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Kultur „Ich freue mich immer, wenn einer hupt“ – Urban Audio zu Gast in Dresden
Nachrichten Kultur „Ich freue mich immer, wenn einer hupt“ – Urban Audio zu Gast in Dresden
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22:07 28.09.2010
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Der Verkehrslärm wurde zeitgleich in schwermütige musikalische Klänge verwandelt. Die auf Grund des Dauerregenwetters wenigen Passanten konnten zwischen 12 und 16 Uhr live über Kopfhörer in die ungewöhnliche Symphonie reinhören.

Die gelben, kugelförmigen Instrumente standen über die Kreuzung verteilt. Ein Plan, der im Urban Audio Bus angebracht war, zeigte die genauen Standorte. Jedes Instrument ist für einen Ton der D-Tonleiter verantwortlich. Das in jeder Stadt individuelle Musikstück ergibt sich durch die jeweilige Stimmung der Instrumente, deren Verteilung auf der Kreuzung und die Art des Verkehrsflusses, verriet Florian Tuercke, der Initiator des Projektes.
Dresden. Am Dienstag hat das Projekt Urban Audio in Dresden Station gemacht. Der bildende Künstler Florian Tuercke nahm gemeinsam mit seinem Projektassistenten Christian Weiß mit Hilfe spezieller Instrumenten eine Stunde lang die Verkehrsgeräusche einer Kreuzung auf. Der Verkehrslärm wurde zeitgleich in schwermütige musikalische Klänge verwandelt.
Die Töne, die man über die zur Verfügung gestellten Kopfhörer an diesem Tag vernehmen konnte, klangen schwermütig, wie Glocken einer Kathedrale oder Entspannungsmusik anmutend. „Das ist, als würde ich durch einen Tunnel fahren", meinte eine ältere Passantin und legte die Kopfhörer schnell zurück. Das Projekt soll neugierig machen. Absichtlich gab es kein Schild, auf dem darüber aufgeklärt wurde, was der Bus und das Team an der Kreuzung machten. Die beiden Männer zählten auf das Interesse der Passanten. Doch regnete es wie bereits an den vorangegangen Tagen stark, so dass sich kaum einer zu dem Bus verirrte.

Die Instrumente entwarf Tuercke selbst. Sie bestehen aus Aluminium, Kunststoff, ein paar Holzbestandteilen und den elektronischen Teilen Tonabnehmer und Verstärker. Zudem besitzen sie Planierseiten, die als Resonator fungieren. Gewisse Fahrzeuge erzeugen spezifische Töne. Lkws zum Beispiel seien eher bass-lastig, ein Moped wiederum läge mehr in den Obertönen, so Tuercke. Martinshörner seien sehr klar zu vernehmen. Doch am meisten freut sich Tuercke, wenn einer hupt, da so ein einfaches Hupen eine interessante Akzentuierung in die Stadtsymphonie bringt. Zudem sei auch entscheidend, wie die Leute fahren. Ein Fahrer, der viel Gas gibt, hinterlässt einen deutlichen Akzent. Jemand der sich ruhig und gelassen durch den Straßenverkehr bewegt, wird nur ein Teil im allgemeinen Klangteppich.

Stimmen von Passanten werden natürlich auch aufgezeichnet. Was gesagt wird, kann durch die Umwandlung aber nicht verstanden werden. Auch Tiere können das Musikstück prägen. Tuercke erzählt von einem Hund, der während der Aufnahme in Saarbrücken stark gebellt hatte. Das wäre sehr laut zu vernehmen gewesen und habe sehr „abgedreht" geklungen. Für die Zukunft, könne er sich vorstellen auch andere Klangsituationen aufzuzeichnen, wie zum Beispiel Schiffsgeräusche.

Auch in Zukunft wird es für Tuercke um den öffentlichen Raum und seinen Klang gehen. Der werde ihn so schnell nicht wieder loslassen. Im nächsten Jahr soll der Bus mit seinem Projekt vielleicht auch in Finnland an einem Kulturfestival teilnehmen. Das Projekt läuft seit November letzten Jahres und wird bald genau ein Jahr durch Deutschland unterwegs sein. In allen 16 Landeshauptstädten hat es Station gemacht. Von einigen Städten erhielten die beiden jungen Künstler finanzielle Unterstützung. Die Stadt Dresden stellt sich jedoch quer, so dass Tuercke und Weiß die Nacht in ihrem kleinen Tourbus auf einem Parkplatz verbringen mussten. Das Budget des Projektes sei zu gering ohne Förderung.

Mit Straßenverkehr und Klang beschäftigt sich der studierte Künstler seit etwa fünf Jahren. Auf die Idee für Urban Audio sei Tuercke gekommen, als er eine andere Art gesucht habe Kompositionen entstehen zu lassen, die eine größere Struktur haben. Dabei sei er irgendwie auf den Straßenverkehr gestoßen, der auch eine eigene Struktur besäße.

Sandra Wolf