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Kultur Regional Alles auf Anfang: Videokünstler rekonstruiert Fall des gefesselten Flüchtlings
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13:35 03.10.2018
Szene aus „Again / Noch einmal" Quelle: Courtesy Mario Pfeifer & KOW © 2018 VG Bild-Kunst, Bonn
Chemnitz

„Schauprozess“ stand auf Plakaten, die im April 2017 vor dem Amtsgericht Kamenz hochgehalten wurden. Oder: „Zivilcourage ist kein Verbrechen.“ Auf anderen wurde der damalige Justizminister Heiko Maas mit Roland Freisler, dem berüchtigten Strafrichter im nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt. Vergleiche können auch selbstentlarvend sein. Drinnen ging es um vier Männer, die im Sommer 2016 in Arnsdorf bei Radeberg einen Geflüchteten nach einem Streit aus einem Supermarkt gezerrt und an einen Baum gefesselt hatten. Der Vorfall, der auf einem Youtube-Video dokumentiert ist, hatte bundesweit Aufmerksamkeit gefunden. Kurz vor Prozessbeginn war der irakische Asylbewerber tot in einem Wald südlich von Freital gefunden worden – erfroren laut Obduktionsbericht. Doch der vermeintliche Schauprozess fand nicht statt. Das Verfahren wurde eingestellt. Eine der bemerkenswerten Begründungen des Richters damals: Das öffentliche Interesse an einer Strafverfolgung sei nicht groß.

Der 1981 in Dresden geborene Mario Pfeifer hat den Fall mit den Mitteln der Kunst neu aufgerollt. Seine Zwei-Kanal-Video-Installation „Again / Noch einmal“ ist jetzt nach einem Auftritt bei der Berlin-Biennale in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. Sie ist ein vielschichtiges Plädoyer gegen das Vergessen und flotte Urteilsbildung. Pfeifer lässt die Filterblasen platzen. Er setzt auf einen aktiven Zuschauer, der zur eigenen Urteilsbildung in der Lage ist. „Niemand hat während des doch sehr physischen Übergriffs ,stopp’ gesagt, meint Pfeifer. Der Betrachter könne sich nun selbst fragen, ob und wann er das getan hätte. „Es könnte sein, dass Menschen ihre Haltung überdenken.“

Es nicht auf sich beruhen lassen

Darum geht es Pfeifer, der sich einen humanistischen Optimismus bewahrt hat, der auch dort an die Möglichkeit des Dialogs glaubt, wo andere längst resigniert haben. Darum wünscht er sich in jedem Museum einen Raum für aktuelle politische Kunst, eine, die schnell reagiert und den vielen fiebrigen Pseudodiskursen unserer Gegenwart die Faktoren Zeit und Kontemplation entgegenstellt, so wie sein „Again / Noch einmal“, das seinen Anspruch bereits im Titel andeutet: Hier will jemand etwas nicht auf sich beruhen lassen.

In dem 42-minütigen Film hebt Pfeifer die Vorgänge in Arnsdorf aus der Sphäre der Gerüchteküchen und Internet-Wackelbilder auf eine ästhetisch ausgeleuchtete Bühne. In einem Parkhaus stellte er die Ereignisse nach; es ist ein Spiel im Spiel, ein aufwendig recherchiertes Theaterstück. Die bekannten Schauspieler Dennenesch Zoudé und Mark Waschke geben darin gewissermaßen zwei Moderatoren, die das Geschehen immer wieder anhalten, verschiedene Alternativen durchspielen und die Generalfrage stellen: „Zivilcourage oder Selbstjustiz? Lass uns noch mal anschauen. Alles auf Anfang.“ Der Film ist auf zwei schräg zueinanderstehenden Leinwänden zu sehen. Das ermöglicht Spiegelungen, etwa zwischen Originalvideo und Rekonstruktion. Beobachter und Beobachtetes, verschiedene Perspektiven werden gegenübergestellt. Ein so einfaches wie wirksames ästhetisches Mittel. Es gibt nicht die eine gültige Sicht auf die Dinge.

Der in Berlin und Dresden lebende Pfeifer erzählt so mehrere Geschichten: Die im Nettomarkt von Arnsdorf, von dem 21-jährigen Iraker Schabaz Saleh Al-Aziz, der mehrfach eine Telefonkarte umtauschen will und laut Zeugenaussage eine Flasche Wein aus einem Regal genommen und damit rumgefuchtelt haben soll, bis plötzlich vier Männer auftauchen, ihn überwältigen und fesseln; ganz zufällig haben sie Kabelbinder dabei. Auch sie kommen in dem Film zu Wort. Erzählt wird die Geschichte eines Menschen, der an Epilepsie leidet, sich auf die Flucht nach Deutschland macht, wo er sich eine Behandlung erhofft. Und die eines fragwürdigen Umgangs mit einem psychisch Kranken, der immer wieder verlegt wird, der eine Krankenschwester verletzt, der dringend benötigte Medikamente unregelmäßig oder gar nicht erhält, der ausgerechnet von einem AfD-Kreisrat betreut wird.

Wie ein Geschworenengericht

Pfeifer lässt es auch dabei nicht bewenden. Wie ein Geschworenengericht verfolgen zehn Bürger mit eigenen Flucht- und Migrationserfahrungen die Rekonstruktion, erläutern ihre Sicht auf den Vorfall. „Wäre das auch mit einem Deutschen passiert?“, fragt einer. Ein anderer fühlt sich an den Umgang mit Menschen in der DDR erinnert. Groß ist die Irritation über die Einstellung des Verfahrens.

Er habe den Fall, der sich in einer Grauzone zwischen Notwehr, Zivilcourage und Selbstjustiz abspielte, von Anfang an verfolgt und sich gefragt, ob es für die Gesellschaft akzeptabel sei, wenn ein Gericht trotz guter Beweislage das Verfahren einstelle, sagt der international arbeitende Künstler. Und fragt weiter: „Ist es in Ordnung, wenn jemand an einem Parkplatz an einen Baum gefesselt wird?“

Frédéric Bußmann, zuvor Kurator im Museum der bildenden Künste in Leipzig, seit 1. Mai Generaldirektor in Chemnitz, hat die Ausstellung um mehrere Monate vorverlegt – aufgrund der aktuellen Ereignisse in Chemnitz, die nach wie vor die Stadtgesellschaft polarisieren und erschüttern. „Wir müssen reagieren, und die Kunst ist das Mittel, mit dem wir das tun können“, sagt Bußmann. Es gehe um Zuhören und Dialog, weshalb täglich für zwei Stunden Ansprechpartner für Besucher in der Ausstellung auf Fragen warten würden.

Parallel wird Pfeifers neunstündige Videoarbeit mit dem epischen Titel „Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen/Deutschland“ im Rottluff-Raum des Museums gezeigt, eine dezente Intervention inmitten der expressionistischen Gediegenheit. Ende 2016 war sie bereits in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig zu sehen. Pfeifer lässt darin von den Dresdner Pegida-Demonstrationen ausgehend neun Personen mit unterschiedlichen biografischen Hintergründen Fragen zur politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation in Sachsen beantworten. Die Fragen, Namen, und Hinweise auf den sozialen Status der Sprecher wie Kleidung blendet Pfeifer aus.

So wirken allein Gesicht und gesprochenes Wort, ungeschnitten, ungefiltert.

Bis 6. Januar in den Kunstsammlungen Chemnitz (Theaterplatz 1); Di–So, 11–18 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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