und die Band Weather Report. In Free Jazz und Avantgarde hatte sich Steve Lacy ihm ganz und gar verschrieben, die wohl imponierendsten spieltechnischen Finessen aber entlockte dem Sopran der Brite Evan Parker.

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Damals ungewohntes Vibrato

Begonnen hatte alles mit Sidney Bechet (1897–1959). Der hat viele Platten eingespielt, aber kein Meisterwerk. Der war dennoch ein Meister der wuchernden Improvisation, der zu einem Wiedergänger seiner selbst mutieren musste, weil er nie die Fäden seines Egozentrismus aus der Hand gab. Er wollte gehört werden, imponieren und gefallen. Vor allem deswegen hat er das Sopransaxofon eingeführt in den Jazz. Es war lauter als die Klarinette und drang durch mit diesem damals ungewohnten Vibrato. Es war genau das richtige Instrument für einen mit so viel Geltungssucht. An diesem Klang entlang führte Bechets Weg vom New Orleans vor dem Ersten Weltkrieg ins Frankreich des Existenzialismus. Irgendwann aber nannten die meisten Kollegen den nett erfolgreichen Amerikaner in Paris nur noch „Dixie-Boy“. Sie meinten das durchaus abwertend.

Ausgefuchst individuell

Höchste Zeit also, dass von Frankreich her das klarinettenähnlich gerade, schon äußerlich von der Saxofonfamilie abweichende Instrument neu positioniert wird. Emile Parisien macht das famos. Seine neue CD „Double Screening“, auf der er gelegentlich auch zum Tenorsaxofon greift, ist sehr facettenreich, rau, manchmal ruppig und experimenteller als seine Vorgänger. Sie demonstriert viele Varianten, das Sopransaxofon einzusetzen, stürzt aber dennoch nicht ins Beliebige eines artistischen Nummernprogramms ab, weil Parisien stark genug ist, das Material der 14 ausnahmslos von ihm und den Bandmitgliedern stammenden Kompositionen an die Leine seiner ausgefuchst individuellen Spielweise zu legen.

Immer neue Finden und Farben

Mal schimmert französische Folklore durch, mal eine ältere Jazzepoche oder auch die Wildheit des Free Jazz. „Élégie pour Carte Mère“ heißt ein Stück, in dem Parisiens Saxofon durchgängig wie eine japanische Shakuhachi-Flöte klingt. Das ist von herzerweichender Schönheit und wirkt doch ganz organisch in der klugen Dramaturgie dieser abwechslungsreichen und kurzweiligen Aufnahme. Emile Parisien geht keinen bequemen Weg, sondern führt in immer neuen Finten und Farben vor, wie er weiter und aus Prinzip auf der Suche ist.

Vitales Musikantentum

In seiner Band, die ihm mit Klavier (Julien Touèry), Bass (Ivan Gélugne) und Schlagzeug (Julien Loutelier) eine feste, elastische und immer anders funktionierende Basis legt, ist er Bechet-mäßig der absolute Frontmann. Mal neckisch, dann wieder intensiv, mal hintersinnig, dann wieder furios losstürmend wird er dem in jeder Weise gerecht. Mit vitalem Musikantentum sucht Parisien nie den einfachen Weg – ein Ausnahmekünstler.

Emile Parisien Quartet: Double Screening. ACT Music/Edel

Von Ulrich Steinmetzger