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Kultur Kärbholz-Gitarrist Adrian Kühne: „Wir zeigen klare Kante gegen Nazis“
Nachrichten Kultur Kärbholz-Gitarrist Adrian Kühne: „Wir zeigen klare Kante gegen Nazis“
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07:00 16.02.2017
Er musste ein Jahr daran knabbern, als er 30 wurde: Adrian Kühne (ganz rechts) mit seinen Kärbholz-Kollegen.
Er musste ein Jahr daran knabbern, als er 30 wurde: Adrian Kühne (ganz rechts) mit seinen Kärbholz-Kollegen. Quelle: PR
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Interview mit Kärbholz-Gitarrist Adrian Kühn:

Mit dem letzten Album „Karma“ habt ihr die Top Ten geknackt, die gerade erschienene „Überdosis Leben“ schaffte es vergangene Woche sogar auf Platz zwei. Seid ihr jetzt Rockstars?

Aber ganz sicher! (lacht lauthals). Natürlich freuen wir uns über die Platzierungen, weil die ein Lob für unsere Arbeit sind. Als wir angefangen haben, selbst vor drei, vier Jahren, hätten wir niemals für möglich gehalten, irgendwann mal da vorn mitzuspielen. Für uns ist das allerdings keine wesentliche Messlatte, eher für Geschäftspartner und Labels. Uns ist wichtiger, dass die Platte draußen gut ankommt, dass die Leute die Songs geil finden und bei Konzerten abgehen. Wenn auch noch die Charts hinzukommen, ist das sicherlich eine feine Sache. Doch Rockstars? Nie im Leben!

Profitiert ihr davon, dass Deutschrock – oder auch Deutsch-Punkrock – gerade ziemlich boomt?

Deutschrock hat sich in den letzten Jahren aus seinem Nischen-Dasein freikämpfen können. Vor nicht allzu langer Zeit waren vielleicht Rammstein oder die Onkelz bekannt, jetzt ist es so, dass es einen Haufen größerer Bands, die nicht wenige kennen, und auch guten Nachwuchs gibt.

Deutschrocker stehen allerdings auch unter Generalverdacht, die deutsch­tümelnde Szene zu bedienen. Sind das Vorwürfe, mit denen auch eine Band wie Kärbholz leben muss?

Natürlich muss man damit umzugehen lernen. Deshalb zeigen wir klare Kante gegen Nazis, beziehen eindeutig Stellung. Das sollte jede Deutschrock-Band von Anfang an so handhaben. Sicherlich muss man sich auch dann einige Fragen gefallen lassen – aber sich damit offen und ehrlich auseinanderzusetzen, ist der beste Weg, solchen Verdächtigungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn allerdings ganz verbohrte Leute solche Texte wie unseren 1A-Anti-Nazi-Song „Timmi, halt’s Maul“ missverstehen wollen, ist denen auch nicht mehr zu helfen.

Der einfachere Weg wäre gewesen, wie so viele andere Bands englisch zu texten.

Wir haben damals angefangen, deutsch zu singen, weil es unsere Muttersprache ist – und wir uns mit dieser eben am besten ausdrücken können. Ich könnte sicherlich auch ein paar Texte auf Englisch schreiben, die aber nicht die Tiefgründigkeit wie im Deutschen haben würden. Wir finden, dass es wichtig ist, Musik in der eigenen Sprache zu haben, weil die Songs dadurch mehr Gewicht erhalten. Im Englischen ist der Text den meisten Leuten hierzulande doch völlig schnuppe.

Stichwort: deutsche Texte. Auf „Überdosis Leben“ setzt ihr musikalisch eure Schiene fort, die Songs sind aber deutlich intensiver als zuvor. War das Absicht – oder aus Versehen?

Erstmal: danke. Ich habe die Texte geschrieben, und es war kompliziert, einen Anfang zu finden, denn die Songs sind in einer für mich schwierigen Zeit entstanden. Ich bin 30 geworden, da musste ich leider ein Jahr dran knabbern. Das hat sowas von „Ende der Jugend“ – da schaut man zum ersten Mal auf das Leben zurück, hält Bilanz, und blickt nach vorn, was wohl noch kommen wird. Deshalb sind die Songs diesmal nachdenklich, melancholisch ausgefallen. Aber eigentlich auch nur am Anfang, denn sie münden oft in Hoffnung, in etwas Positivem, einfach darin, dass man aufstehen und etwas machen sollte. Ein Fehler wäre, sich der Melancholie hinzugeben und zu verzweifeln.

Das würde auch nicht zu euch und euren Konzerten passen.

Die Leute können sicher mal heulen, das ist wichtig – am Ende kommt es darauf an, dass wir lachen und glücklich aus dem Konzert gehen. Man kann auch sagen: Den Leuten soll Mut für das Leben da draußen gemacht werden, sie sollen Spaß haben. Denn wenn es mal nicht so gut läuft, hört das irgendwann auf – wenn man selbst etwas dazu beiträgt.

Die Tränen sind beispielsweise im Song „Nur wir beide“ zu hören, in dem du einen Saufabend mit einem alten Kumpel thematisierst. Ist das ein Abgesang auf die vergangene Zeit, ein Schwelgen in Erinnerungen?

Sicherlich, aber es ist auch die Erkenntnis, dass Leben eben nicht gleichförmig und parallel verlaufen. Es gibt Kreuzungen, da biegen wir unterschiedlich ab. Diese Momente passieren, wenn man aus der Jugend in Berufe und Familien wechselt. Die Prioritäten ändern sich, das ist einfach so. Da kann man nicht mehr jeden Tag um die Häuser ziehen. Jeder verfolgt seine Ziele, hat sein eigenes Leben, das nicht mehr zu hundert Prozent zu dem des anderen passt – aber: wenn man sich dann mal wieder sieht, gibt es keine Probleme und man kann sich auch nach Monaten wieder voll auf den anderen einlassen. Deshalb sind mir gute Freundschaften äußerst wichtig.

Ein anderer Song heißt „Evolution umsonst“, in dem ihr euch mit der heutigen Jugend beschäftigt. War früher alles besser?

Das wird sicherlich jede nachfolgende Generation über die eigene Jugend sagen. Mir geht es in dem Song um die Schattenseiten einer völligen medialen Überfrachtung, wie sie heute bereits existiert und von der vor allem die Jugend extrem betroffen ist. Im Internet ist eine Gewalt verfügbar, die sich immer und immer wieder übertreffen muss. Das Schlimme ist: Es schockiert kaum noch jemanden, diese Gewalt wird zur Normalität, und die Auswirkungen werden Teil des Alltags. Die Leute haben keine Hemmungen mehr, die Schwelle zu übertreten – Gewalt wird zur Normalität. Gerade Eltern müssen ihre Kinder vor diesen Einflüssen schützen.

Kärbholz, davor The O’Reillys and the Paddyhats, Freitag, 20 Uhr, Hellraiser (Werkstättenstraße 4), Vorverkauf 23,10 Euro

Von Andreas Debski