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Kultur Regional Anke Geißlers Kopfwäsche im neuen Programm „Unter der Haube“
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12:28 17.06.2019
Anke Geißlers neues Solo spielt in einem Friseursalon. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die Welt ist im Wandel. Und eher nicht zum Guten. Auch, weil sich der eins von Aufklärung und Idealismus gern beschworene Weltgeist zunehmend verflüchtigt. Blauäugig in den blaufarbigen Rechtsdrall etwa. Oder die Digitalisierung; ins virtuelle Zoogehege, wo man sich dann die Kurznachrichten des Kurzgedachten gleich Keulen um die Ohren haut. Alles scheint zunehmend heiß zu laufen im Weltenlauf, der ja auch die Sonne heißer scheinen lässt. Ein Zustand, den Friseuse Petra Altdorf geradezu erschöpfend auf den Punkt bringt: „Wenn der Föhn zu heiß ist, gibt’s ’nen Kurzen!“

Petra Altdorf, das ist Anke Geißler. Ist die Kabarettistin, die als Friseuse ihr Publikum „Unter der Haube“ eines Humors versammelt, der zur Premiere am Sonntag im fast ausverkauften Academixer-Keller einmal mehr begeistert beklatscht wurde. Regie führte Klaus Stephan. Applaus und Lacher gab es dabei für viel heiße Luft, aber immer wieder auch für Haare auf den Zähnen und diese und jene Kopfwäsche.

Sachen, für die die Petra eine erfahrene Expertin ist, die weiß, was die Kundschaft will. Anke Geißler weiß das auch. Und das fast schon zu genau: „Hauptsache, wir reden nicht über Politik!“, ist der freilich doppeldeutige Satz, der in „Unter der Haube“ ziemlich schnell fällt. Liedchen inklusive: „Politik ist verboten, alles andere ist erlaubt/ So lange es nicht die Feierlaune raubt …“

Auch Frederike von Lammezahn ist wieder dabei

Was natürlich auch eine Randerscheinung obig erwähnten Welt- und Geisteswandels sein mag. Oder schlicht von privaten Umständen bestimmt. Wird doch die Petra in ihrem Salon gleich zu Beginn mit der Nachricht konfrontiert, dass Tochter Theresa ganz spezielle Pläne für die nahe Zukunft hat: „Was? Du willst heiraten? Was ist denn passiert?“

Auch Petras Ehemann Klaus ist erst einmal nicht sonderlich amüsiert über derlei Ambitionen. Andererseits weiß der Kerl, dass manchmal eben auch eine „Niete ’nen Hauptgewinn“ zieht. Ging ihm mit Petra ja auch so. Weit pessimistischer ist da die Frederike von Lammezahn. Eine graue Pantherin mit totem Fuchs um die Schulter, die mit dem Biss ihrer dritten Zähne gern Illusionen zerkaut und wieder ausspuckt. Nicht die einzige bemerkenswerte Kundin in Petras Friseursalon.

Es ist ein Personal, dem Anke Geißler in Personalunion immer wieder die Gestalt von Anke Geißler gibt. Soll heißen, der Gestaltenwandel ist kein wirklicher, sieht man mal von flinken Kostümwechseln ab. Es ist ein wenig wie Charleys Tante, verkleidet als Onkel, der einen auf Tante macht, was Geißler bietet. (An-)Verwandlungen als karnevaleske Husch-Husch-Travestien.

Humoristisch geht es immer durch den Haupteingang

Dass die Kabarettistin alle Texte selbst verfasste, ist da konsequent allein schon, weil auch ihre Figuren sprachlich nicht unbedingt Feinmotoriker sind. Dafür gern bodenständig polternd und sächselnd sowieso daherkommen. Humoristisch geht es immer durch den Haupteingang. Manchmal wird dessen Tür eingetreten, manchmal steht sie von vornherein weit offen, winkt die Pointe lange schon vor Erreichen sichtbar zum Kaffeekränzchen mit all den Blümchenkaffeewitzchen über Veganer oder genderkorrekte Sprachcodes.

Zugleich aber gibt es immer wieder Passagen mit echtem Biss und Schmiss. Gilt für die Musik, die Pianist Enrico Wirth mit souveräner Hand bietet. Und gilt für die Momente, in denen Geißler (natürlich) doch noch bei der Politik landet. Und bei dieser Mentalität eines „Hasse deinen Nächsten wie dich selbst!“, wie es die Petra mal schön bitter mit Blick auf all jene formuliert, deren Hirn am „Existenzminimum krepelt“ und die doch zugleich aus dem „Labyrinth der unerfüllten Wünsche“ befreit werden wollen: „Wer weiß, dass er blöd ist, der ist ja schon klüger!“ postuliert da die Petra hoffnungsvoll. Es scheint, so ganz hat er noch nicht aufgehört zu spuken, der Geist der Aufklärung.

Weitere Termine von Anke Geißlers „Unter der Haube“: 26./27. Juni bei den Academixern, Kupfergasse 2, und 23./24. August als Sommerkabarett im Paulaner-Palais, Klostergasse 5, sowie ab 11. September im Academixer-Keller, Karten: 0341 21787878

Von Steffen Georgi

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