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Kultur Regional Bandbreite statt Klischees: Austausch Niederlande - Deutschland
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17:32 24.10.2019
Gerbrand Bakker und Linn Penelope Micklitz lesen beim Austausch Niederlande - Deutschland im Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Zwei Eigenarten niederländischer Literatur fördert der Abend gegen Ende doch noch zu Tage: Die tendenziell knappere Sprache in kürzeren Sätzen und natürlich ein gewisser Außenblick auf Ereignisse wie den Mauerbau 1961. Quasi zur vorauseilenden Ergänzung nennt Eröffnungsmoderatorin Chistiane Munsberg augenzwinkernd noch einige Holland-Klischees, denen sie in ihrer Jugend begegnet ist.

Insgesamt aber gelingt dem „Literarischen Austausch“ mit unserem westlichen Nachbarland am Mittwochabend im Deutschen Literaturinstitut in konzentrierter Form das, was sich der gastgebende Literarische Herbst generell vorgenommen hat: Bandbreite zu liefern und neben gestandenen Autorinnen und Autoren auch junge Menschen vor und auf der Bühne einzubinden.

Studentisches Publikum

Passend dazu, dass sich das Auditorium bis auf die Treppenstufen mit mehrheitlich studentischem Publikum füllt, schwankt der Charakter des Abends zwischen Lesung, Diskussion und Uni-Praxisseminar: Drei Studierende stellen drei niederländische Literaten und ihre neuesten Werke vor.

Hoffnung und Idee des Konzepts: Junge Menschen fragen im Gespräch anders als Feuilletonisten, in kurzen zweisprachigen Lesungsabschnitten, wird zusätzlich der originale Sound erlebbar. Etwas didaktisch beharrt Munsberg nach jedem Block auf eine Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns und Mehrwerts.

Linn Penelope Micklitz trifft auf Gerbrand Bakker

Zunächst trifft Linn Penelope Micklitz auf Gerbrand Bakker und seinen aktuellen Textband „Echte Bäume weinen nicht.“ Das unterhaltsame Gespräch zeigt schnell die Tücken der Übersetzungsarbeit auf: Da werden aus 50 Metern Waldstück schnell mal lächerliche 1,5 Meter.

Zwar zeugt Bakkers Buch von tiefer Liebe zur Natur, kritisiert aber ebenso den Trend im „Nature Writing“, Pflanzen allzu menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Dazu gipfelt die interessante Frage, was wir denn eigentlich als „Natur“ wahrnehmen, wo die Grenze zwischen Kultur- und Naturlandschaft liegt, in der Feststellung: „Alles, was eingezäunt ist, wird automatisch zur Nicht-Natur.“

Marjolijn van Heemstras dokumentarischer Roman

Einem alten Familienversprechen geht Marjolijn van Heemstra in ihrem dokumentarischen Roman „Ein Name für Dich“ auf den Grund. Interessiert fragt Gesprächspartner Maurus Jacobs nach den Untiefen der Recherche für den historischen Kontext rund um die Rolle der Niederlande im Zweiten Weltkrieg, die sowohl die Protagonistin des Buches als auch seine Autorin umschiffen musste.

Denn bei beiden wankt bald das eigentliche Vorhaben, das noch ungeborene Kind nach einem ehemaligen Widerstandskämpfer unter den Ahnen zu benennen. Heemstra plädiert dafür, sich mehr mit der eigenen Vergangenheit und den blinden Flecken der Familiengeschichte zu befassen, denn fast nichts ist so schlicht und glatt, wie es die geschönten Legenden erzählen.

„Der Wintergarten“ von Jan Kons

Eine Familie durch die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts begleitet auch der Bestseller „Der Wintergarten“ des Autors und Literaturprofessors Jan Konst, den Alexandra Zysset als Mischung aus Sachbuch, Essay- oder Anekdoten-Sammlung und Familienchronik beschreibt.

Sie vergleicht das Buch, dass 150 Jahre Weltgeschichte an vier Generationen von Konsts deutscher Schwiegerfamilie regional und personell anbindet, mit einem vielstimmigen Gespräch der Generationen an der Abendtafel einer Familienfeier. Leichte Nervosität im Gespräch weiß Zysset mit trockenem Humor wettzumachen, den Konst gern annimmt.

Auch hier kommt die Übersetzungsarbeit zur Sprache, wobei Konst kritisiert, dass diese meist viel zu schlecht bezahlt werde. Doch auch, wenn er Deutsch recht souverän beherrscht und selbst an der Übersetzung beteiligt war, ein ganzes Buch auf Deutsch traut er sich nicht zu. In der Muttersprache schreibt es sich einfach freier.

Weitere Veranstaltungen beim Literarischen Herbst

Am 24. Oktober:

Über das Buch „Guter Osten, böser Osten“ spricht Patrik Schwarz mit Anne Hähnig und Sascha Lange; 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum (Grimmaische Straße 6); Eintritt frei

Unter dem Motto „Wie kommt das schöne ­Kästchen hier herein?“ sind originale Goethe-Handschriften zu sehen, dazu gibt es Vorträge; 19 Uhr, Stadtbibliothek (Wilhelm-Leuschner-Platz 10/11); Eintritt frei

Hochkarätig ist der Besuch im „Lyrikhotel“: Ulrike Draesner und Carl-Christian Elze; 20 Uhr, Möbelkooperative Süd (Richard-Lehmann-Straße 47a)

Nora Bossong liest aus ihrem Roman „Schutzzone“; 20 Uhr, Kaiserbad (Karl-Heine-Straße 93)

Der norwegischer Autor Tomas Espedal wurde wie sein Freund Karl Ove Knausgård durch autofiktionales Schreiben bekannt. Mit seinem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel ist er um 20 Uhr im UT Connewitz (Wolfgang-Heinze-Straße 12a)

25. Oktober:

Shared Reading: Carsten Sommerfeldt stellt das Prinzip des offenen Lesekreis vor, 17 Uhr, Stadtbibliothek; Eintritt frei

„Das Jahr 1990 freilegen“: Gespräch mit den Leipziger Fotografen Christiane Eisler, Gerhard Gäbler, Martin Jehnichen und Harald Kirschner, Moderation: Paul Kaiser und Jan Wenzel, 18.30 Uhr, Museum der bildenden Künste; Eintritt frei

David Wagner liest „Der vergessliche Riese“, 19 Uhr, Literaturhaus Leipzig; Eintritt freiLyrikhotel: mit Martina Hefter und John Sauter, 20 Uhr, Hostel Blauer Stern

Heimatkunde: mit Jan Brandt „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“ und Lola Randl „Der große Garten“, 20 Uhr, Kaiserbad

Release der PS #5: Das Gelingende, Lesung und feministische ­Soliparty mit ­Kuchen, Sekt und Schubiduuh, 20 Uhr, Deutsches Literaturinstitut, Eintritt frei

Alle Veranstaltungen bis 27. Oktober: literarischer-herbst.com

Von Karsten Kriesel

Das war eine ganz klar knappe Entscheidung beim Kupferpfennig-Wettstreit am Mittwoch im Academixer-Keller. Irgendwo zwischen Comedy, Kabarett und Slam plauderten alle drei Teilnehmer aus dem Wehkästchen. Der Österreicher Christoph Fritz hat das Publikum überzeugt.

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