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Kultur Regional Andris Nelsons dirigiert Tschaikowski und Currier, Solistin an der Geige ist Baiba Skride
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14:53 17.05.2019
Man ist – zu recht - zufrieden mit sich: Andris Nelsons, Sebastian Currier und Baiba Skride inmitten des Gewandhausorchesters. Quelle: Peter Korfmacher
Leipzig

Im Gewandhaus war’s das jetzt: Die erste vollständige Spielzeit des Gewandhauskapellmeisters Andris Nelsons ist nach dem heutigen Großen Concert so gut wie Geschichte. Am Montag rücken am Augustusplatz die Arbeiter an, um mit dem Neubau der Bühne im 1981 eingeweihten Konzertsaal zu beginnen; Nelsons und sein Orchester starten in der kommenden Woche auf eine ausgedehnte Asien-Tournee; nach ihrer Wiederkehr dirigiert Herbert Blomstedt noch zwei Große Concerte in der Kongreßhalle am Zoo, wo das Gewandhausorchester nach dem Krieg und bis zur Eröffnung des dritten Gewandhauses Unterschlupf fand; und Nelsons leitet zwei weitere, im Volksfest-Modus, im Rosental. Drum bieten sich die drei Großen Concerte dieser Woche für eine Standortbestimmung an. Und die Antwort auf die Frage, wo sie nun stehen, der lettische Dirigent und sein Leipziger Orchester, sie fällt eindeutig aus: ganz oben.

Musikalische Spontaneität

Jedenfalls mit Tschaikowski. Denn diese Fünfte, die da am Donnerstagabend im ausverkauften Saal für enthemmte Begeisterungsstürme gut ist, sie setzt Maßstäbe – und gehört unbedingt auf Platte gepresst. Selten trägt Nelsons musikalische Spontaneität so reiche Früchte wie hier. Von den fahlen ersten Klarinetten-Tönen bis zur rauschhaften Coda hängt in keinem Takt der Spannungsbogen durch, auch nicht zwischen den Sätzen. Innerhalb ihrer Grenzen geht Nelsons generös mit dem Binnentempo um, in Kurven-Bremsmanövern und Beschleunigungen auf den langen Graden die Extreme durchaus nicht scheuend. Aber was sich angesichts der Proben noch herumorakelt hatte im Gewandhaus, dass nämlich diese Fünfte eine sehr lange, weil auf langen Strecken extrem langsame werden würde, das bewahrheitet sich nicht.

Gewiss: Nelsons geht die entsprechenden Abschnitte ruhig an. Das Andante des Kopfsatzes, das Andante mit einigen Freiheiten des zweiten, das Andante maestoso des Finales. Aber sie bleiben doch immer Andante – gehend also. Stockend zwar, bisweilen auch taumelnd, aber sie schreiten voran, das Ziel der Stretta und des Triumphmarschs immer fest vor Augen.

Strom aus Klang und Emotion

Nelsons baut diesen ununterbrochenen Strom aus Klang und Emotion von unten auf, warm, satt ,ungeheuer wandelbar. Und das sensationelle Orchester hat diese Musik so verinnerlicht, dass es auf dem Weg den Blicken seines Chefs nach rechts und links, nach oben und unten, vor und zurück, in Echtzeit zu folgen vermag. Ergebnis ist eine Art kollektiven Belcantos, bei dem jeder einzelne Akteur ein Höchstmaß an Freiheit genießt, die zwei übergeordneten Zielen dient: die Grenzregionen der Seele und des Geistes zu erreichen – und zwar gemeinsam. So schieben sich zwar von allen Ecken und Enden des Orchesters immer wieder neue Herrlichkeiten ins Blickfeld, aber sie verbinden sich zu einem Ganzen, das den dunklen Zauber des von Tschaikowskis in alle vier Sätze gewobenen „Schicksalsmotivs“ aufgehen lässt in überirdischer Schönheit.

Sicherheit vor Legato

Getrübt wird die nur von zwei minimalen Einschränkungen: Im Andante con allcuna licenza verliert das wunderbar klangvolle Solo-Horn auf der Suche nach Sicherheit das Legato aus den Augen, und in der Stretta des Finales ist das Risiko, das Nelsons mit halsbrecherischem Tempo eingeht, für manchen Streicher doch zu hoch. Dies stört indes den nachhaltigen Eindruck kaum, der entsteht, wenn Virtuosität und Sinnlichkeit auf höchstem Niveau zueinanderfinden. Und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass angesichts dieser Fünften das Publikum in Japan und China Andris Nelsons und dem Gewandhausorchester zu Füßen liegen wird.

Wahrscheinlich wäre es bei Sebastian Curriers (Jahrgang 1959) Violinkonzert mit dem schönen Namen „Aether“ nicht anders. Aber weil neue Musik und Tournee-Geschäft traditionell nicht zueinander finden, gibt’s dort stattdessen Schostakowitschs erstes Konzert für Violine und Orchester. Ob das beim Publikum wirklich besser ankommt, wird sich zuerst heute Abend im Gewandhaus erweisen ...

Nah am Nichts

Wie auch immer: Curriers konzertanter Lobgesang auf den Äther, erst vor gut einer Woche in Boston uraufgeführt, ist ein ziemlich typischer Vertreter US-amerikanischer Kuschel-Avantgarde. Klug kalkulierte Mitsing-Moderne, die ihren Anspruch auf Zeitgenossenschaft behauptet mit tatsächlich wunderbar ausgehörten Flächen, die nah am Nichts den Wechselgesang der Solovioline zunächst mit dem betörenden Englischhorn Gundel Jannemann-Fischers und dann immer neuen Orchesterfarben umfangen – und mit kurzen Abschnitten des rhythmischen Aktionismus. Die indes deutlich abfallen gegenüber den hauchzarten Klanggespinsten, auf die der Titel des Werkes verweist.

Erst recht gegenüber dem wonniglichen Gesang Baiba Skrides auf ihrer Stradivari. Auch sie macht mit ihrem vollmundigen Goldton, ihrer subtilen Phrasierung und natürlichen Durchgestaltung des meist eher introvertierten Solo-Parts kein Meisterwerk aus diesem Violinkonzert. Aber sie verhilft ihm zu einer sinnlichen Plausibilität, die es erlaubt, hin und wieder aufzuseufzen vor wohlfeilem Wohlgefallen. Und für begeisterten Applaus für sie, das Orchester, den Dirigenten und den Komponisten reicht es auch.

Ein Kontrafagott der Freunde

Das Konzert vom Donnerstag war überdies erneut eines der Gesellschaft der Freunde des Gewandhauses zu Leipzig, in deren Namen ihr Vorstandsvorsitzender Andreas Creuzburg dem Orchester schon wieder ein Instrument schenken konnte: ein Kontrafagott im Wert von 30 000 Euro – ein halbes Jahr nur nach der transportablen und modularen Wegscheider-Saalorgel für 200 000 Euro. Respekt!

Tschaikowskis Fünfte wird heute, 18.5. 2009, 20 Uhr, wiederholt. Dazu spielt Baiba Skride Dmitri Schostakowitschs erstes Violinkonzert; mit etwas Glück gibt’s an der Abendkasse noch Restkarten. Die letzten beiden Großen Saal-Concerte der Spielzeit dirigiert Herbert Blomstedt am 15. und 16. Juni wegen des Umbaus der Bühne im großen Saal in der Kongreßhalle am Zoo (Karten zu 50 bis 100 Euro unter Tel. 0341 1270280). Am 28. und 29. Juni beschließt Andris Nelsons die Saison bei freiem Eintritt im Rosental.

Von Peter Korfmacher

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