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Kultur Regional Agatha Christie erzählt aus viktorianischen Zeiten und malt farbige Reisebilder
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15:32 15.07.2019
Die englische Schriftstellerin Agatha Christi. Quelle: epd
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Leipzig

Den Federhalter für ihre Vertrags-Unterschrift führte sie mit Begeisterung – und war glückselig. Zwei Jahre und zahlreiche Ablehnungen lagen hinter Agatha Christie. Nun endlich, 1920, druckte der Verlag Bodley Head „Das fehlende Glied in der Kette“, ihren ersten Krimi mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot. Der Vertrag allerdings kam von einem listigen Verleger und war für die 30-jährige Autorin lausig. Am Ende landeten 25 Pfund bei ihr. Aber was machte das? Sie hatte jene Wette gewonnen, die sie vor über 20 Jahren mit ihrer älteren Schwester eingegangen war: Madge, ein ausgemachter Sherlock-Holmes-Fan, hatte da behauptet, nie könne Agatha einen Krimi schreiben.

Eigentlich gar keine Autorin?

Sie konnte – und brachte es im Laufe der Jahre auf weit über 60, von denen einige Klassiker wurden. Dabei kokettierte sie bis ins hohe Alter hinein, dass sie eigentlich gar keine Autorin sei. Das sagt sie auch immer wieder in ihrer Autobiografie – und staunt gelegentlich über ihre Produktivität. Die zahlte sich auch sichtbar aus, nachdem sie den Verlag gewechselt und einen Agenten verpflichtet hatte. Jedenfalls besaß sie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg acht Häuser, heruntergekommen gekauft, dann renoviert, später wieder verkauft. Schöne Gebäude, wenn man so die Beschreibungen von Sheffield Terrace (London), Wallingford (mit Themseblick) oder Greenway (Torquay) liest.

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Nüchterne, aber zufriedene Skizzen

Allesamt allerdings keine Aufschneidereien, sondern nüchterne, aber zufriedene Skizzen. Das ist aber ohnehin der Grundton ihrer Erinnerungen. Agatha Christie, Tochter eines zwischen Familie, Kirche, Klub gut situiert mit väterlichem Geld lebenden Amerikaners, kam aus der viktorianischen Endzeit. In Torquay (Südengland) jedenfalls wuchs sie im Haus Ashfield auf, von den Tugenden der Zeit und Kindermädchen umhütet. Bisweilen schauten Henry James oder Rudyard Kipling vorbei. Eine Schule besuchte sie erst spät, in Paris, lernte trotzdem früh lesen, verschlang Bücher und reiste in den Sommermonaten schon mal durch Frankreich. Als der Vater früh starb (Agatha war elf), zogen Geldsorgen ein, Bruder Monty, das schwarze Schaf, das zum Militär nach Afrika ging, Glücksritter und Abenteurer wurde, blieb zeitlebens ein Problemfall.

Wunderbar kräftige Stillleben

Über ihre frühen Jahre in Torquay malt Agatha Christie wunderbar kräftige Stillleben mit Familie, in denen das viktorianische Denken bis in den Alltag, die Tanzschule, Besuche, Heirat, Kleiderordnung und Sexualität wetterleuchtet. So manche viktorianische Gepflogenheit hält Agatha Christie denn auch für durchaus empfehlenswert – und widerspricht dem Bild von der Rolle der Frau: Viktorianerinnen verstanden es, behauptet sie mit Nachdruck, Männer dorthin zu bekommen, wo sie sie haben wollten. Allerdings bleibt sie beim Scheitern ihrer Ehe mit dem Ex-Militär-Flieger Archie Christie etwas wortkarg: Er interessierte sich zusehends nur noch für Golf und hatte eine jüngere Geliebte.

Den Blick zurück auf ihr Leben begann Agatha Christie Anfang der 50er. Nahezu 15 Jahre diktierte sie Stück für Stück, folgte dem Gang der Ereignisse chronologisch, wenn auch ohne Jahreszahlen, unterbricht den Erzähl-Fluss aber immer mal wieder, um nachzudenken – über das, was sie mag und was nicht, über den Markt und das Schreiben (Sie ist Handwerkerin, die eine gute ehrliche Arbeit leistet), über das, was sie durchaus gern geworden wäre, wozu aber – gesteht sie unumwunden – das Talent einfach nicht reichte (Pianistin, Sängerin, Bildhauerin).

Geständnisse

Immer wieder gibt es kleine Geschichten um dieses und jenes Buch (es sind ja nicht nur Krimis), um das 15 Jahre gehaltene Pseudonym Mary Westmacott – und Geständnisse. So ist sie einzig mit „Ein Frühling ohne dich“ wirklich zufrieden. Einige Zeit dauert es, bis Agatha Christie an ihr Talent als Bühnenautorin glaubt (trotz eines vernichtenden Urteils von John Gielgud zu einem frühen Echnaton-Drama) – und mit „Die Mausefalle“ einen der wohl größten Theaterhits schreibt. Die Rechte daran schenkt sie ihrem Enkel Mathew. Der zieht damit das große Los.

Abenteuerliche Abstecher

Dass Agatha Christie eine Autorin ist, die exzellent beobachten und beschreiben kann, beweist sie mit den Schilderungen ihrer Reisen – von der Weltumrundung mit dem ersten Ehemann für eine Empire-Ausstellung bis zu den archäologischen Expeditionen mit Max Mallowan, dem zweiten Mann. Dabei ist sie, durchaus überraschend, nicht nur eine begeisterte Surferin, sondern auch eine Reisende, die keinen abenteuerlichen Abstecher scheut. Ihre Fahrten mit dem Orientexpress, durch den Balkan, über die Sowjetunion nach Istanbul, in den Irak und nach Syrien zeichnen farbig, gefühlvoll, stimmungsintensiv und mit herrlich plastischen Details eine exotische Welt nach, die längst versunken ist. Nebenbei liefert sie bei Aufenthalten in Ninive, Nimrud oder Ur Charakter-Studien einiger britischer Archäologen, in denen heftig der Puls des Empires schlägt. Das sind sicher einige der Glanzstücke dieser hochinteressanten Erinnerungen, mit denen nicht nur ein Leben beschrieben, sondern auch eine Zeit vor unserer Zeit besichtigt wird.

Dass Agatha Christie das nicht heftig durchscheinen lässt, es wohl auch nicht beabsichtigt hatte, macht ihre in einer wunderbar gelösten, klaren Sprache verfasste Autobiografie zu so etwas wie einem Zeitdokument. Das kommt jedoch nicht staubtrocken und belehrend daher, sondern ist unterhaltsam, bisweilen amüsant, dann wieder, in traurigen Momenten (Tod der Mutter), melancholisch gefärbt. Nebenbei erzählt es eine ganze Menge aus der Schreib-Werkstatt einer Erfolgs-Autorin, die sich noch mit 70 für schüchtern hält, und von jenen Zeiten im Ersten Weltkrieg, in denen Agatha Christie Krankenpflegerin und Apothekerin war. Alles persönlich – und spannend.

Von Norbert Wehrstedt