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Kultur Regional Beruflich Pupsen vor 2000 Fans
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16:38 06.05.2019
„Ich kann nicht glauben, dass ich das beruflich tue“: Fat Mike (vorn) beim Konzert der Punkrockband NOFX im Täubchenthal tanzt und scherzt und lästert und ... Quelle: André Kempner
Leipzig

Peitsche kostet extra! Passend zum Fetisch-Konzert-Plakat ist im Clubzimmer des Täubchenthal eine Liege aufgebaut, zwei Dominas bieten per Glücksrad eigenwillige Massagedienste an. Dass man sich hier eigentlich auf einem Punkkonzert befindet, wundert einen nur solange, bis man weiß, wer die Gastgeber sind: NOFX, die Kalifornischen Großmeister des Fun Punks seit 1983, sowohl vom Dienstalter als auch der Unberechenbarkeit her hierzulande wohl nur mit den Ärzten vergleichbar, haben eine Handvoll Freunde eingeladen und bescheren dem Täubchenthal am Sonntag das erste Open Air des Jahres.

Wie schon letztes Jahr sind Mastermind Fat Mike und seine Kumpan*innen gerade auf eigener „Punk in Drublic“ Festival-Tour mit hochkarätigem LineUp in Europa unterwegs. In Leipzig füllen sie allerdings „nur“ die Tourlücke mit immerhin Fünf der 12 Bands.

Melodisch rotzt die Brenna

Während Fat Mike selbst noch entspannt übers Gelände schlendert und sich auch mal auf der Liege malträtieren lässt, erklingen auf der Bühne schon kurz vor Vier die ersten verzerrten Gitarren. Auch wenn der Hof noch längst nicht mit den schlussendlich fast 2000 Besuchern gefüllt ist, bildet sich schnell eine ansehnliche Traube, um The Last Gang zu lauschen. Die in Europa noch recht unbekannten Kalifornier überzeugen mit melodisch rotzigem Punk ihrer energischen Frontfrau Brenna. Besonders unter Fans von Genregrößen wie Baboon Show oder Distillers werden sie sicher schnell Freunde finden.

Immer für einen Spaß zu haben: NOFX im Täuchenthal. Quelle: Kempner

Das USA umspannende LineUp hüpft anschließend einmal von der West- an die Ostküste, analog dazu bringen Less Than Jake vor der Bühne die Ersten zum Springen. Jedoch kann das gut gelaunte Quintett aus Florida zwischen Speed-Ska-Punk und witzigen Ansagen den Eindruck nicht abstreifen, dass sie kaum mehr als eine leidlich gute NOFX-Kopie sind.

Hymnenpotenzial

Dass Punk offensichtlich in Leipzig noch nicht tot ist, erfreut als dritte im Bunde Anti-Flag aus Pennsylvania. Zwar verpulvern sie mit „Die For Your Government“ einen ihrer größten Hits direkt zu Beginn, so dass ihn viele nur von der Bier- oder Toilettenschlange hören. Aber auch sonst haben sie reichlich Hymnenpotenzial. Die Polit-Punks sind so etwas wie das amerikanische Vorbild für die hierzulande erfolgreichen ZSK. Sie bringen die ernsteren Töne des Abends in den ausgelassenen Pogo, klare Kante gegen Rechts von Trump bis zur AfD ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Gegen Sexismus, Homophobie und alles andere, was einer gleichberechtigten Party im Wege steht, wird ebenfalls getrommelt.

Die Fun-Punker von NOFX im Täubchenthal. Quelle: Kempner

Leider verfliegt der Sound deutlich, je weiter hinten man steht, hinreichend kraftvoll ist es eigentlich nur im vorderen Mittelfeld. Im Anschluss scheint Lagwagon-Sänger Joey Cape gedanklich noch in der Tourpause, in einer Mischung aus an der Kälte leidend und Substanzen-bedingter Schaumbremsung steht er irgendwie das Konzert durch, während seine Bandkollegen sich immerhin alle Mühe geben.

Anarchisch, aber der Zeitplan stimmt

So anarchisch ausgelassen das Treiben auf und vor Bühne, so akkurat der Zeitplan. Kurz vor Neun stehen NOFX auf der Bühne, um sie Punkt Zehn auch schon wieder ohne Zugabe zu verlassen. Nicht einmal ihr Hit „Don’t call me white“ schafft es da in die Setlist, aber um Musik geht es bei Fat Mike & Co. fast nur in zweiter Linie. Kaum ist das Intro, der „Time Warp“ aus der Rocky Horror Show, durchtanzt, wird erstmal gequatscht. Kriegen es bei Festivals gern die um sie herum gruppierten Bands ab – unvergessen vor drei Jahren die ungläubigen Blicke der hartgesottenen Rammstein-Fans auf dem Highfield Festival, die sich schon zu NOFX in die vorderen Reihen schoben – üben sie sich auf eigenen Konzerten gern exzessiv an unterhaltsamer Publikumsbeschimpfung.

Da bleibt auch keine Minderheit außen vor, der politischen Korrektheit den Mittelfinger zeigen, darauf haben Punks schon länger das Copyright als die AfD. Denn wo Letztere dies als Vorwand für Hass und Angst nutzen, sorgt die genüssliche Diskreditierung von allem und jedem hier zuerst für jede Menge anarchistischen Spaß. So kontern die vier Herren und eine Dame auf der Bühne plakativ naive Parolen wie „No War!“ mit „No Air!“ , kurz darauf wünscht sich Fat Mike, Mitglied der Ärzte zu werden.

Tanzen und Lachen

Dabei ist es gar nicht so, dass NOFX reine Fun Punks wären, oder ihre Songs arm an politischen Botschaften. Es ist nur nicht ihre Revolution, wenn man nicht tanzen und lachen kann, beides bescheren sie dem ausgelassenen Publikum am Abend reichlich. Dass der ganze Spaß obendrein ein recht einträglicher ist, muss am Ende selbst Fat Mike eingestehen, als er nicht nur sprichwörtlich auch noch ins Mikrofon pupst: „Ich kann nicht glauben, dass ich das beruflich tue.“

Von Karsten Kriesel

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