Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Benefiz im Gewandhaus: Aus dem Zauberkasten der Rhythmus-Magie
Nachrichten Kultur Kultur Regional Benefiz im Gewandhaus: Aus dem Zauberkasten der Rhythmus-Magie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:55 03.12.2017
 Martin Grubinger am Schlagzeug, Andrés Orozco-Estrada am Pulpt des Gewandhausorchesters.  Quelle: Kempner
Leipzig

 Andrés Orozco-Estrada hat es eilig nach der Pause. Noch aus der Bewegung heraus, mit der der kolumbianische Könner das Dirigentenpult im Gewandhaus besteigt, gibt er den Einsatz für den zackigen Kontrapunkt, mit dem Schostakowitschs Fünfte beginnt. Fast scheint es, als wolle er möglichst viel Energie aus der ersten Halbzeit der Benefiz-Gala von Gewandhaus, Verbundnetz Gas, Sparkasse Leipzig, Porsche und Leipziger Volkszeitung für die StiftungLeipzig hilft Kindern“ in den zweiten Teil hinüberretten. Und seine Rechnung geht auf: Die sinfonische Blendgranate, mit der der Komponist 1936 wieder von der Mauer abrückte, vor die Stalin ihn nach der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ schon hatte stellen wollen, pulst in gewaltigen Wellen durch den Saal.

Das Gewandhausorchester spielt diese Sinfonie bereits zum dritten Mal in dieser Woche. Das tut der Aufführung hörbar gut: Verglichen mit der Premiere am Donnerstag klingt das Holz noch einmal übergriffiger, funkeln die Streicher heller, gellt das Blech präziser. Und die Unerbittlichkeit, mit der Orozco-Estrada mit so präzisem wie forderndem Schlag das auftrumpfende Finale bis zur doppelbödigen Apotheose immer näher an die Schmerzgrenze führt, sorgt dafür, dass der Schlussapplaus nach dem Schlussakkord noch einmal kraftvoller ausfällt, als der, mit dem das Publikum seiner Begeisterung zwischen den Sätzen Ausdruck verleiht. Dennoch: Der beste Satz dieser Dreiviertelstunde ist der vorletzte. „Largo“ ist er überschrieben, und beweist, dass Schostakowitsch seine Größe vor allem in langsamen Sätzen entfaltet, die in schmerzhafter Schönheit die Zeit aushebeln. Hier steht er in der Nachfolge und auf Augenhöhe mit Bruckner und Mahler. Das Gewandhausorchester rund um den neuen Konzertmeister Andreas Buschatz spielt diese Musik mit existenzieller Wucht, farbsatt und tief. Mehr ist aus diesem sinfonischen Ja-Aber-Monument nicht herauszuholen.

Zum Benefizkonzert am Samstagabend im Leipziger Gewandhaus wurde Geld für die Stiftung "Leipzig hilft Kindern" gesammt.

Vorangestellte Zugabe

Aber so eindrucksvoll das alles ist – der Höhepunkt dieses großen Benefiz-Konzerts liegt vor der Pause. Eigentlich sind es sogar zwei. Denn Martin Grubinger, der derzeit gewiss beste Schlagwerker auf dem Erdenrund, hat kurzfristig noch ein zweites Solo-Konzert aufs Programm gesetzt, sozusagen als vorangestellte Zugabe: Keiko Abes (Jahrgang 1937) „The Wave“, ein Concertino für Marimba und vier Schlagzeuger. Die Besetzung gibt den Gewandhaus-Percussionisten Steffen Cotta, Johann Georg Baumgärtel, Wolfram Holl und Rafael Molina Garcia Gelegenheit, aus der letzten Reihe nach vorn und ins Zentrum des Interesses zu rücken. Sie sollten es häufiger tun. Denn ihre Spielwut, die Farb-Fantasie, die Lust und die Hingabe, dazu die Urgewalt, mit der die vier an Röhrenglocken und Congas, an Tamtams und Glockenspiel, an Großen Trommeln und allerlei Kleinteilen aus dem Zauberkasten der Rhythmus-Magie Grubinger umdengeln, umklopfen, umdonnern, schreit nach mehr. Und das Publikum tut es auch. Was natürlich auch an der ungeheuerlichen Präsenz Martin Grubingers liegt, der die gestische Kraft dieser Musik, die ihre Wurzeln tief in die Japanische Tradition schlägt, am Marimbaphon in ein virtuoses Feuerwerk übersetzt.

Mehr zum Thema

50.000 Euro – 20 Projekte: StiftungLeipzig hilft Kindern“ fördert Vereine

Das ist zunächst einmal große Oper, schon wegen der spektakulären Könnerschaft des Österreichers, der 2008/09 Artist in Residence beim Gewandhausorchester war. Er lässt es nicht bei der sportlichen Komponente bewenden. Der urtümlichen Kraft des Schlagwerks stellt er eine ungeahnte Zärtlichkeit gegenüber, wenn er an der Grenze zum Nichts das Holz streichelt, wenn er es singen lässt und seufzen.

50.000 Euro für leuchtende Kinderaugen

Nur zehn Minuten dauert diese Welle, aber diese zehn Minuten durchmessen mit archaischem Furor den Raum von der Stille bis zum Lärm. Darum ist es dramaturgisch geschickt eingefädelt, dass Gewandhausdirektor Andreas Schulz danach Claudia Regine Nerius, der Vorstandsvorsitzenden der StiftungLeipzig hilft Kindern“, erst einmal den Scheck übergibt. „50 000 Euro“ steht darauf als finanzieller Ertrag des Benefiz-Konzerts. Und mit diesen 50 000 Euro will die Stiftung, sagt Nerius, in der Weihnachtszeit „die Augen auch solcher Kinder leuchten lassen, die es sonst nicht so einfach haben. Die krank sind oder aus schwierigen Verhältnissen kommen“. In „ihre Gesichter ein Lächeln zu zaubern“, sei die Aufgabe, der die Stiftung sich verschrieben habe.

In Martin Grubingers Gesicht muss niemand ein Lächeln zaubern, so lange er auf alles eindreschen kann, was ihm in die Quere kommt. Er strahlt eine beinahe kindliche Freude aus, bei dem was er da tut. Dabei ist es Schwerstarbeit. Und seine Extraklasse zeigt sich nicht zuletzt in dem Umstand, dass er alles, was er spielt, auswendig spielt. Eine Äußerlichkeit, gewiss. Aber wenn man bedenkt, dass Pianisten oder Geiger spätestens auf den weiten Ebenen hinter Rachmaninow oder Berg lieber die Noten zur Hand nehmen, wächst die Hochachtung ins Unermessliche angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Grubinger die ungeheuer komplexen Vorgänge von Tan Duns Schlagzeug-Konzert „The Tears of Earth“ in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Musik an der Grenze zum Kino

Auch hier unterstützen ihn wieder die Percussions-Kollegen vom Gewandhausorchester, besonders wirkungsvoll an japanischen Trommeln. Mit den Daikos und flirrend gestrichenen Klangschalen oder kollidierenden Steinen nehmen Cotta, Baumgärtel, Holl und Garcia von hinten gemeinsam mit Grubinger das üppig besetzte Restorchester in die Mangel. Der Solist lässt mal vorn Zimbeln sirren, mal lässt er hinten seine Pauken in unerhörten Sprachen sprechen. Er singt auf Marimba und Vibraphon, lässt Trommeln erzählen, den Regenstab rauschen, die Gongs skandieren. Eine gleichsam choreographische Musik, die an der Grenze zum Kino die Erde weinen lässt im Angesicht jüngster Naturkatastrophen.

Tan Dun zwang hier die Klänge seiner chinesischen Heimat und die Strukturen des großen europäischen Orchesters zusammen zu einer Moderne, die auf den Bauch zielt. Ihrer Klangpracht, der manipulativen Kraft ihrer Rhythmen, dem Sog ihrer Melodien kann sich kaum entziehen, wer auch nur einen Moment die Ohren öffnet und das Herz. Ja, man mag diese unbedingte Wirkungs-Ästhetik halbseiden finden oder so verdächtig wie Schostakowitschs Fünfte. Aber wird sie so unmittelbar in Rausch umgesetzt wie vom Gewandhausorchester unter Orozco-Estrada, den Gewandhaus-Schlagwerken und dem einzigartigen Martin Grubinger, ist Begeisterung die einzige mögliche Reaktion. Im Gewandhaus entlädt sich die zur Pause in enthemmten Jubel.

Wenn auch Sie diese Arbeit der StiftungLeipzig hilft Kindern“ unterstützen möchten: Sparkasse Leipzig; IBAN: DE16860555921100902003; BIC: WELADE8LXXX; Verwendungszweck: Spende für StiftungLeipzig hilft Kindern“.

Von Peter Korfmacher

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Regional Steptanz-Premiere im Lofft Leipzig - Webers bravouröses „Caboom“

Mitreißender Steptanz, der Sehgewohnheiten aushebelt: Sebastian Weber hat mit seiner neu gegründeten Dance Company aus internationalen Tänzern das Stück „Caboom“ im Lofft präsentiert. Im Mittelpunkt steht das Chaos, in furiosen Schritten und Szenen verarbeitet.

03.12.2017

Ein allerletztes Mal: Udo Dirkschneider (65) will unter seine Accept-Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen. Am Sonnabend startet die Metal-Ikone seine Deutschland-Tour im Haus Auensee. Nach dieser neuerlichen Accept-Auflage unter dem Motto „Back to the Roots – Part 2“ wird es nur noch Songs seiner aktuellen Band U.D.O. geben, kündigt der Sänger an.

02.12.2017

Die Leipziger Universitätmusik hat wieder einen eigenen Konzertort. Bei der feierlichen Eröffnung des Paulinums hat der Konzertchor unter anderem Bruckners "Te Deum" gesungen und die Schwalbennestorgel hat mit Bachs Toccata in C-Dur an die letzten Klänge vor der Sprengung erinnert.

01.12.2017