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Kultur Regional 30 Jahre nach der Wende: Ilko-Sascha Kowalczuks kluge Analyse „Übernahme“
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12:55 28.08.2019
Ilko-Sascha Kowalczuk, deutscher Autor und Historiker. Quelle: Ekko von Schwichow/schwichow.de
Leipzig

Zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution ist ein Deutungskampf um dieses herausragende Ereignis deutscher Geschichte entbrannt. Zum einen behaupten Vertreter der Linkspartei, sie hätten die Revolution mit eingeleitet und für Friedfertigkeit gesorgt, und von rechts außen ist besonders im Wahlkampf zu hören, die heutige Bundesrepublik wäre auch nicht besser als die späte DDR, und es gelte, „unser Land“ zurückzuerobern sowie die „Wende“ zu vollenden. Beide Geschichtslügen sind zwar leicht zu durchschauen, trotzdem sind sie wirkmächtig. Ein Schlüssel zur Erklärung dieses Phänomens ist die Schilderung des Vereinigungsprozesses durch Ilko-Sascha Kowalczuk.

Vorzüglich geschriebene Revolutionsgeschichte

Kowalczuk ist mit „Übernahme“ ein großer Wurf gelungen, das Buch ist eine überzeugende Analyse des deutsch-deutschen Transformationsprozesses, die einerseits zu kontroversen Diskussionen führen wird, andererseits zweifellos den Blick auf 30 Jahre Zeitgeschichte schärft. Es ist aber auch eine vorzüglich geschriebene kurze Revolutionsgeschichte und eine Beschreibung der Aufgaben, vor deren Lösung eine erfolgreiche „Aufarbeitung“ deutscher Diktaturgeschichte steht.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die ÜbernahmeWie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. Verlag C.H. Beck; 319 Seiten, 16,95 Euro Quelle: Verlag C.H. Beck

Überzeugend und notwendig ist dabei, dass der Autor auch autobiographisch Stellung bezieht. Dass ein solcher Positionswechsel eingeräumt wird, ist nicht nur in den deutschen Sozialwissenschaften äußerst selten. Kowalczuk jedoch beschreibt, dass er nach 1989 zu denen gehörte, die meinten: „alles muss weg“ und heute von „unfassbaren sozialen Ungerechtigkeiten“ erschüttert ist, die mit der Finanz- und Bankenkrise sowie mit dem Dieselskandal verbunden sind.

Nicht erkämpft, sondern geschenkt bekommen

Vor diesem Hintergrund beschreibt er überzeugend, dass die Revolution 1989 nur von einer Minderheit von Bürgerrechtlern und Menschen auf den Straßen getragen wurde, während die übergroße Mehrheit Demokratie, Freiheit und auch Wohlstand nicht erkämpfte, sondern geschenkt bekam. Viele von ihnen fühlen sich heute als Ergebnis des Transformationsprozesses unter den Bedingungen der Globalisierung als „Deutsche zweiter Klasse“, und in Ostdeutschland breiten sich Wut und Hass aus.

Dem wäre mit Stolz auf „unsere Revolution“ zu begegnen, doch entwickelten diesen nicht einmal die, die 1989 die SED-Diktatur wirklich stürzten. Kowalczuk führt aus, dass die Wünsche der Mehrheit mit denen der Bürgerbewegung nicht übereinstimmten, dass sie Heilsversprechungen glaubte und dass bundesdeutsche Politiker nur einen Weg der Wiedervereinigung kannten: im Osten musste alles wie im Westen werden.

Missachtung schnell beenden

Dem hier entstandenen und weiterwirkenden Ungleichgewicht ist nicht damit beizukommen, dass sich Ost und West gegenseitig ihre Lebensgeschichten erzählen. Stattdessen ist die Missachtung des Ostens schnellstens zu beenden, Ostdeutsche müssen in den Eliten der Bundesrepublik entsprechend ihrer Leistungen vertreten sein, neue Karrierewege sind zu öffnen und materielle Ungleichheit ist zu beenden. Richtig ist auch, dass die negativen Folgen des Zusammenbruchs der ostdeutschen Arbeitsgesellschaft oft übersehen werden – was viele Ostdeutsche als bleibende Kränkung empfinden.

Kowalczuk hält zu Recht die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur auch heute für notwendig und genauso berechtigt ist seine – nicht neue – Kritik an der übergroßen Aufmerksamkeit für die Staatssicherheit. So ist die Frage zu stellen, welchen Wert die „Aufarbeitung“ für die Stabilisierung unserer Demokratie hatte. Hier ist er überzogen skeptisch, hat aber Recht, dass wir auf diesem Feld neue wissenschaftliche und museumpädagogische Kompetenz einer jungen, angemessen ostdeutschen Deutungselite dringend benötigen. Leider kann er jedoch die Frage nicht beantworten, wer diese 30 bis 40jährigen Visionäre sind und woher sie kommen könnten.

Grundlegende Einstellungen

Kowalczuk sucht auch nach einer neuen Antwort auf die Frage, wer Ostdeutscher ist. Dabei betrachtet er ostdeutsch als Erfahrungsraum. Dies vermag jedoch nicht endgültig zu überzeugen, weil es die Frage nach der Bedeutung der Lebenszeit im Osten nicht löst. Wie andere meine ich dagegen, dass Ostdeutscher ist, wer 1989 16 Jahre alt war und in der DDR lebte. Und ich teile auch nicht die ständig zu hörende Einschätzung, dass die Ostdeutschen im Transformationsprozess alles neu lernen mussten. Ganz im Gegenteil, grundlegende menschliche und moralische Einstellungen – besonders von systemkritischen – Menschen konnten in der vereinten Bundesrepublik weiterleben. Und das ist gut so.

Ost-West-Diskussionen bleiben

Wenn Deutschland heute ostdeutscher werden würde, dann nähme auch die Einheitsnormalität zu. Zu recht meint Kowalczuk, dass trotzdem kulturelle, mentale, gesellschaftliche und politische Ost-West-Diskussionen blieben. Im Osten werden soziale Gerechtigkeit und Sicherheit von vielen weiterhin höher als Freiheit bewertet werden, trotzdem muss eine demokratische „Gesamtidee“ des vereinten Deutschland möglich sein.

Dabei geht es um die Anerkennung des Ostens und um neue Wege und Mittel im Vereinigungsprozess. Hier stehen wir noch am Anfang einer dringend notwendigen Debatte, zu der der Autor Wesentliches beigetragen hat.

*Unser Autor Rainer Eckert (69) ist Historiker. Er war bis 2015 Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig. Heute gehört Rainer Eckert als Vorsitzender zum wissenschaftlichen Beratergremium des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Von Rainer Eckert*

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