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Kultur Konzert statt Tatort: Liefers liefert Geschichten in den Park
Nachrichten Kultur Konzert statt Tatort: Liefers liefert Geschichten in den Park
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08:10 01.09.2019
Ein Koffer mit einer Menge Inhalt: Jan Josef Liefers erzählt mit seiner Band Radio Doria Geschichten auf der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park, und sein Publikum ist beglückt. Quelle: Dirk Knofe - Picturework.eu
Leipzig

Wenn am Sonntagabend Millionen Deutsche zur Crimetime grinsend den Tatort aus Münster verfolgen, ist das auch dem schrulligen, egozentrischen Rechtsmediziner Boerne – verkörpert durch Jan Josef Liefers – geschuldet. Weniger bekannt ist der 55-jährige Schauspieler als Frontmann der Formation Radio Doria. „2 Seiten“ lautet bezeichnenderweise das 2017 erschienene Album der Band, das sie am Freitagabend vor 1500 begeisterten Fans in der Parkbühne im Clara-Zetkin-Park vorgestellt hat.

Leipzig als Heimspiel

„Komm mit mir auf Reisen / Damit wir bleiben / Wer wir eigentlich sind / Wie wir eigentlich sind“ wünscht sich Liefers gleich im zweiten Lied des Sets. Dafür hat er mit seinen Kollegen alle Vorkehrungen getroffen. Nachdem die Herbstbrüder bei anhaltend sommerlichen 30 Grad das Vorprogramm bestritten haben, schlendern Christian Adameit (Bass), Timon Fenner (Schlagzeug), Gunter Papperitz (Tasteninstrumente) und Jens Nickel (Gitarre) kurz nach 20 Uhr zu ihren Instrumenten – jeder mit einem Koffer in der Hand, denn schließlich zieht es sie ja in die Ferne. Für Liefers hingegen ist Leipzig quasi ein Heimspiel, wie er in seiner Begrüßung einräumt: „Wunderschönen Abend, Leipzig! Irgendwie bin ich gerade öfter hier als in meiner Heimatstadt Dresden, diesem kleinen Vorort von Leipzig.“

Tücken des Fortschritts

Das schmeichelt der hiesigen Seele und ist der Auftakt für einen Reigen launiger und amüsanter Anekdoten und Zwischenbemerkungen. Auch Liefers’ anschließende Erinnerungen an den Mangel an Markenbier zu DDR-Zeiten und die urplötzlich einsetzende Raffgier bei dessen plötzlicher Verfügbarkeit sorgen für (Zu-)Stimmung im Publikum. Ebenso der ernüchternde Mailverkehr mit seinem Idol Reinhard Mey, die Tücken des Fortschritts und der Digitalisierung oder die leidvollen Erfahrungen mit einem Kellner, der einem auch den schönsten Abend versauen kann und man lieber „Gast hätte bleiben sollen“.

Marko wird zum Affen

Doch damit nicht genug. Einer geht noch. Als Liefers über Liebe und Musik philosophiert, bemüht er die Evolutionsgeschichte und verwandelt sein Publikum kurzerhand in eine Affenhorde. Schnell ist mit dem Gast Marko der Oberaffe ausfindig gemacht, der sich mir plötzlich auf der Bühne wiederfindet und dem schlagfertigen Liefers so gut wie möglich Rede und Antwort stehen darf.

Als der ihn mit dem unglücklichen Szenario konfrontiert, was passieren würde, wenn keine der Affendamen paarungsbereit wäre, gibt sich Marko geschlagen. „Siehst Du“, schlussfolgert Liefers, „und wenn es so gelaufen wäre, gäbe es auch keine Musik mehr!“ Da schimmert er wieder durch, der werte Professor Boerne, zur großen Freude der johlenden Menge.

Erschütterndes aus Aleppo

Neben allem Klamauk finden auch ernsthafte Themen an diesem Abend Gehör, obwohl Radio Doria mit „2 Seiten“ ein eher luftig-leichtes Werk auf die Beine gestellt haben. Im Song „Unbeschreiblich“ schildert Liefers die erschütternden Eindrücke seiner Aleppo-Reise mit US-Kriegsreporter Robert King. Auf der Bühne stehen währenddessen alle geschlossen in einer Reihe, Timon Fenner streicht die Snaredrum nur mit Schlagzeugbesen, Gunter Papperitz spielt Akkordeon dazu – ein stimmiges Bild und schön anzusehen.

„Alles Thomaner hier?“

„Sehnsucht Nr. 7“ beschreibt die quälenden Zeiten des Verzichts auf einen geliebten Menschen. Dafür holt sich Liefers Unterstützung aus dem Publikum, das fleißig mit trällert. Am Ende zeigt sich der gebürtige Dresdner schwer beeindruckt: „Alles Thomaner hier, oder wie?“ Langsam kommt das Kind im Manne zurück und Liefers gesteht freimütig: „Sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag nur erwachsen sein? Sorry, das krieg ich nicht hin! Und deswegen will ich mit Euch jetzt Kindergeburtstag feiern!“

Paare liegen sich in den Armen

Ein Mann, ein Wort! Während „Verlorene Kinder“ spielen, setzt Timon Fenner zum Schlagzeugsolo an. Der Rest begleitet ihn mit rhythmischem Trommeln auf den herumstehenden Koffern. Topfschlagen mal anders… Der Abend endet mit dem einfühlsamen „Jeder meiner Fehler“, der in eine wunderschöne Melodie gegossenen Bitte um Verständnis für persönliche Schwächen und Unzulänglichkeiten. Viele Paare liegen sich in den Armen. Kurz nach 22 Uhr treten alle ihre Heimreise an, damit sie bleiben, wer sie eigentlich sind, wie sie eigentlich sind.

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