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Kultur Jean Rondeau spielt im Alten Rathaus ein unkonventionelles Cembalo-Programm
Nachrichten Kultur Jean Rondeau spielt im Alten Rathaus ein unkonventionelles Cembalo-Programm
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15:14 15.06.2018
Jean Rondeau im Alten Rathaus.
Jean Rondeau im Alten Rathaus. Quelle: Gert Mothes
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Leipzig

Mit schulterlangem Haar und Vollbart könnte er glatt als Robinson Crusoe durchgehen oder als Hipster durch die Clubszene tingeln. Jedenfalls fällt der 27-jährige Jean Rondeau, Shootingstar der Barockmusik im Allgemeinen und am Cembalo im Besonderen, schon optisch aus dem Raster. Auch musikalisch lässt er sich in keine Schublade zwängen, sondern entpuppt sich als Grenzgänger, als Wanderer zwischen den Welten, der sich am Cembalo genauso zu Hause fühlt wie am modernen Flügel. Und beides befruchtet sich gegenseitig, wie am Donnerstagabend mit Gewinn und Genuss zu hören war.

Ein halbes Dutzend Stücke hat er bei seinem Bachfest-Debüt ins gut gefüllte Alte Rathaus mitgebracht – Standardwerke, die in Einspielungen am modernen Klavier den meisten heute vertrauter sind. Dass er dabei aus Könemann-Ausgaben musiziert und nicht aus philologisch verlässlicheren Editionen, offenbart eine bei Pianisten oft anzutreffende Unbekümmertheit, die sie beim Notentext nach dem greifen lässt, was gerade verfügbar ist.

Dem Klangergebnis tut dies keinen Abbruch. Rondeau spielt an einem zweimanualigen Cembalo, das Martin Schwabe 2013 gebaut hat, und er tut dies klar gliedernd, rhetorisch durchdrungen und mit einer Anschlagskultur, die dem Instrument das gesamte Reservoir seiner Klangfarben entlockt. Die Toccaten in d- und e-moll verleiten dazu, die klaviergestählte Pranke auszupacken, und damit nicht nur jede musikalische Absicht zu ruinieren, sondern das Instrument gleich mit. Bei Rondeau ist das anders, weil er Virtuosität und Gestaltung nicht gegeneinander ausspielt. Indem er Basslinien etwas breiter nimmt, flirrendes Passagenwerk sinnfällig akzentuiert und an üppiger Ornamentik auch in den Wiederholungen spart, wird die Musik verständlich, aber nicht weniger virtuos. Trotz oder wegen der knapp bemessenen Gestaltungsmittel, die ihm das Instrument bietet. Die kommen im Italienischen Konzert und der D-Dur-Partita ebenso klug zum Einsatz und strafen all jene Lügen, die da meinen, auf dem Cembalo sei kein legato hinzukriegen. Rondeau kommt ihm zumindest sehr nahe.

Doch nicht alles gelingt: Die berühmte d-moll-Chaconne für Sologeige etwa, die in der Klavierbearbeitung von Ferruccio Busoni Anfang des 20. Jahrhunderts Furore machte, bevor sich auch die ältere Fassung von Johannes Brahms durchsetzte. Brahms, wie Busoni ein großer Bach-Bewunderer, war überzeugt, dass das Mysterium dieses Stücks bei der Übertragung auf den Konzertflügel eigentlich nur in den tieferen Lagen gerettet werden kann. Deshalb ist seine Fassung für die linke Hand allein gesetzt. Die technischen Schwierigkeiten auf der Geige bleiben so erhalten. Rondeau weiß das alles und spielt am Ende die Brahms-Fassung der Chaconne dann doch mit beiden Händen, weil die gebrochenen Akkorde ansonsten nicht lang genug klängen. Da hat er natürlich recht, nimmt aber in Kauf, dass die Magie auf der Strecke bleibt. Viel Applaus für den Jungstar und als Zugabe die Aria aus den Goldberg-Variationen.

Von Werner Kopfmüller