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Kultur Kirchenmusiker, Komponist und Pädagoge zwischen Hochschule und Praxis
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16:31 22.05.2019
Der Pädagoge: Volker Bräutigam unterrichtet Yoon Jung Cahng aus Südkorea an der Schuke-Orgel in der Marktkirche in Halle. Quelle: picture-alliance / ZB
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Leipzig

Sie fielen auf fruchtbaren Boden, die Anregungen, die Volker Bräutigam als Mitglied des Dresdner Kreuzchors unter Rudolf Mauersberger empfing, der neben der Vokalpolyphonie der Renaissance auch der klassizistischen kirchenmusikalischen Moderne Redas, Peppings, Davids Raum ließ. Mit diesem Rüstzeug kam der Musiker 1957 ans Leipziger Konservatorium „Felix Mendelssohn Bartholdy“, studierte Kirchenmusik und bei Weyrauch Komposition und entdeckte hier die in der DDR durchaus nicht gelittenen Orgel-Welten Olivier Messiaens, für deren Verbreitung er sich bereits als Student einsetzte. Dazu erarbeitete sich der am 23. Mai 1939, vor 80 Jahren, im erzgebirgischen Frohnau Geborene die Grundlagen der Zwölftontechnik, begeisterte sich analytisch für den Jazz – und formte aus alledem einen vielfarbig schillernden Personalstil.

Bis 1962 blieb er Student am Leipziger Konservatorium, von Anfang an als Assistent in den Lehrbetrieb eingebunden. Und so geradlinig es ihn durchs Studium trug, so geradlinig schloss sich seine Anstellung an, die seine Lebensstellung werden sollte: Volker Bräutigam wurde Organist und Kantor an der Leipziger Heilandskirche. Er blieb es über 30 Jahre lang, und machte das Gotteshaus in Plagwitz zum lebendigen Zentrum jüngerer Kirchenmusik. Ab 1980 wurde er überdies Dozent an der Leipziger Hochschule, 1981 auch in Halle, 1993 Professor.

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In diesem akademisch-praktischen Biotop schuf er 1981 sein kompositorisches Hauptwerk: die Evangelienmusik für Chor, Solisten, Schlagzeug und Orgel, mit der er Bachs verschollene, in den Arien-, Choral- und Chorteilen aber 1964 von Diethard Hellmann rekonstruierte Markus-Passion wieder aufführbar machte. Dies gelang ihm nicht durch stilistische Anlehnung. Bräutigam: „Bachs Stil zu kopieren, wäre ja witzlos.“ Vielmehr kantete er die Evangelisten-Berichte in denkbar größtem Kontrast ins rekonstruierte Oratorien-Fragment: zwölftönig, jazzig, heutig. Überraschenderweise sprengen diese stilistischen Brüche die Aufführung beider Teile nicht auseinander, sondern verbinden sich zu einem kraftvoll emotionalen Ganzen. Darum verbreitete sich die Evangelienmusik schnell über die Grenzen der DDR hinaus und wird noch heute häufig aufgeführt.

Bräutigams Musik biedert sich nicht an, aber sie behält den Hörer ebenso im Fokus wie den Interpreten, weshalb Kantoren und Organisten seine Vokal- und Orgelwerke noch immer gern ins Repertoire nehmen. Natürlich auch seine Tochter Christiane, die als Kantorin der Evangelisch reformierten Kirche am Tröndlinring die Flamme weiterträgt.

Die Thomaner würdigen den Jubilar am Samstag, 15 Uhr, in der Motette. Eintrittsprogramm (2 Euro) an der Tageskasse.

Von Peter Korfmacher

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