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Kultur Ein Yoko-Ono-Kenner mit Herz und Wissen
Nachrichten Kultur Ein Yoko-Ono-Kenner mit Herz und Wissen
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09:03 18.06.2019
Stets aufs Neue beseelt von der Kunst Yoko Onos und dem, was sie bei Museums-Besuchern bewirkt: Robert Weinkauf im Saal mit der „Ex it“-Installation. Das Sitzen auf den Särgen ist übrigens jedem gestattet. Quelle: Fotos: Dirk Knofe, Adrian Sauer, Mark Daniel (2)
Leipzig

Es ist ein besonderer, ein bewegender Moment für Robert Weinkauf am Nachmittag des 29. Mai: Im Museum der bildenden Künste steht er Yoko Ono gegenüber, und lange sehen sie sich in die Augen – intensiv, in wortloser Übereinkunft. „Für diese Begegnung bin ich unglaublich dankbar“, sagt der Mann, der zu den wenigen gehörte, die den Kurzbesuch der weltberühmten Künstlerin vor knapp drei Wochen erlebten. Seit langem hat der 51-Jährige eine innige Beziehung zu Yoko Ono, deren Ausstellung „Peace is Power“ noch bis zum 7. Juli in Leipzig zu erleben ist – und durch die er selbst einmal pro Woche führt. Mit Detailwissen und Hintergründen macht er die ohnehin faszinierende Schau noch ein Stück eindringlicher.

Lennons Biss in den Apfel

Man nehme nur die Bedeutung des Apfels in der dritten Etage, der auf einer Plexiglassäule dem Verfaulen entgegen liegt – sofern ihn niemand zu essen wagt. Genau das hat Beatles-Star John Lennon getan. „1966 besuchte er eine Ausstellung Yoko Onos in London. Er biss in den Apfel, weil er ihn nicht als Kunstwerk interpretierte“, erzählt Weinkauf. Sehr verstimmt sei die Künstlerin zunächst gewesen, später aber besänftigt, beruht Lennons Handlung doch auf ihrem Prinzip: Partizipation des Publikums.

Lieblings-Beatle Yoko Ono

„Der kuriose Anfang einer Liebesgeschichte“, bemerkt der Kenner, der dem eingefrorenen Urteil von Beatles-Jüngern, diese Frau habe die Band auf dem Gewissen, nur ein mildes Lächeln abgewinnen kann. „Bei den Fab Four hat es schon zuvor gekriselt, und alle Bandmitglieder wurden von ihren jeweiligen Partnerinnen beeinflusst, auch wenn die nicht im Probenraum anwesend waren“, so seine Argumentation. Wenn Weinkauf gefragt wird, wer sein Lieblings-Beatle sei, antwortet er: „Yoko Ono“ – um zu einem Gespräch zu provozieren und einen Riss durch die uralte Schublade zu ziehen.

Platten der Pilzköpfe aus dem Westen

Sein Interesse an Yoko Ono begann für den in Leipzig aufgewachsenen Weinkauf, als er sie in Alfred Bioleks Fernsehsendung „Mensch Meier“ 1986 erlebte und feststellte, dass das Image der zickigen, egomanischen Diva nicht zutraf. „Da ist ein sehr sympathischer, spannender Mensch aufgetreten.“ Der Beatles-Fan, der sich über die in den Westen reisenden Großeltern die Platten der Pilzköpfe besorgen ließ, beschäftigte sich intensiver mit der japanisch-amerikanischen Künstlerin, Filmemacherin, Experimentalkomponistin und Sängerin.

Schau in Leipzig ragt heraus

Nach dem Mauerfall wurde es leichter, sich Material über Yoko Ono zu besorgen – Alben, Bücher und mehr – und Ausstellungen zu besuchen. In Deutschland hat er bis dato ein Dutzend davon gesehen, doch keine kommt aus seiner Sicht an die Wirkung und Qualität der aktuellen Schau in Leipzig heran. Eine Meinung, die er mit Yoko Onos Kurator und Freund Jon Hendricks teilt.

Musik begleitet das Leben

Musik hat Robert Weinkauf schon als Kind geprägt. Ab seinem sechsten Lebensjahr sang er im Rundfunkkinderchor Leipzig, später im Kammerchor der Universität, lernte unter anderem das Spielen an Gitarre, Waldhorn und Klavier. Zwischen 1988 und 1995 studierte er Deutsch und Musikerziehung an der Uni sowie Jazz und Musical an der Musikhochschule, dann arbeitete er für das Musiklabel Harmonia Mundi France als Vertreter und Repertoire-Berater im Bereich Alte Musik, ab 2005 freischaffend. Seit über 20 Jahren ist er Rhythmusgitarrist, Sänger und Songwriter erst von The Butlers und seit 2000 im daraus hervorgegangenen, eigenen Projekt The But. Klingt stilecht nach den Sixties, ist aber von heute.

Macher des Montalbâne-Festivals

Der Grund für seinen Umzug 2011 ins Saale-Unstruttal nach Goseck samt Familie – mit seiner damaligen Frau hat Weinkauf einen fast 15- und einen 18-jährigen Sohn –, wurzelt wiederum im Ensemble Ioculatores, das er 1991 mit Freunden gründete. Konzerttermine führten die Gruppe vor allem nach Sachsen-Anhalt. Oft spielten sie in der Doppelkapelle zu Landsberg, wo sie 1991 zum ersten Mal das Festival für Alte Musik, Montalbâne, feierten; das gerade erst wieder seine Besucher beglückte. Ab 1993 fand das auf Schloss Neuenburg in Freyburg statt. Als die Kulturstiftung des Landes Betreiber für das Schloss Goseck als Musik- und Kulturzentrum suchte, bewarben sich die Freunde, die diesen (Auftritts-)Ort schätzten – und erhielten den Zuschlag.

Ausstellung in Goseck klappt nicht

Peu à peu wuchsen dort Weinkaufs Aufgaben. Organisation von Konzerten, Ausstellungen und Seminaren, Wachdienst für die Schlosskirche, Touristenführungen. Vor sieben Jahren begann er an einem Traum zu arbeiten: eine Yoko-Ono-Ausstellung in Goseck. Als ihr Büro „Studio One“ gerade positive Signale sendete und das Projekt planerische Konturen annahm, zerplatzte es am aufwendigen und nicht verschiebbaren Bauvorhaben an der Schlosskirche. „Das tat wahnsinnig weh“, sagt Weinkauf zurückblickend. Deshalb wirkt es für ihn wie eine Heilung, dass Museumschef Alfred Weidinger „Peace is Power“ für Leipzig ermöglichte. Und für ihn. In einer Mail ans MdbK verwies Weinkauf auf sein in über 30 Jahren angesammeltes Wissen und bot seine Mitarbeit an. Kurz darauf bekam er eine Einladung zum Gespräch.

Publikum verändert die Ausstellung

In der Runde mit Kunstvermittlerin Kirsten Huwig und Team verblüffte Weinkauf gleich mit der Entschlüsselung des vorgelegten Ausstellungskonzepts – und hatte den Job. In einem Seminar machte er das Personal für die Führungen fit und übernahm selbst welche für geschlossene Gruppen sowie einen Workshop. Jeden Mittwoch nutzt Weinkauf auch dafür, selbst die Kunst immer neu zu inhalieren, da sich die Ausstellung qua Publikumsbeteiligung permanent verändert.

Botschaften an Mütter

In den Extremen Gewalt und Liebe spiegelt sich oft weniger das Leben der Künstlerin als das der Besucher. In „My Mommy is beautiful“ ist man eingeladen, Empfindungen für die eigene Mutter auf Zettel zu schreiben und an die Wand zu hängen. In mehreren Schichten offenbaren sich tausendfach Glück und Schmerz. Neben dem dankbaren „Die Saat geht auf“ hängt ein Gruß ins Jenseits an die verstorbenen Eltern oder ein verzweifeltes „Meine Mutter ist von Alkohol abhängig“. Das Projekt „Arising“ gibt Frauen ein anonymes Podium, Gewalterfahrungen zu dokumentieren.

Tränen bei Besuchern

Nicht selten registriert das Personal von Emotionen überwältigte Besucher, die ihren Tränen freien Lauf lassen. „Peace is Power“ berührt – und verändert das klassische Publikumsverhalten im Museum. „Kürzlich hat eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern spontan im ,Ex It’-Raum performt“, berichtet Kirsten Huwig. „Normalerweise ist das ohne Genehmigung ein Unding, hier aber ganz im Sinne der Künstlerin.“ Die Kunstvermittlerin ist sicher: „Nach der Yoko-OnoAusstellung ist dieses Museum ein anderes.“

Yoko Onos Besuch

In „Ex it“ stehen Särge für die Opfer von Kriegen oder Naturkatastrophen, aus denen wiederum Zitrusbäume als Symbol für neues Leben wachsen. Für Robert Weinkauf eine seiner Lieblings-Stationen. Am 29. Mai saß die 86-jährige Yoko Ono inmitten ihres Werkes und schaute sich glücklich über die Ausstellung um. Dass einer ihrer großen Bewunderer dabei sein konnte, hat er dem Museumschef zu verdanken: Alfred Weidinger legte Weinkauf am Tag zuvor via Messenger nahe, bereits zwischen 13 und 15 Uhr vor Ort zu sein. Als „das für mich wunderbarste Geschenk“ bezeichnet Weinkauf diese aufmerksame Geste.

Mittwochabend und noch bis zum 7. Juli hat er Zeit, Besuchern diese besondere Kunst der Yoko Ono nahezubringen. Ein sensibler, wacher, humorvoller und stets Neuem aufgeschlossener Mensch, den seine Empfindsamkeit verletzlicher, aber auch reicher macht – das ist nicht nur Yoko Ono. Das ist auch Robert Weinkauf.

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Öffentliche Führung am Mittwoch um 18 Uhr, Museum der bildenden Künste, in zwei Gruppen (Jeannette Stoschek/Robert Weinkauf). Voranmeldungen sind nicht nötig; weitere Infos stehen auf der Seite www.mdbk.de.

Von Mark Daniel

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