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Kultur Regional „196ff“ – die Brutalität des Bösen
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16:24 13.10.2019
Ging am Freitag und Sonntag in den Cammerspielen über die Bühne: die szenische Installation „196ff“, bei der Gesichter auf Schaufensterpuppen projiziert werden. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die Welt unterteilt sich klar – in „Kameraden und den minderwertigen Rest“. Klar ist auch, wie man mit diesem Rest umgeht: „Ich habe den Neger getreten, weil ich ihn hasse.“ Und bis er tot war außerdem. Denn: „Klar, bin ich ein Nationalist! Ich bin stolz, Deutscher zu sein!“

Mörder und Totschläger

Es sind dies nur drei willkürlich ausgewählte Aussagen. Drei verschiedene Sätze drei verschiedener Personen. Genauer: dreier verschiedener Männer – die indes viel vereint. Sind sie doch allesamt stolze Deutsche. Mörder und Totschläger außerdem. Und darin drei von den Vielen, deren Taten seit Freitag in den Cammerspielen in der szenischen Installation „196ff“ zu Gehör gebracht werden.

Ringen um Nüchternheit

Als live verlesene Kurzprotokolle, die ins Bewusstsein brennen, was man aus diesem nur allzu gern verdrängt: Die Kontinuität und steigende Tendenz rechter Gewalt, die seit der deutschen Wiedervereinigung 196 Todesopfer forderte. 196 Menschen, die hier alle mit Namen genannt werden und deren gewaltsames Sterben in einem Tonfall vorgetragen wird, der stoisch danach trachtet, seine Nüchternheit zu bewahren. Und der zugleich doch immer wieder, wie unterschwellig auch immer, spür- und hörbar um diese Nüchternheit ringen muss.

Wieder und wieder die Litanei des Hasses

Johannes Gabriel, Gwen Kyrg, Marco Runge und Victoria Weber obliegt es, diese komprimierten Gewaltprotokolle zu verlesen. Tathergang, Opfer, Täter, Justizurteile. Wieder und wieder die Litanei des Hasses, die Monotonie des Stupiden. Und wieder und wieder die Leiden der Opfer, ihr oft grauenvolles Sterben. Zwei Stunden lang, unbeirrt. Auch dann, wenn das Geschilderte in seiner Brutalität oft die Erträglichkeitsgrenze zu überschreiten droht. Oder dokumentiert wird, wie die Justiz sich bitter oft in Ignoranz und Verdrängung übt, wenn sie offenkundig rassistisch motivierte Verbrechen nicht als solche deklariert. Der bekannte Umstand, dass im Falle der NSU-Morde die Ermittlungsbehörden lange Zeit nicht Willens waren, einen rechtsextremen Hintergrund in Betracht zu ziehen, offenbart sich gerade in diesem Kontext noch einmal als Eisbergspitze eines gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinsproblems.

Distanz schaffende Verfremdungen

„196ff“ will auch dem gegensteuern. Der aufklärerische Impetus liegt hier nicht nur auf der Hand, er brennt vielmehr auf den Nägeln. Gleichwohl taten Ricardo Endt und Christian Hanisch (Konzept/Regie) gut daran, ihre Installation in ein kühl-surreales Setting Distanz schaffender Verfremdungen zu betten. Vom Publikum abgetrennt lesen die Performer die Texte hinter einem Vorhang, während ihre Gesichter auf im Bühnenraum verteilte Schaufensterpuppen projiziert werden und sich ihre Stimmen aus den Lautsprechern mal überlagern; sie mal im Wechsel, mal chorisch erklingen.

Effekt der Unentrinnbarkeit

Der Effekt, der dabei entsteht, ist der einer Unentrinnbarkeit, eines Insistierens. Es gibt kein Entkommen vor diesen Geschehnissen, kein Kopf-in-den-Sand-Stecken. Denn wovon „196ff“ Zeugnis abgelegt, ist eine Wirklichkeit, in der sich Hannah Arendts berühmte und sprichwörtliche „Banalität des Bösen“ einmal mehr als die dumpfe Brutalität des Bösen offenbart. Dass dieses Böse (und ja: Man kann hier diesen Terminus getrost benutzen) zudem gerade auch in seinen verbalen Selbstentäußerungen nach wie vor vor grausamer Stupidität und Lächerlichkeit, vor geistiger Banalität also, trieft, darf über seine Gefährlichkeit nicht hinwegtäuschen. Das ist man allein schon den Todesopfern schuldig. Die zwei letzten gab es vor wenigen Tagen in Halle.

Von Steffen Georgi

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