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Kultur Regional Asterisk bei den Linguist*innen: Das Gendersternchen
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19:49 29.01.2019
Frisch gedruckt: das Gendersternchen in einer Pressemitteilung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. Nun ist es ist Anglizismus des Jahres 2018.
Frisch gedruckt: das Gendersternchen in einer Pressemitteilung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. Nun ist es ist Anglizismus des Jahres 2018. Quelle: Doreen Garud/dpa
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Leipzig

Anatol Stefanowitsch geht auf Nummer sicher. Nachdem der Juryvorsitzende und Gründer der Initiative „Anglizismus des Jahres“ den Sieger verkündet hat, erklärt er ihn auch gleich in seiner Laudatio – „falls jemand das letzte Jahr abgeschnitten von der Außenwelt verbracht hat“. Denn gewonnen hat „Gendersternchen“.

Genau genommen handelt es sich um einen „Schein- oder Pseudoanglizismus“: Das Wort ist eine deutsche Erfindung, wie der „Gender Star“ übrigens auch. Damit habe zum ersten Mal in der Geschichte dieser Wörterwahl eine englisch-deutsche Hybridform gewonnen.

Unsichtbares sichtbar machen

Gendersternchen bezeichnet ein typografisches Zeichen, nämlich „*“, das, und jetzt kommt die Erklärung, „bei Personenbezeichnungen zwischen der männlichen und der zusätzlich angefügten weiblichen Endung gesetzt wird, um neben Männern und Frauen auch Menschen mit anderer geschlechtlicher Identität miteinzubeziehen und sichtbar zu machen“. Angewendet wird es bei „Wähler*innen“ oder „Bürger*innen“ und überall dort, wo diese Zielgruppen von Amts wegen angesprochen werden.

Vor allem aber wird ü b e r das Gendersternchen gesprochen, denn die Jury beruft sich auf einen sprunghaften Anstieg im öffentlichen Sprachgebrauch, der, wie Stefanowitsch in seiner Laudatio auf sprachlog.de ausführt, „darauf hinweist, dass es hier einen Redebedarf gab, für den es ein Wort brauchte“.

Der Volksmund schweigt

Auch das macht die Wahl so interessant: Über etwas reden zu müssen, wofür es kein Wort gibt. Eine Bresche, in die sonst gern der Volksmund springt. Da hilft es kaum, dass „*“ in der Typografen-Sprache Asterisk heißt, Sternchen, und für die Comicfigur Asterix Pate gestanden haben soll.

Jedenfalls zeigt es, wohin es die Sprache verschlägt, wenn es um Gleichbehandlung längst nicht mehr beider, sondern aller Geschlechter geht: ins Unaussprechliche.

Langer Weg für kurze Zeichen

Was in mittelalter Vorzeit mit den „Wählern“ begann, wurde vor 100 Jahren zu „Wählern und Wählerinnen“ und im ausgehenden 20. Jahrhundert zu „WählerInnen“, womit aber noch nicht der Mann-Frau-Dualismus überwunden war. Das wurde erst nach 2003 mit den „Wähler_innen“ in Angriff genommen, dem „_“, auch „Gendergap“ genannt.

Die Grünen waren es dann, die 2015 beschlossen, Anträge auf Parteitagen „nur noch zu behandeln, wenn sie mit Gendersternchen formuliert sind“, hat Sprachwissenschaftler Stefanowitsch eben erst auf dem Onlineportal der „Zeit“ erklärt.

Wer nun glaubt, das alles gehe ihn oder sie nichts an, arbeitet nicht bei der Stadtverwaltung Hannover. Dort haben Oberbürgermeister und Referat für Gleichstellung einen Leitfaden entwickelt für „geschlechterumfassendes Formulieren“, der zu einer weiteren Form der Gleichbehandlung führt: dem substantivierten Partizip „Wählende“. Nun sind genau genommen nicht in jedem Fall Wähler auch Wählende, so wie Studenten weiß Gott nicht zu jeder Zeit auch Studierende sind. Und Trinkende nicht immer Trinker – doch sei’s drum.

Nice

Es geht ja um das „Gendersternchen“, und zwar als nicht als „Gender-Gaga“ („Bild“), auch nicht als „sprachliches Darstellungsmittel aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten“ (Hannover), sondern um das Wort als solches. Das zeige, so die Anglizismus-Jury, wie schnell das Deutsche aus dem Englischen entlehntes Wortgut produktiv zur Bildung neuer Wörter nutze.

Publikumsliebling ist übrigens „Framing“. Das bezeichnet „die Darstellung eines Themas aus einer bestimmten Perspektive mittels sprachlicher Bilder, mit dem Ziel, bestimmte politische Positionen zu diesem Thema überzeugend zu vermitteln“. Der „Sonderpreis gesprochene Sprache“geht an „nice“. Was man so stehen lassen kann und muss, denn geschrieben wird es sonst kaum. Dabei würde das jeder verstehen.

„Stimmlippen kurz schließen“

Anglizismen der zurückliegenden Jahre waren „Influencer“, „Fake News“ und „Refugees Welcome“. Verglichen damit ist das „Gendersternchen“ ein reines Debatten-Wort, oft im Munde geführt auch von Anatol Stefanowitsch, der als Anwalt, wenn nicht gar Missionar korrekter Sprache unterwegs ist.

Und es ist ein Wort aus der Not, denn das, was es bezeichnet, lässt sich selbst nicht sprechen. Lässt es sich sehr wohl, schreibt Stefanowitsch in seinem „Sprachlog“-Blog: „Das Sternchen und die Lücke werden in der Aussprache durch einen stimmlosen glottalen Verschlusslaut wiedergegeben – ein Laut, den wir produzieren, indem wir die Stimmlippen (,Stimmbänder’) kurz vollständig schließen.“

Auf seine Weise ist das „*“ ein Emoticon. Man kann es albern finden, doch es lässt sich nicht aufhalten.

Von Janina Fleischer