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Kultur Gastronomin verwandelt sich in Cher beim zehnten Neujahrssingen im Haus Leipzig
Nachrichten Kultur Gastronomin verwandelt sich in Cher beim zehnten Neujahrssingen im Haus Leipzig
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16:57 05.01.2016
Singt gern: Wahl-Leipzigerin Deborah Connolly vom Restaurant „C’est la vie“ trällert normalerweise vergnügt im Auto oder unter der Dusche vor sich hin. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Vor 31 Jahren zog die einst in Glasgow aufgewachsene Schottin Deborah Connolly nach Deutschland. Ihr Vater hatte in der Computerbranche ein so gutes Jobangebot bekommen, das er nicht ablehnen konnte. Connolly wuchs also im zarten Alter von elf Jahren bilingual auf. Eine gewisse Nähe zu beiden Nationen ist ihr tief in die DNA eingepflanzt. Seit Oktober hat die Inhaberin eines Spracheninstituts ihre dritte Begabung manifestiert: Im französischen Restaurant namens „C’est la vie“, inmitten des feinen Klein-Paris an der Pleiße. Dort ist das Multitalent Geschäftsführerin.

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So ist für Connolly eine Selbstverständlichkeit, am Samstag ihre Sprachfertigkeit einem größeren Publikum im Haus Leipzig zugänglich zu machen. Gemeinsam mit Live-Band „Paratox“ und 14 Interpreten, darunter Die Ärzte (Moritzbastei), Tic Tac Toe (Vodkaria) oder Mikis Theodorakis (Leipziger Volkszeitung) tritt sie als Chers Doppelgängerin beim „10. Neujahrssingen der Gastroszene und Medienvertreter“ am 9. Januar auf. Ihre Waffe: der Evergreen-Hit „If I Could Turn Back Time“ (1989).

Wenn Schotten und Iren zusammen kommen, erzählt die heute 42-Jährige, arte es regelmäßig in kleinen, spontanen musikalischen Abenden aus. Jeder habe sich daher im Laufe der Zeit eine Art „Party Piece“ zugelegt. Manche tragen ihr Lieblingslied oder -gedicht vor, andere versuchen sogar waghalsige Sachen wie Feuerschlucken. Da sie in ihrem Umfeld immer wieder auf ihre Stimme, die wie Cher klinge, angesprochen wurde, habe sie angefangen, an solchen Abenden deren Lieder zu covern.

Connolly nimmt den „Schnipp Schnipp Song“ auf

Diese Songs ebneten auch im BWL-Studium in Oxford und Regensburg den Weg. Wieder wurde sie entdeckt: 1997, während eines Praktikums bei einer Münchner Produktionsfirma, die Radiosender wie Radio Energy beliefert, lernte Connolly nicht nur Komik-Schauspieler Bully Herbig kennen, sondern produzierte auch den ersten Jingle. Der „Shoop Shoop Song“ (1991) von der US-amerikanischen Sängerin wurde zum „Schnipp Schnipp Song“. Zeilen wie „Bin in Solingen geboren“ tauchten darin auf, als würde der Gebrauchsgegenstand, die Schere, aus ihrem Lebensalltag plaudern – vertont mit Connollys schottischem Akzent.

Wenn die Radiostationen Chers Song anmoderierten, bedienten sich die Musikredakteure Connollys Gag-Version und riefen: „Wo ist denn die Schere?“, um sie sogleich aus der fiktiven Schublade zu holen und als Appetizer kurz anzuspielen. „So haben ein paar hunderttausend Menschen meine Stimme im Radio München gehört“, lacht Connolly herzhaft.

Das Lampenfieber aber bleibt

Aufgrund dieser Begebenheit ist sie aber nicht vor dem Lampenfieber gefeit. In den vergangenen Tagen rund um Weihnachten, Silvester und Neujahr fiel es ihr leicht, den Auftritt beim Leipziger Neujahrssingen in gewisser Weise auszublenden. Der Gastrostress im „C’est la vie“ hat sich aber nun verflüchtigt. Connolly fragt sich: „Wie bringe ich das auf der Bühne bloß über die Bühne?“

Fieberhaft probt sie den Song mit Karaoke-Videos auf Youtube. Mit dem Outfit wird sie sich erst in den kommenden Tagen beschäftigen. Cher jedenfalls hat hohe Maßstäbe gesetzt: In ihrem Video trägt sie knappe Bodystreifen und löchrige Strapse. Das einzige Kleidungsstück, das irgendetwas verdeckt, ist die schwarze Lederjacke. So freizügig möchte Connolly alias Cher nicht auftreten: „Ich glaube, das tut auch dem Publikum gut“, lacht sie selbstironisch und fügt hinzu: „Ich nehme mich nicht allzu ernst.“ In erster Linie will sie unterhalten.

Wohlfühl-Songs unter der Dusche und im Auto

Obwohl Connolly mit Chers Hits aufgewachsen ist, war sie nie ihr Vorbild. Andere Künstler wie Madonna, Prince und Lenny Kravitz hätten sie hingegen geprägt. Auch Feel-Good-Songs von Bruno Mars, Robbie Williams oder Olly Murs inspirierten die 42-Jährige noch heute. Dann und wann, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, hinter verdunkelten Scheiben im Auto oder schalldichten Wänden in der Dusche trällere sie nur aus reinem Vergnügen und purer Freude.

Zum Teil ist es für die hübsche Schottin ein Gag, Chers Lied, von dem sie schon ewig begleitet wird, dem Leipziger Publikum zu präsentieren. Andererseits ist es eine Möglichkeit zu sensibilisieren, denn der Erlös kommt dem Flüchtlingsrat Leipzig und der Straßenzeitung Kippe zugute. Auch Connolly ist so gesehen ein Wirtschaftsflüchtling. Sie lebt in Deutschland, weil es ihr hier besser geht. Sie könnte für viele exemplarisch sein, etwas Gutes zur deutschen Gesellschaft beizutragen. Ein schöner Nebeneffekt.

Neujahrssingen am Samstag im Haus Leipzig (Elsterstraße 22-24), Karten für die Vorstellung um 17 Uhr (19,50 Euro) gibt’s bei Culton (Peterssteinweg 9), 0341 141618. Die Show um 21 Uhr ist ausverkauft.

Von Melanie Steitz