Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Leipziger Bachfest beginnt mit Stichelei in Richtung Dresden
Nachrichten Kultur Kultur Regional Leipziger Bachfest beginnt mit Stichelei in Richtung Dresden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:13 14.06.2019
Der Thomanerchor unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz (l) eröffnet in der Thomaskirche Leipzig das Bachfest. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
Leipzig

Euphorie liegt über der gestopft vollen Thomaskirche bei der Eröffnung des 21. jährlichen Bachfestes der Stadt Leipzig. Seit 1999 richtet sie es aus. Mithin feiert das Festival seinen 20. Geburtstag – nicht die 20. Ausgabe. Was die Begeisterung von Oberbürgermeister Burkhard Jung nicht schmälern muss, der euphorisch bis aufgekratzt den erstmals erschienenen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, die Exzellenzen, Honoratioren aus aller Welt und die internationale Bach-Gemeinde begrüßt. Und dabei dem Ministerpräsidenten die schöne Frage ins Stammbuch schreibt: Was wäre Sachsen, „hätte Sachsen nicht Leipzig“.

Euphorie in Wort und Ton: Reden und Musik zur Eröffnung des Bachfestes unter dem Motto „Hof-Compositeur Bach“

Frotzelei in Richtung Dresden

Die Vorlage für die Frotzelei in Richtung Residenz- und Landeshauptstaat hat ihre Wurzeln im diesjährigen Motto: Mit dem „Hof-Compositeur Bach“ setzt es sich auseinander, mit jenen 15 Jahren also, die der spätere Thomaskantor in Weimar und Köthen wirkte. Aber auch mit den Werken, die er schrieb, um bei Hofe zu beeindrucken – zum Beispiel in Dresden. Repräsentativ ist diese Musik, und vieles zählt genau darum zum Populärsten aus seiner Feder. Folglich versetzt sein Motto auch den Bachfest-Intendanten Michael Maul in zweisprachige Euphorie. Die Begeisterung darüber, dass seine programmatischen Ideen nun endlich Klang werden, kann er kaum bändigen.

Von der ersten bis zur letzten Note

Mit Euphorie ist auch die Gemütshaltung des rumänischen Botschafters Emil Hurezeanu gut umschrieben, der das Festival als Schirmherr miteröffnet und die uralten Beziehungen zwischen Leipzig und seinem Land mit schönen Worten lobpreist. Euphorie schließlich, sie trägt auch den musikalischen Teil des Abends. Von der ersten bis zur letzten Note.

Leipzig pur – und französisch

Die ersten spielt Thomasorganist Ullrich Böhme. Es sind die ziemlich vielen der Pièce d’Orgue, der G-Dur-Fantasie BWV 572 aus Bachs Weimarer Zeit. Prunkvolle Musik, mit der Bach zeigte, dass er sich das französische (Hof-)Idiom wie selbstverständlich anverwandelt hatte. Und wie Böhme diesen Virtuosenstolz, diese höfische, durchaus auch ein wenig angeberische Pracht mit gleichsam bürgerlicher Zurückhaltung zum Funkeln bringt, das ist Leipzig pur – und erst auf den zweiten Blick euphorisierend.

Koloraturen-Feuerwerk

Das ist bei Bachs Kantate „Unser Mund sei voll Lachens“ am Ende des Konzerts anders. Hier zündet die französische Ouvertüre des Eröffnungschors, zündet dessen Koloraturen-Feuerwerk, zünden die höfischen Manieren und Marotten vom Start weg. Weil Thomaskantor Gotthold Schwarz seine Thomaner mit federnder Präzision durchs komplexe Dickicht des repräsentativen Kontrapunkts führt, Sopran und Alt dabei gleißen und glänzen, wie nur Knabenchöre es können, und die Männerstimmen darunter fehlende Schwärze mit Verlässlichkeit wettmachen. Keine Einwände auch beim Solistenquartett, aus dem der weiche, weittragende, blitzblank intonierte und artikulierte Tenor Patrick Grahls noch einmal herausragt. Das ist nicht anders beim Herzstück des Konzerts, bei Marc-Antoine Charpentiers (1643–1704) „Te Deum“, dessen instrumentale Eröffnung so ziemlich jedem als Eurovisionshymne im Ohr sitzt.

Italienischer Franzose

Zwar war Charpentier, wie Maul ausführt, der italienischste unter den französischen Komponisten in der Ära des Sonnenkönigs. Doch ändert das nichts daran, dass das Latein dieser Monumental-Motette französisch ausgesprochen gehört. Und das klingt bei den Solisten bei Grahl am natürlichsten, beim stimmlich fabelhaften Bass Tobias Berndt eher antrainiert. Die überzeugenden Damen Gesine Adler, Cornelia Samuelis (beide Sopran) und Elvira Bill (Alt) reihen sich dazwischen auf.

Bachs Großvater-Generation

Die städtischen Thomaner dagegen, für die die höfische Sakralmusik aus der Großvater-Generation Bachs Neuland ist, entledigen sich ihrer Aufgabe, als hätten sie nie etwas anderes gesungen als derlei manierierte Vokale, zackige Punktierungen und vertrackte Verzierungen, die sie unter Schwarz’ mit großen Einheiten den Fluss garantierendem Schlag punktgenau in den Satz kanten. Chapeau!

Euphorisch bejubelt

Wenn die Rede aufs Freiburger Barockorchester kommt, kann der Hut gleich unten bleiben: Was die Südwestdeutschen unter Schwarz da bei Charpentier abliefern und zur Bach-Kantate beisteuern, lässt keinen, wirklich keinen Wunsch offen. Und was sie, angetrieben und aufgeladen von ihrer Konzertmeisterin Anne Katharina Schreiber, mit Bachs D-Dur-Ouvertüre BWV 1068 rund um die allzu berühmte Air anstellen, das ist der perfekte Doppelpunkt vor einem Bachfest, das mit seinem Motto nicht nur Bachs Jugend und vergebliche Ambitionen ins Zentrum rückt, sondern auch die pure, die euphorische Sinnlichkeit des Hofes feiert. 158 Veranstaltungen und 10 Tage lang. Und hoffentlich alle so euphorisch bejubelt wie dieser Auftakt.

Von Peter Korfmacher

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Stoff für die Zukunft: Aldi schafft die Flattertüte ab, ein kanadischer Supermarkt bedruckt sie. Ist peinlich das neue öko?

14.06.2019

Zaimoglu, Lunde und Wawerzinek: Bevor das Literaturhaus Leipzig am 14. Juli in die Sommerpause geht, gibt es noch zwei Gartenfeste und hochkarätig besetze Lesungen. Und wenn das Wetter mitspielt, darf im Garten gelauscht werden.

14.06.2019

Ein tschechisches Sommermärchen soll sie werden, Smetanas „Verkaufte Braut“. Regisseur Christian von Götz und Sopranistin Magdalena Hinterdobler verraten, warum die Komische Oper gar nicht so komisch ist.

14.06.2019