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Kultur Regional Andris Nelsons erinnert mit Werken von Wagner, Bruckner und Gubaidulina an Mariss Jansons
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16:55 06.12.2019
Vadim Repin, Andris Nelsons und das Gewandhausorchester im Großen Concert. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Am Ende haben sie sich maximal voneinander entfernt, Vadim Repin, der auf seiner Stradivari in schwindelerregender Höhe ein viergestrichenes a bis zum schmerzlichen Verlöschen streicht, und das Gewandhausorchester, das ein grummelndes, aber nicht mehr wirkliche Kampfbereitschaft signalisierendes Bassfundament darunter breitet.

Die russische Komponistin Sofia Gubaidulina. Quelle: dpa

Staunende Ergriffenheit

Es ist der letzte Moment des dritten Violinkonzerts, das Sofia Gubaidulina unter dem lapidaren Titel „Dialog: Ich und Du“ ersonnen hat und das Andris Nelsons im Großen Concert zur deutschen Erstaufführung bringt. Der Applaus, der der 88-Jährigen danach entgegengebracht wird, als sie unsicheren Schrittes auf die Bühne kommt, dabei Solist und Dirigent etwas steif an den Händen fast, lässt die staunende Ergriffenheit spüren, die nach den zurückliegenden 20 Minuten über dem Saal liegt.

Schlichtweg ein Engel

Unter den zeitgenössischen Komponistinnen nimmt die seit 1992 in der Nähe von Hamburg lebende Russin zweifelsohne eine Sonderstellung ein. Eine der letzten großen Vertreterinnen der sowjetischen Avantgarde wird sie genannt, als Mystikerin, Prophetin bezeichnet. Für den estnischen Geiger und Dirigenten Andres Mustonen, der im April letzten Jahres die Uraufführung des „Dialogs“ mit dem Philharmonischen Orchester Nowosibirsk besorgt hat, ist sie schlichtweg ein Engel.

„Ich und Du“

Ein Engel, der in Tönen die Botschaften des Religionsphilosophen Martin Buber zu den Menschen trägt. In dessen 1923 erschienenem Buch „Ich und Du“ finden sich Sätze wie „Der Mensch wird am Du zum Ich. / Beziehung ist Gegenseitigkeit. / Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ und weiter ausführend: „Die verlängerten Linien der Beziehungen / schneiden sich im ewigen Du. / Jedes einzelne Du / ist ein Durchblick zu ihm. / Ihr ewiges Du haben die Menschen / mit vielen Namen angesprochen.“

Musiktheater ohne Worte

Abstrakte Worte, aus denen Gubaidulina konkrete Klänge des nicht nur einvernehmlichen Zwiegesprächs formt. Mit aufbegehrenden Gesten, die ihre Herkunft aus der romantischen Violinliteratur nicht verhehlen, bricht der Solist einen Streit vom Zaun, in dessen Verlauf Abschnitte des Zuhörens und Ignorierens, des Drängens und Zurückweichens einander ablösen. Ein brachiales Pauken-Solo, etwa an der Stelle, wo in der Partitur der Goldene Schnitt zu vermuten wäre, gebietet kurzzeitig Einhalt. Musiktheater ohne Worte, das nachhaltig bewegt.

Traurige Vorzeichen

Umso mehr, als der Abend, Wagners jubilierender Meistersinger-Ouvertüre zum Trotz, unter traurigen Vorzeichen steht: Die Großen Concerte diese Woche sind dem Andenken des unvergleichlichen Mariss Jansons gewidmet.

Lebenslanger Mentor

Einmal war der am vergangenen Samstag verstorbene Maestro zu Gast beim Gewandhausorchester, wie ein Einleger im Programmheft informiert, im April 1995, mit Strauss‘ „Zarathustra“ und Schostakowitschs Funfter. Auf dem Zettel ist ein Foto von Jansons abgedruckt, neben ihm steht sein damals 19-jähriger Schüler Andris Nelsons. Für den aktuellen Gewandhauskapellmeister war sein Landsmann ein lebenslanger Mentor.

Gubaidulinas Violinkonzert erhält dadurch – ungewollt – Züge eines Abschiedskonzerts, auch die Bewegungsfreude der „Meistersinger“ bleibt etwas gedämpft.

Nah am Paradies

Und Bruckner? Für die Deutsche Grammophon dreht Nelsons weiter an seinem Zyklus, an diesem Abend ist die Zweite in c-moll für den Mitschnitt vorgesehen. Ein Fest der Generalpausen feiert diese Sinfonie, deren zweite Fassung von 1877 auf den Pulten der Gewandhausmusiker um Sebastian Breuninger liegt.

Bruckner-Verächter würden wohl von formaler Episodenhaftigkeit sprechen. Aber wenn Andris Nelsons den Stab führt, muss die Frage nach der Liebe zum Linzer Sinfoniker unbedingt bejaht werden. Was er aus dem Andante macht, tönt nah am Paradies. Ein Blühen und Verwelken in herbstlicher Farbschönheit, wunderbar innig und warm selbst in den gewaltigsten Klangschichtungen. Auch das durch seine zahlreichen Einschübe nicht unproblematische Finale steuert zielgerichtet auf den C-Dur-Durchbruch zu. Ein Augenblick kurzen Triumphes ist das. Und langer beseelter Applaus die Folge.

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