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Kultur Regional Äthiopische Stipendiaten zu Gast in Leipzig
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09:26 20.09.2018
Gemeinsam musizieren verbindet:. v.l. Amanuel Debela Chali, Alexander Kreß, Marie Smalla und Bethlehem Alessa Mengesha. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Bethlehem Alessa Mengesha und Amanuel Debela Chali lächeln schüchtern, als sie Ende August im Probensaal der Musikschule Johann Sebastian Bach in Leipzig stehen. Eigentlich unterrichten die beiden in Äthopiens Hauptstadt Addis Abeba Musik an einer Schule. Gerade sind sie im Rahmen eines Stipendiatenprogrammes für sechs Wochen in Leipzig. Addis Abeba ist Partnerstadt der Messestadt. „Ich habe jetzt schon so viel gelernt hier“, sagt Mengesha auf Englisch. Die 23-Jähirige erhält hier Violinen-Einzelunterricht, spielt im Jugendsinfonieorchester mit, hospitiert im Musikunterricht in der Musikschule. „Wir wollen unsere Erfahrungen nach Addis mitnehmen und dort weitergeben“, erzählt der 28-jährige Chali.

Das Stipendiatenprogramm ist Teil des Projektes „Lead Op – Leipzig Addis Abeba Orchestra Project”, das 2005 mit der ersten Reise des Jugendsinfonieorchesters der Musikschule nach Addis Abeba begann. Seitdem gab es mehrere Begegnungen, in Leipzig und auch in Äthiopien. Zuletzt reisten im April 2018 insgesamt 15 Leipziger Musikschüler – darunter erstmals auch Bläser – und Lehrkräfte nach Addis Abeba, um die Yared Music School weiter beim Ausbau eines Kammerorchesters hin zu einem Symphonieorchester zu unterstützen.

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Diesen Sommer nun sind zum ersten Mal zwei Stipendiaten aus Addis Abeba für sechs Wochen nach Leipzig gekommen. Sie wurden von ihren dortigen Lehrern ausgewählt. Mengesha und Chali wohnen in wechselnden Gastfamilien, bekommen so auch eine ganze Menge mit von deutschen Gewohnheiten. „Das ist sehr spannend, eine andere Kultur so intensiv kennenzulernen“, sagt Mengesha. Leipzig gefällt den beiden sehr gut.

„Musik hat so viel Macht, Dinge zu verändern“

Wichtig und sinnvoll finden den Austausch auch die beiden Leipziger Betreuungslehrer der diesjährigen Stipendiaten, Marie Smalla und Alexander Kreß. „Die beiden bekommen in ihrer Heimatstadt keine richtige Ausbildung. Hier lernen sie auch Basics: Wie bringt ich jemandem einen Rhythmus bei?“, sagt Smalla. Zwei Mal pro Woche bekommen die beiden außerdem je 45 Minuten Einzelunterricht. „In den sechs Wochen bekommen die beiden auch ganz viel Input dazu, wie viel Charakter man in ein Musikstück legen muss“, sagt Kreß. Dafür sei das Stipendiatenprogramm ideal.

„Es geht hier nicht darum, Profimusiker auszubilden“, sagt Ron-Dirk Entleutner, Leiter des Jugendsinfonieorchesters der Musikschule Johann Sebastian Bach. „Wir wollen das gemeinsame Musizieren vermitteln, denn in Addis an der Musikschule gibt es kein Orchester.“ Das langfristige Ziel: dort ein Orchester zu etablieren, und einen stabilen Austausch dazu. Musik sei so viel mehr als das reine Musizieren, sagt Lehrerin Smalla. „Man lernt dabei ja auch, an einer Sache dranzubleiben, sich durchzukämpfen. Das sind Eigenschaften, die jeder im Leben brauchen kann.“

Mengesha und Chali waren zu Beginn erstaunt darüber, wie früh die Kinder in Deutschland mit dem Musikunterricht beginnen. Mengesha wollte immer Violine spielen, erzählt sie. „Ich habe dieses Instrument immer geliebt. Aber ich kannte es nur aus Filmen, habe nie eine Violine in den Händen gehalten, bis ich mit 18 die Möglichkeit bekam.“ Jetzt unterrichtet sie Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren. „Musik hat so viel Macht, Dinge zu verändern“, sagt Chali. Seit sieben Jahren spielt er Cello. Ein großes Problem seien die fehlenden Instrumente an der Jared Music School, erzählt er. „Instrumente sind sehr, sehr teuer.“

Jetzt wollen die beiden Musiker in den kommenden Wochen noch so viel wie möglich mitnehmen, um ihr Wissen dann in ihrer Heimatstadt weiterzugeben. Beide sind vor allem auch eines: dankbar. „Wir sind so froh, dass es diesen Austausch gibt, den Lehrern, den anderen Orchestermitgliedern, unserer Schule in Addis Abeba“, sagt Mengesha. Die beiden Stipendiaten werden am 21. September auch beim Konzert des Jugendsinfonieorchesters im Kunstkraftwerk mitspielen.

Konzert „Landscapes“ des Jugendsinfonieorchesters der Musikschule Johann Sebastian Bach: 21. September, 20 Uhr, Kunstkraftwerk (Saalfelder Str. 8, Leipzig), Karten gibt es an der Abendkasse

Von Sophie Aschenbrenner

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