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Kultur Regional Auftakt am Dienstag mit Alain Platels „Requiem pour L.“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Auftakt am Dienstag mit Alain Platels „Requiem pour L.“
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14:00 02.11.2018
Alain Platel zeigt sein „Requiem pour L.“ bei der Euro-Scene Quelle: Chris van der Burght
Leipzig

Am Dienstag beginnt die 28. Euro-Scene Leipzig. Der Vorverkauf läuft, und erste Zwischenstände dringen nach draußen: Alain PlatelsRequiem pour L.“ steuert bei dem bis 11. November dauernden Festival zeitgenössischen Theaters und Tanzes auf ein ausverkauftes Haus zu am Dienstag, heißt es. Was so schwer aber auch nicht vorherzusagen ist. Platel gilt als Festival-Konstante, gastiert mit der neunten Produktion seit Mitte der 90er Jahre.

Platel hat sich nie um Grenzen in der Kunst gekümmert, Elemente aus Schauspiel, Tanz, Musik und bildender Kunst nach Belieben verbunden. „Requiem pour L.“, ein Stück über das Sterben, ist eine Überschreibung des Mozart-Requiems durch den Komponisten Fabrizio Cassol mit unter anderem afrikanischen Harmonien und Rhythmen. Es passt perfekt zum diesjährigen Festival-Motto „Bühnen – Klang – Welten“, das erstmals das Hauptaugenmerk auf die Musik im Theater legt.

Weshalb auch Nikolaus Habjan, vor zwei Jahren mit einer Werkschau dabei, erneut gastiert. Der Österreicher verbindet als Puppenspieler und Opernregisseur ebenfalls Welten. Mit Karl Maria von Webers komplexer Oper „Oberon, König der Elfen“ gab er letztes Jahr in München sein Opernregie-Debüt mit riesenhaften Puppen. Eine Arte-Aufzeichnung ist im Rahmenprogramm zu sehen.

Vor allem aber steht Habjan selbst auf der Bühne. Am Freitag mit einem ungewöhnlichen Kunstpfeifkonzert „Ich pfeife auf die Oper“. Zuvor am Mittwoch und Donnerstag zeigt er „Böhm“, das bei der Premiere im Schauspiel Graz begeistert aufgenommen und inzwischen für den Nestroy-Preis nominiert wurde. Ein Solo, in dem er 15 Puppen selbst spielt. Der kurze Titel bezieht sich auf den Komponisten Karl Böhm, wie Habjan in Graz geboren. In der NS-Zeit machte Böhm Karriere, wurde protegiert und nach dem Krieg nur für kurze Zeit aus seinem Amt an der Wiener Staatsoper entfernt, ehe er in den 50er Jahren wieder als Direktor eingesetzt wurde. „Es ist kein Böhm-war-Nazi-Stück“, sagt Habjan über die Produktion. „Aber es war mir wichtig, die Graustufen zu zeigen.“ In Graz komme man an Böhm nicht vorbei – finde aber nirgends einen Hinweis auf dessen Vergangenheit.

Böhm wurde 1934 Generalmusikdirektor an der Dresdner Semperoper. Habjan: „Er hat sich zumindest nicht daran gestört, dass sein Vorgänger Fritz Busch von den Nazis in die Emigration gezwungen wurde.“ Das Stück feiert bei der Euro-Scene Deutschland-Premiere. Aber auch die Semper-Oper soll Interesse bekundet haben, Habjans „Böhm“ noch zu zeigen.

Tanz und Musik fließen ineinander, wenn Gianfranco Celestino und Annalisa Derossi in „Duo con Piano“ sich tanzend an die Tasten begeben.

Beethovens 9. Sinfonie steht im Mittelpunkt der slowenischen Performance „Devata“, die sich den theoretischen Überbau bei Giorgio Agamben leiht und über Macht und Machtmissbrauch durch Musik nachdenkt. Das Stück „Double“ verbindet wie Platel Kulturen und bringt Breakdance und Stepptanz mit moderner afrikanischer Folklore zusammen.

Der Ungar Ferenc Fehér, eine der Entdeckungen der Euro-Scene 2016, thematisiert mit dem Tanzstück „Állomas“ („Station“) zwei in surrealer Abgeschiedenheit lebende Schicksalsgenossen.

Halb dokumentarisch setzt sich das Musiktheaterstück „Remnants“ der Londoner Compagnie Erratica auf Basis der Erinnerungen von Courtney Angela Brkic mit dem Bosnien-Krieg auseinander.

Zum Abschluss zeigt am Sonntag der Franzose Pierre Rigale „Scandale“, was in diesem Fall mit „Stolperfalle“ übersetzt wird. Ein auf HipHop basierendes Tanzstück, das sich in hohes Tempo steigert.

Ein guter Griff dürfte mit dem Kinderstück „Une histoire de la musique“ gelungen sein. Die Compagnie zOrozora marschiert mit rasanten Rollen- und Instrumentenwechseln durch die Musikgeschichte. Spannend ebenso für Erwachsene – ein Alibi-Kind muss sich niemand ausleihen, um zu der Deutschland-Premiere zu erscheinen.

Die Wirkung bedrückender Stille setzt das Theaterstück „Die Schachnovelle“ des Wiener Pygmalion Theaters der Musik entgegen.

Bedrückend wiederum für Festival-Direktorin Ann-Elisabeth Wolff ist die Mittelkürzung durch die Kulturstiftung Sachsen um 30 000 Euro auf nunmehr 150 000 Euro. Zwei bereits verabredete Produktionen mussten wieder ausgeladen werden. Auch diese Entwicklung wird hinter den Kulissen des Festivals für Diskussionen sorgen. Der Gesamtetat der Euro-Scene, die 2017 eine Rekordauslastung von 99,2 Prozent erzielte, liegt nun bei 554 000 Euro, davon trägt die Stadt Leipzig 300 000 Euro.

Infotel. 0341 9800284; www.euro-scene.de

Karten: Tel. 0341 2154935

Mail: tickets@euro-scene.de

Festivalkasse im Englandladen, Gottschedstraße 12; Vorverkauf Mo. – Fr. 16-20 Uhr, Sa. 11-14 Uhr, während Festival täglich 11-18 Uhr

Von Dimo Riess

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