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Kultur Regional Barock-Kollektiv Solomon’s Knot mit der Johannes-Passion in der Nikolaikirche
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10:36 21.06.2019
Solomon’s Knot unter der Leitung Jonathan Sells (3. Sänger von links) bei der Aufführung der Johannes-Passion in der Nikolaikirche. Quelle: Gert Mothes/Bach-Archiv
Leipzig

Seit mehr als einem halben Jahrhundert streiten sich Musiker und Gelehrte: Wie hat Bach selbst das gemacht? Mit wie vielen? Wie haben die wo gestanden oder gesessen? Wie gestimmt? Wie phrasiert? Wie artikuliert? Und mit jeder Historisten-Generation kamen neue Erkenntnisse, neue Irrtümer dazu, selbstredend immer vorgetragen im Brustton der keinen Widerspruch duldenden Überzeugung.

Und dann stellt sich ausgerechnet zum Bachfest das britische Alte-Musik-Kollektiv Solomon’s Knot in den Altarraum der gestopft vollen Nikolaikirche und präsentiert eine Johannes-Passion, von der man mit einiger Sicherheit vor allem eines sagen kann: So hat er’s nicht gemacht, der Bach.

Gut katholisch abgebunden

So klein besetzt war sein Gesamt-Ensemble bei der Johannes-Passion in der 1725er Fassung gewiss nicht. Er hat nicht zuvor die Orgel geschlagen wie Chad Kelly, nur damit seine Sängerkollegen theatralisch vereinzelt durchs Schiff nach vorn schreiten können. Er hat nicht zwischendurch den Evangelisten gewechselt, wohl auch nicht ganz grundsätzlich die Grenzen zwischen Chor- und Solo-Gesang eingerissen.

Allerdings hat auch er seine oratorischen Passions-Gottesdienste nach dem Schlusschoral gut katholisch abgebunden mit einer Motette des Pragers Jacobus Gallus (1550–1591).

Weitgehend unauthentisch

Man kann es dennoch drehen und wenden, wie man mag: Was die insgesamt nur 22 Sänger und Instrumentalisten rund um Jonathan Sells (Bass und bei Bedarf auch Kontrabass, wenn Jan Zahourek zwischenzeitlich die Gambe zu streichen hat) da an den authentischen Leipziger Ort bringen, ist weitgehend unauthentisch. Aber es ist verdammt gut, von einzigartiger Kraft und Lauterkeit, spiritueller Intensität und dramatischer Wucht.

Und das hängt, so paradox es auf den ersten Blick scheinen mag, mit der Winzigkeit der Besetzung zusammen: Acht Sänger, jeweils zwei Soprane (Clare Lloyd-Griffiths und Zoë Brookshaw), Altstimmen (Michal Czerniawski und Kate Symonds-Joy), Tenöre (Thomas Herford und Ruairi Bowen) und Bässe (Jonathan Sells und Alex Ashworth) reichen für diesen sehr stabilen Salomonischen Knoten. Und von den ersten Tönen der Passion an entsteht in keinem Augenblick der Eindruck, dies sei zu wenig. Selbst in den turbae nicht, in den Chören, in denen Bach die Menge zu Wort kommen lässt, den Mob, der unnachgiebig von Pilatus fordert: „Kreuzige ihn!“.

Individualisierung

Das Geheimnis von Solomon’s Knot liegt in der Individualisierung. Hier verschwindet niemand in einer anonymen Masse. Nicht als Charakter, nicht als Mensch – und auch nicht als Sänger. So makellos homogen die immer wieder anders, aber immer bunt gemischt aufgestellten acht auch zusammensingen, so spektakulär sie ihre Artikulation, die Klangfarben, die Affekte, den Puls und die Dynamik synchronisieren – es bleibt da immer der oder die Einzelne, überdies stets auf der Suche nach Blickkontakt im Publikum. Denn im Fadenkreuz dieses Musizierens steht auch im Kirchenschiff der oder die Einzelne, der sich dem Sog dieser sehr direkten Ansprache kaum zu entziehen vermag.

Überzeitliche Gemeinde

Bei den wunderbar ausdifferenzierten Chorälen verhält es sich nicht grundsätzlich anders. Nur dass hier nicht der oder die Einzelne in Schuld sich verstrickt, sondern gleichsam als individuelles Mitglied der überzeitlichen Gemeinde um Vergebung bittet. Was durchaus auch als theologische Botschaft durchgeht: Jeder Fromme ist auch ein Sünder – und umgekehrt.

Unpathetisch eindringlich

Dass diese fabelhaften Einzelnen die Soloparts gleich mitübernehmen, liegt bei diesem Konzept auf der Hand. Und sie tun es auf ebenfalls höchstem Niveau und mit direktem Kontakt zum Hörer: Alex Ashworth’ Jesus spricht so unpathetisch wie eindringlich unmittelbar zum Herzen; Michal Czerniawskis „Es ist vollbracht“ lässt die Zeit stillstehen in der Nikolaikirche, Ruairi Bowen rennt in der Arie „Zerschmettert mich“ zwar recht aussichtslos gegen deutsche Konsonanten-Ballungen an, aber angesichts der Schönheit und Kraft seiner Höhe und seiner Koloraturen stört auch das nicht weiter.

Clare Lloyd-Griffith’ knabenhaft schlackenloser, dabei durchdringend intensiver Sopran und der etwas weichere Zoë Brookshaws ergänzen sich perfekt.

Immense Doppelbelastung

Beim wunderbar weichen, warmen, wortgezeugt singenden Thomas Herford allerdings, der sich die Evangelisten-Partie mit Brown teilt, bleibt die immense Doppelbelastung nicht ohne Folgen: Ab „Allda kreuzigten sie ihn“ muss er, hörbar angeschlagen, den Evangeliumstext ganz an den Kollegen abgeben. Ein kurzes Kopfnicken, der weiß Bescheid und übernimmt. Was beweist, dass die singenden Mitglieder von Solomon’s Knot nicht nur ihre jeweils eigene Partie auswendig draufhaben.

Einfach nur exzellent

Die instrumentalen verstehen ihr Geschäft ebenfalls, spielen auf höchstem Niveau, müssen keinen Vergleich scheuen – kommen aber dennoch nicht aus dem Schatten der Vokal-Kollegen heraus, weil sie einfach nur exzellent spielen auf ihren Originalinstrumenten. Zusammen aber verschiebt diese Johannes-Passion die Maßstäbe. Denn intensiver als von diesem bemerkenswerten Kollektiv kann sie kaum wirken, die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu Christi.

Und darum hätte diese Aufführung auch Johann Sebastian Bach beglückt. Ganz gleich ob er es selbst jemals so gemacht hat oder hätte oder nicht. Womit erneut bewiesen wäre, dass es immer besser ist, erstklassig Musik zu machen, als sich hochrangig über aufführungspraktische Details zu streiten. Stehend vorgetragener rückhaltloser Jubel.

Bis zum 30. Juni ist dieses denkwürdige Konzert auf www.facebook.com/bacharchiv als Stream verfügbar

Von Peter Korfmacher

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