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00:19 16.07.2017
Anstrengung für Aussicht: Berge stehen für Abenteuer wie für Lebenswege. Hier der Blick nahe der Willersalpe bei Bad Hindelang in den Allgäuer Alpen. Quelle: dpa
Leipzig

Meer oder Berge? Bei der Wahl der Urlaubsziele spielen Familientradition, Alter und Höhenangst eine Rolle. Nur über die Dauer ist man sich schnell einig. Drei Wochen sind das Minimum. Wegen des Erholungseffekts. Heute kann man Nachhaltigkeit dazu sagen, was aber lieber ökologisch gemeint ist und sich auf Ort und Weise der Ferienausübung bezieht. Der Deutsche Alpenverein beispielsweise bemüht sich um „alternativen und naturnahen Tourismus“. Auch eine Alpenkonvention gibt es – schon wegen der vielen Besucher im Jahr. Rund 120 Millionen sollen es sein. Was suchen die dort? Die Höhe, die Weite, den Gipfel, das Tal? Jedenfalls immer die Aussicht.

Jedenfalls gar nicht unbedingt das Abenteuer, sondern manchmal einfach nur den Überblick. Das legen Andreas Erb und Christof Hamann in ihrem Vorwort zur aktuellen Ausgabe der Kulturzeitschrift „die horen“ nahe. Die beiden Literaturwissenschaftler haben unter dem Titel „Bergübergänge“ eine literarische Expedition zusammengestellt – mit Prosa, Lyrik, Essays, Zeichnungen, Fotografien und Collagen. Vorbilder gibt es wie – nun doch – Sand am Meer. Menschen, die in der Höhe Freiheit, in der Weite Selbstbestimmung, im Erreichen des Gipfels das Schicksal suchten und fanden.

Pass oder Tunnel

„Abgesehen von Soldaten, Pilgern, Kaufleuten, Schmugglern und Touristen haben sich zumindest seit Petrarcas legendärer Besteigung des Mont Ventoux auch Schriftsteller in die Berge begeben und von ihren Wegen, ihren Mühen, ihren Aussichten Zeugnis abgelegt“, schreiben Erb und Hamann. Eben erst hat der Schweizer Autor Adolf Muschg mit seiner Erzählung „Der weiße Freitag“ in Goethes zweiter Schweizer Reise 1779 die eigene Krebsdiagnose gespiegelt. Inzwischen wird der Gotthard, Goethes heiliger Berg, nicht mehr seines Passes wegen gerühmt – sondern für den neuen Tunnel.

Rund 70 Autoren – Schriftsteller und Wissenschaftler – legen den Finger auf die Karte, nehmen den Berg zum Anlass oder metaphorisch beim Wort, schreiben über Begegnungen und Erlebnisse mit und in Gegenden. Im ersten Teil, „Bergübergänge“ betitelt, wundert sich der österreichische Germanist Johann Holzner: „Merkwürdig bleibt, dass so viele Schriftsteller/innen, die am Brenner Halt gemacht haben, darüber schreiben oder ins Erzählen kommen, als hätten sie etwas gesehen, was man unbedingt einmal gesehen haben müsste, Mysteriöses; und die Einheimischen, die Alten jedenfalls, würden ihnen zustimmen.“

die horen (Nr. 266): ... immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen. Bergübergänge. Wallstein Verlag; 236 Seiten (44 zum Teil farbige Abbildungen), 14 Euro Quelle: Wallstein Verlag

Gebirgen haftet etwas Altmodisches an. Das erklärt die Beliebtheit von „Der Bergdoktor“, „Die Bergretter“ und „Heidi“. Gar nicht zu reden von den Luis-Trenker-Filmen. Ihr Erscheinungsbild ist und bleibt solide. Wer sich den Schweizer Splügenpass hinaufwindet, wird oben meist von Schnee und immer von einer italienischen Grenzfahne begrüßt, bevor es den Passo dello Spluga hinabgeht zum Comer See. Der Übergang ist kein Ort zum Verweilen.

Ein Tunnel verkürzt die Reise, der Pass macht sie wahr. „Pass, passen, aufpassen, passé, passiv, Passant, Passage ...“ buchstabiert die Niederländerin Miek Zwamborn und hinterfragt das Wort Bergsattel: „Als könnte man sich wirklich darauf hieven, um auf dem Berg zu reiten.“

Bergwände werfen ein Echo zurück oder vervielfachen das Schweigen. Die Maßlosigkeit der Landschaft ist für den Menschen eine Herausforderung – in ihrer Schönheit, die erlebt, aber ebenso bezwungen werden soll. „Der Pass verbindet nicht nur, er trennt auch, zieht eine Grenze, die nicht für alle zu überwinden ist“, schreibt die Journalistin Karin Steinbach Tarnutzer. Und dass im Herbst 1988 zwischen Italien und der Schweiz ein türkischer Junge auf der Flucht erfror.

Ruhe dort oben

Manchmal bringt er den Tod. Manchmal hat, wer über den Berg ist, das Schlimmste hinter sich. Die weiteren, jeweils kurzen bis sehr kurzen Abschnitte dieses Bandes sind überschrieben mit „Unpässlich“, „Passbilder, coloriert“, „Passe partout“ und „,Paszschein’ – Essays“.

Was auch gesagt sein muss: Berge verstellen die Sicht. Darum mag sie der Autor Martin R. Dean nicht und argumentiert: „Haben die Götter nicht bis heute ihren Wohnsitz auf Bergen? Dann sollte man sie, trotz des Weitblicks von einem Viertausender oder gar Achttausender, dort oben in Ruhe lassen.“

Die Texte entfernen sich vom Gegenstand, werden assoziativer, sprachverspielt. In Alain Claude Sulzers Kindheit war der „passe“ eine Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer. Seine Schriftstellerkollegin Beate Rothmaier beschreibt in „Passo Natale“ eine Geburt als quasi Auf- und Abstieg.

Bewährungsproben für das Subjekt

In den Essays schließlich werden noch einmal Bögen um und über alles Vorangeschriebene geschlagen, wenn es um Kurven geht, um den Föhn, Petrarca, Hannibals Alpenquerung natürlich, den Kaukasus und Bilder der Flucht („Kein Pass ohne Pass.“) Für Udo Friedrich, Professor für Ältere Deutsche Sprache und Literatur, bringen Gebirge Kulturen miteinander in Kontakt, „sie sind Bewährungsproben für das Subjekt und Einfallstore des Imaginären“.

Der Pass sei mehr als eine topographische Gelegenheit, eine Laune der Natur oder ein technisches Problem – er habe seinen festen Platz in einer Geschichte des Abenteuers wie in der Metaphorik des Lebensweges. „Wer sich den Herausforderungen des Berges stellt“, schreibt Friedrich, „erreicht nicht nur ein außergewöhnliches Ziel, er verändert auch sich selbst“. Meer oder Berge? Nach dieser Lektüre wirkt höher auf jeden Fall weiter.

die horen (Nr. 266): ... immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen. Bergübergänge. Wallstein Verlag; 236 Seiten (44 zum Teil farbige Abbildungen), 14 Euro

Von Janina Fleischer

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