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Kultur Regional Abdullah Ibrahims neue Alben feiern die Raffinesse des Einfachen
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15:00 12.08.2019
Abdullah Ibrahims Musik muss nicht posen oder überrumpeln, sie leuchtet von innen. nach seinem Album „The Ballance“ erscheint im September „Dream Time“. Quelle: Gabriel Bertogg
Leipzig

Duke Ellington war sehr angetan von diesem gerade 30-jährigen südafrikanischen Pianisten. Das ist länger als ein halbes Jahrhundert her. In Zürich spielte Adolphe Johannes Brand, bekannt als Dollar Brand, der sich Abdullah Ibrahim nannte, seit er zum Islam konvertierte.

Er spielte in der ersten Hälfte der 60er Jahre mit Landsleuten zwei Jahre lang im dadurch berühmt gewordenen Jazzcafé Africana. Ein Gastspiel in London hatte er genutzt, um dem Apartheid-Regime zu entkommen.

Der Duke protegierte ihn und organisierte eine Aufnahmesession beim damals renommierten Reprise-Label in Paris: „Duke Ellington Presents The Dollar Brand Trio“. Später durfte der wichtigste Vertreter des afrikanischen Jazz den Jazz-Bigband-Boss schlechthin sogar vertreten.

Klänge der Heimat

Dieser Abdullah Ibrahim hatte seinen Thelonious Monk studiert und spielte ebenso holzschnittartig wie der sonderbare Bebop-Pionier. Doch war seine Musik vom Beginn an grundiert von den Klängen seiner Heimat. Insofern war und blieb der Mann aus Kapstadt stilistisch ein Einzelgänger.

Wunderbare Melodien erfand er auf einer erst durch ihn definierten Schnittstelle von modernem Jazz und afrikanischer Volksmusik. Mit der Raffinesse des Einfachen schrieb er Stücke, die sich anhörten, als kenne man sie längst. Ohrwurmthemen lud er auf mit Dringlichkeit, Lebensfreude und einer Spiritualität, die das vermeintlich Einfache mit Größerem auflud.

Dieser Musik blies er einen langen Atem ein und eine Emotionalität, die unter die Haut ging und auf vielen Tourneen das Publikum in ihren Bann zog. Dieser andere Zugang, der von Zulu-Melodik, den Kirchenchorälen der Farbigen, freudvoller Karnevals-Rhythmik und den Klängen der Townships grundiert und beseelt war, machte die Attraktivität dieser eingängig suggestiven Stücke aus, die er in seiner Never-Ending-Story aneinanderreihte wie Perlen auf der Schnur, einerlei ob er sie mit großen Besetzungen, kleinen Bands oder als Solist zelebrierte.

Wie in Jahresringen gewachsene Aufnahmen

Natürlich wurden diese anderen Klänge bemerkt innerhalb des damals zu Neuem aufbrechenden Jazz. Abdullah Ibrahim spielte mit Don Cherry, Gato Barbieri, Max Roach, Miriam Makeba, John Coltrane, Elvin Jones und Ornette Coleman.

Seine Komposition „Mannenberg“ wurde für die farbigen Südafrikaner so etwas wie die inoffizielle Hymne. Und natürlich spielte er 1994 zur Amtseinführung Nelson Mandelas. 1991 schon hatte er in Kapstadt sein Institut für Musikerziehung gegründet. Oft haben seine wie in Jahresringen gewachsenen Aufnahmen den Terminus Africa im Titel: „African Piano“, „African Marketplace“, „Echoes from Africa“ und immer so fort.

Ein Ereignis

Inzwischen ist der Ehrendoktor und musikalische Schamane 84. Vier Jahre hat er keine CD veröffentlicht. Allein deswegen ist sein neues Album „The Balance“ ein Ereignis.

Es ist umso mehr eins, weil in größeren Besetzungen seine hohe Kunst des Arrangierens in bestechender Form und teilweise unorthodoxer Instrumentierung umgarnt und weil in den eingestreuten Solostücken die Besinnlichkeit des effektiv sparsamen Spiels noch immer ohne Vergleich ist.

Mag man es anfangs womöglich behäbig finden, wie sich Flöte und Kontrabass verschränken, wozu vom Piano nur kleine Akzente zugefügt werden, oder wie die Bläsersätze aus drei Saxofonen und Posaune im Gleichklang sind, bis sich Solisten herausschälen, bald und anhaltend wird man sich dem Gravitätischen dieser Musik nicht mehr entziehen wollen.

Weisheit und Relevanz übertragen sich, das Tänzerische ist ansteckend und voller Poesie, Hymnen und Gospelsongs schimmern durch diesen altersmilde überlegenen Sound.

Kraft der typischen Melodien

Wie es der Titel andeutet, ist das ungemein ausbalanciert, muss nicht posen oder überrumpeln. Das leuchtet wie von innen, und immer wieder ist da diese tief empfundene Kraft der typischen Melodien des Abdullah Ibrahim, aus denen eine Vitalität spricht, die einfach nicht zu brechen ist.

Dazu muss er als Pianist nicht virtuos glänzen, sondern viel besser an den richtigen Stellen punktuell die Akzente setzen. Nichts hat das zu tun mit Moden oder Trends. Hier ist einer ganz bei sich und überwältigt mit unaufdringlicher Integrität.

Einprägsam und in kluger Dramaturgie rollt das ab, neue und langjährige Mitspieler stützen ein abwechslungsreich instrumentiertes Programm, Cello und Mundharmonika inclusive. Altmeisterlich ist das und in der Summe von überspringender Vitalität.

„Dream Time“ im September

Und die Geschichte geht weiter. Nach der langen Veröffentlichungspause wird im September mit „Dream Time“ eine weitere neue Abdullah-Ibrahim-CD erscheinen. In einem dezenten Tasten in den Tasten hat er in seiner aktuellen Wahlheimat Bayern allein am Piano einen gefühlvollen Reigen aus 20 ineinander übergehenden Stücken eingespielt.

Wieder spiegelt es den Stoff eines Lebens, was an einem Sonntagnachmittag im nur 350 Menschen fassenden Saal des Gasthofs Hirzinger im oberbayerischen Chiemgau-Dorf Söllhuben mitgeschnitten wurde.

Eins geht folgerichtig aus dem anderen hervor, alles überzeugt mit seiner inneren Ruhe und Dignität, die von innerer Bewegtheit gespeist sind. Das strahlt von inniger Kraft, weil es auf überzeugende Weise in sich ruht und in diesen unter die Haut gehenden Interpretationen zu etwas Größerem aufblüht.

Besinnlichkeit, spartanischer Einsatz der Mittel und die überzeugende Kraft dieses Ausnahmeinterpreten führen in diesem afroamerikanischen Reigen zu Essenziellem, das sich ohne Umwege auf den Hörer überträgt. Ein weiteres Mal.

Abdullah Ibrahim: The Balance. Gearbox Records/Edel. /// Abdullah Ibrahim Solo Piano: Dream Time. enja/Edel (erscheint am 6. September)

Von Ulrich Steinmetzger

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