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16:00 04.01.2019
Wenn Hass und Sprache eskalieren: rechte Demonstranten Ende August in Chemnitz.
Wenn Hass und Sprache eskalieren: rechte Demonstranten Ende August in Chemnitz. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
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Leipzig

„Ausdruck“ nannten sie das im Kindergarten: „Wir benutzen keine Ausdrücke!“ Was auf die Kindergärtnerinnen tatsächlich zutraf und deshalb zur Behauptung eines kollektiven Konsens geweitet wurde.

Untersagt waren Wörter, die auch hier nichts zu suchen haben. Wenn später dann die Lehrer„Ausdruck!“ an den Rand der Arbeit schrieben, signalisierte dies Defizite auf dem Weg zum schönen und korrekten Wort.

Für das Unschöne und Unkorrekte gilt inzwischen der Begriff „Unwort“, zu dessen auffälligsten Eigenschaften gehört, dass er sich selbst enthält. Seit 1991 wird in Deutschland das „Unwort des Jahres“ gewählt, am 15. Januar das für 2018 bekanntgegeben.

Nachlassendes Interesse

Dessen Verkündung wird das Heben einer Augenbraue provozieren, gewiss gibt es ein paar Kommentare im Internet. Die werden belustigt klingen oder hämisch, auf jeden Fall befeuert sein vom Bewusstsein, es besser gewusst zu haben.

Das Interesse hat jedoch erheblich nachgelassen. Seien in manchen Jahren mehr als 2000 Einsendungen bei den Juroren eingegangen, wie Sprecherin Nina Janich sagt, waren es diesmal nur knapp 850. Mit 481 Vorschlägen.

„Circa 30 Wörter aus diesen Einsendungen entsprechen einem der vier Kriterien der Jury“, so Janich. Und die entsprechen dem, was man auch Hate Speech nennt, Hassrede: Begriffe, die gegen Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, die verschleiernd und irreführend wirken sollen. Es dauert länger, Wörter zu finden, die all das nicht tun und dennoch in aller Munde sind.

Vergleichsweise harmlos

Was es 1991, als „ausländerfrei“ gewann, noch nicht gab, macht die Unwort-Wahl heute so überflüssig: Social Media als stündlich sich erweiterndes Unwörterbuch. Dabei hat sich die Stoßrichtung kaum verändert: „Überfremdung“ (1993) „national befreite Zone“ (2000), Döner-Morde (2011), Sozialtourismus (2013), Lügenpresse (2014), Gutmensch (2015), Volksverräter (2016).

Zum anderen dominierte Boshaftes wie „Diätenanpassung“ (1995), „Entlassungsproduktivität“ (2005) oder „Humankapital“ (2004). Nahezu niedlich nahm sich dagegen 2007 die „Herdprämie“ aus, ließ sich ja fast schon unter Volksmund abheften. Von „völkisch“ war noch keine Rede.

„Öko-Terrorist“ und „Klima-Nazi“

Bei den aktuellen Einsendungen mit „Unwort“-Potenzial führen, sagt Nina Janich, der von CSU-Politiker Markus Söder benutzte „Asyltourismus“ (119 Mal) und der von Alexander Gauland verwendete „Vogelschiss“ (18 Mal). Der AfD-Vorsitzende hatte polemisiert: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“

Am dritthäufigsten seien die Begriffe „Ankerzentrum“/„Ankerzentren“ für Flüchtlinge (13 Mal) genannt worden. Die Jury werde wohl auch über „Gesinnungsdiktatur“, „Menschenrechtsfundamentalismus“, „Klimahysterie“, „Ökoterrorist“ und „Klima-Nazi“ diskutieren.

Ausdruck von Hilflosigkeit

„Unwörter“ klingen wie Waffen in den Kampfaufstellungen Bürger gegen Staat, Bürger gegen Geflüchtete, Bürger (rechts) gegen Bürger (links). Fielen „Kollateralschaden“ (1999) oder „alternativlos“ (2010) noch quasi von oben aufs Volk herab, steigt Sprachwandel heute von unten auf, um dann in die Breite zu gehen.

Söder hat „Asyltourismus“ ja mehr übernommen als erfunden. Und Hans-Georg Maaßen die „Hetzjagd“ – damals, als er noch Verfassungsschutzpräsident war und der Begriff hinterfragt wurde. Das war im Zusammenhang mit den „Ereignissen von Chemnitz“, als Formulierung ebenfalls ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

Andere Wörter landeten spät auf der Wortwaage: die „Grenzöffnung“ durch Angela Merkel 2015, die es nie gegeben hat, weil diese Grenzen nie dicht waren. „Das haben wir uns als Funktionäre in der AfD-Jugendorganisation ausgedacht“, erklärte im Sommer 2018 AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber. Hat funktioniert.

Gebot der „Selbstoptimierung“

Begriffe entweder mit Bedeutung aufzuladen oder ihre politische und gesellschaftliche Bedeutung zu marginalisieren, ist Teil der Aggression, die das öffentliche Reden und Leben übernimmt. Nach jeder Gewalttat wird analysiert, was zum Hass hat führen können. Immer sind es auch Worte.

Oft dient, was später „Unwort“ wird, im Moment seiner Entstehung der Verknappung. Was das Zeug zum #Hashtag hat, folgt dem Gebot der „Selbstoptimierung“. Heikel könnte man das nennen. Und heikel ist noch gar kein Ausdruck.

Von Janina Fleischer