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Kultur Regional Austausch mit dem ländlichen Raum: HGB setzt ein „Kino in Bewegung“
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20:23 01.08.2019
Beim „Kino in Bewegung“ fährt eine Litfaßsäule mit: Carsten Möller, Juliane Jaschnow, Alicia Franzke und Frederike Moormann (v.l.) bereiten sie vor. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Freitag ist wieder Abfahrt an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Das „Kino in Bewegung“ kommt zu Veranstaltungen in Chemnitz, Ostritz und Glauchau. Die Initiative von derzeit etwa 20 Studierenden und Lehrenden der HGB will Austausch und Kultur durch Filmvorführungen vor Ort fördern. Fast zwei Drittel der Einwohner Sachsens leben in Kleinstädten und ländlichen Gebieten. Stadt und Land driften zunehmend auseinander, was auch die soziale und kulturelle Sphäre betrifft. In den vergangenen zehn Jahren verlor Sachsen 19 Prozent seiner Kinos – alle an Standorten unter 50 000 Einwohnern. Über die Möglichkeiten und Grenzen des Projekts sprachen wir mit einem der Initiatoren, Carsten Möller (49). Er ist Künstlerischer Mitarbeiter für Videokunst an der HGB.

Am 1. September ist die Landtagswahl. Wollen Sie eben noch kurz die Welt retten?

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Das „Kino in Bewegung“ macht auch nach der Wahl weiter. Für uns ist es ganz wichtig, dass wir kein Ufo sind, das woanders landet, und wir dort unsere kulturellen Ambitionen ausleben. Wir wollen Begegnungen hinbekommen, lernen. Bei den Recherchen, die wir vorab gemacht haben, sind ganz viele Punkte aufgekommen, von denen wir nicht wussten – etwa wie sich bestimmte Dinge anfühlen. Wir leben ja in einer Stadt, in der viele junge Leute leben, schon allein um zu studieren. Ich habe mich zum Beispiel mit Olbernhau befasst. Immerhin gibt es dort noch ein Gymnasium, aber die, die es jetzt besuchen, gehen zum Großteil weg, um zu studieren. Man fragt sich, wie man da eigentlich Kulturarbeit leisten kann, wenn einem Jahr für Jahr das jüngere Publikum abhandenkommt.

Wann fahren Sie dorthin?

Olbernhau ist eine der späteren Stationen im Oktober, auch dort wird es mehrere Veranstaltungen geben, unter anderem eine Art Radioworkshop, in dem es um die unsichtbare Stadt gehen soll, um die Geschichten, die sich die Leute erzählen, die aber es nicht schaffen, überregional wahrgenommen zu werden.

Was ist für die heute beginnende Reise geplant?

In Ostritz zeigen wir morgen zum Beispiel Filme im Freibad, die sich alle um das das Schwimmbad als sozialen Ort drehen. Wir versuchen eine Diskussion über das Freibad MEWA anzuregen. Es stand schon mehrfach kurz davor, geschlossen zu werden.

Wie bereiten Sie sich auf diese Reisen vor?

Wir fahren in der Regel mehrmals hin, telefonieren, schreiben. Wichtig ist, dass man sich nicht nur mit einer Person oder Institution unterhält, sondern auch mit dem Pfarrer oder Ortschronisten spricht. In Olbernhau, eine Stadt mit 11 000 Einwohnern, war ich ganz überrascht, wie viel Kultur man sich dort leistet. Bei Orten in der Größe gibt es aber oft eine unsichtbare Mauer, weil sich kaum jemand darum kümmert, Touren – zum Beispiel Lesungen oder Kabarett – auch im ländlichen Raum anzubieten. Es lohnt sich einfach mehr, durch Großstädte zu ziehen.

Wir reagieren denn die Leute vor Ort, wenn Sie da aufkreuzen, sagen sie: endlich kommt mal einer?

Das ist verschieden. Meistens trifft man erstmal auf eine reservierte Neugier. Es kommt auch zu Missverständnissen im Sinne von: Wir machen doch hier unser Ding, was wollt ihr hier eigentlich? Also gewissermaßen eine kulturimperialistische Projektion. Aber wir legen so etwas nicht auf die Goldwaage, denn es ist ja immanent, dass man erst einmal eine Sprache miteinander finden und sich darüber klar werden muss, worum es geht. Man ist dort über 30 Jahre gewohnt, dass niemand einfach nur so kommt, sondern dass nur Leute auftauchen, bei denen es irgendwo einen Haken gibt.

Sie waren bereits unter anderem in Regis-Breitingen. Was haben Sie dort gemacht?

Es gab eine sehr spannende und lange Diskussion, wir hatten den Defa-Dokumentarfilm „Umkohlung“ aus dem Jahr 1965 gezeigt.

Um ... was?

Obwohl ich eine Ost-Biographie habe, kannte ich den Begriff auch nicht. „Umkohlung“ wurde es zu DDR-Zeiten genannt, wenn die Leute umgesiedelt wurden, weil ihr Ort der Braunkohleförderung weichen musste. Der ungewöhnlich kritische Film hat bei den Leuten, insbesondere den älteren, ganz viel ausgelöst. Regis-Breitingen war eine Kohleregion. Mit der Kohle ist auch viel an kulturellen Strukturen, die an den Betrieb geknüpft waren, weggebrochen. Wie überlegen, da noch ein zweites oder drittes Mal hinzufahren.

Nun können Sie nicht nachhaltig den ganzen ländlichen Raum Sachsens bespielen, Sie sind ja ein „Kino in Bewegung“. Was kann da überhaupt bleiben?

Man kann zum Beispiel Informationen austauschen. Es gibt ein hochinteressantes Programm, das heißt „Dorfkino einfach machbar“, ein Portal für Leute, die eine Gaststätte, eine Scheune oder Ähnliches haben, die Leute zusammenbringen und Kino machen wollen. Und dadurch, dass sich dann mehrere in die Lizenz reinteilen, wird das auch wieder wirtschaftlich. Solche Ideen lassen wir dort liegen. Und im Januar planen wir – das ist aber noch nicht ganz sicher – all die Akteure, die wir getroffen haben, nach Leipzig einzuladen.

Sie nehmen zu den Veranstaltungen eine Litfaßsäule mit. Wozu das?

Wir spielen damit auf die Litfaßsäule auf dem Leipziger Karl-Marx-Platz, dem heutigen Augustplatz, an. Im Oktober 1989 hatte sie das Gewandhaus vor dem Gebäude aufgestellt. Am Morgen des 1. November sollte sie ein Kran abbauen. Doch das verhinderten die Bürger. In kürzester Zeit entwickelte sie sich zu einem kontrollfreien Forum der Meinungsäußerung. Heute steht die Litfaßsäule im Zeitgeschichtlichen Forum.

Ziemlich unhandlich ...

Wir leben in einer Zeit, wo jeder quasi die Litfaßsäule in der Tasche hat als Telefon, die gesellschaftliche Kommunikation funktioniert darüber aber nicht. Sie ist für uns ein wanderndes Fragezeichen. Eine Metapher, wie ein Hinkelstein. Sie ist zwar in Leichtbauweise nachgebaut, aber wir müssen jedes Mal die Entscheidung treffen, ob wir mit neun Leuten im Transporter fahren oder nur mit sechs.

Wozu dient sie konkret?

Wer will, kann hier seine Ideen und Fragen hinterlassen. Nach jeder Station werden Kommentare, Veränderungen und Tags dokumentiert – und dann die Säule wieder frisch überklebt. Erst am Ende des Projektes steht dann eine Präsentation der dokumentierten Schichten.

Weitere Veranstaltungen sind bisher geplant in Bautzen, Zittau, Bischofswerda, Eppendorf, Regis-Breitingen, Schneeberg, Olbernhau, Colditz, Annaberg-Buchholz, Geithain, Lossatal, Großbardau, Lunzenau an der Mulde und Taucha. Die Initiative ist nicht auf HGB-Studierende beschränkt. Wer interessiert ist, mitzumachen oder Vorschläge zu Veranstaltungsorten hat, kann sich per Mail melden: kib@hgb-leipzig.de

Von Jürgen Kleindienst