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Kultur Regional Beweise für die Relevanz des Jazz
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13:31 14.10.2018
Preisträger des BMW Welt Young Artist Award: Fazer mit zwei Schlagzeugen, Bass, Gitarre und Trompete im Leipziger Kunstkraftwerk. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es ist voll in der naTo am Freitagabend, und die Leute, die mühsam einen Sitzplatz ergattert haben, werden sich dann mehrheitlich doch erheben. Soweto Kinch, in London geborener und lebender Sohn einstiger Einwanderer, zählt zu den Geheimtipps dieser an Geheimtipps wahrlich nicht armen 42. Leipziger Jazztage. Sein Konzert überzeugt restlos, weil der Altsaxofonist, Bandleader und Rapper mit seinem Trio einen solchen Druck entwickelt, dass keiner auf die Idee kommt, noch nach der Relevanz des Jazz zu fragen.

Kinch vervielfältigt sich mit elektronischen Mitteln, hat mit Kontrabassist Nick Jurd und Schlagzeuger David Hodek zwei intensive Geschmacksverstärker an seiner Seite, und wenn er rappt, bekommt das Ganze auch noch die eindeutigen Worte, damit all das Engagement unmissverständlich gerät.

Dann fordert er „Audience Participation“, aber die Leute stehen sowieso nicht still. Nicht bei seinen instrumentalen Gedankenflügen, die wie lange Bewusstseinsströme sind, und erst recht nicht, wenn er rappend auf sie zugeht und klare Aufgaben fürs Mitmachen verteilt. Dann geht es um auflebenden Rassenhass, neue Verteilungen der Welt oder den seltsamen orangen Mann aus den USA, aber vor allem geht es darum, dass man dagegen einen gemeinsamen Vibe erzeugen muss.

Das intensive Konzert ist danach, selbst wenn Kinch mit einer Balladenbremsung ein wenig Ruhe in die überbordenden Ereignisse bringt und einen Schritt mehr zurück zu den Wurzeln geht. Selbst dann steigern das die Elektronik-Echos und -Multiplikationen. Und wenn er dann zu einer Tour de Force mit seinem Schlagzeuger aufbricht, glaubt man sich plötzlich mittendrin in den Aufbruchsjahren des freien Jazz in seiner Oktoberrevolution der 60er-Jahre.

Nicht nur hier macht Kinch die Kontinuität farbiger Emanzipationsbewegungen deutlich, die in seinem Set wie mit Händen zu greifen sind und die er mit seinen Raps und Zwischendurchmoderationen immer wieder auf den Punkt bringt, etwa wenn er davon erzählt, wie selbstverständlich für ihn als Kind Londons das gemeinsame Fußballspiel mit Muslims, Hindus und Christen war und wie sich erst später die Situation verkomplizierte.

Fazer fehlt noch das bewusste Mehr

Nach voller, nämlich mehr als ausverkauft, war es dann in der Samstagnacht im Kunstkraftwerk, das sich als idealer neuer Spielort für die Jazztage erweist. Es beginnt mit dem Quintett Fazer, den Münchner Preisträgern des BMW Welt Young Artist Award 2018, zwei Schlagzeuge, Bass, Gitarre und Trompete. Junger Jazz, der noch auf der Suche ist, gut gespielt, doch zwischendurch ist die Weile mitunter lang. Dieses bewusste Mehr muss die Band noch finden.

Die Leute sind gekommen wegen Michael Wollny, den sie nach langer Umbaupause herbeiklatschen. Hinterher wissen sie wieder, warum er als ein solcher Überflieger des aktuellen europäischen Jazz gilt. Erneut schenkt der Leipziger Pianoprofessor den Jazztagen ein besonderes Projekt, ähnlich den Jahrgängen zuvor, und tritt nicht einfach mit seiner Working Band auf. Wieder gibt es hinterher Standing Ovations. Zwischendurch sitzt das Publikum ohne Zwischenbeifall in Gebanntheitsstarre.

In seinen „Goldberg-Tangenten“ geht es um Thomas Bernhards Roman „Der Untergeher“ aus dem Jahr 1983. Es geht um das Genieproblem, durchgespielt am Aufeinandertreffen dreier Pianisten – Wertheimer, namenloser Ich-Erzähler und Glenn Gould –, von denen nur einer nach Studien bei Horowitz weitermacht, es geht ums Scheitern und um die Konsequenzen danach, es geht um Bachs Goldberg Variationen, um Klavierexerzitien, um „das Virtuosentum an sich“, es geht um die Bernhard’sche Sprache, die ja selbst Musik ist, und um eine Musik, die mehr freilegt als nur die Interpretation von etwas Vorhandenen, und sei es noch so perfekt.

Verstörung und Plausibilitätssteigerung

Wollny macht gar nicht erst den Versuch, die Bachvorlage pur zu spielen. Er deutet sie, lässt sie höchstens in Abbreviaturen aufschimmern. Er macht sie zum Seinen, indem er seine Lesart findet. Dazu hat er ein Trio formiert mit dem Londoner Leafcutter John an Laptop und Plattenspieler und dem Sprecher Alex Nowitz, der im Fortgang der Ereignisse eine wirkliche Kunst des Lesens findet, die von der melodiösen Eindringlichkeit der Worte über Koloraturen, verhackstückte Silben, Murmeln, hörbares Blättern, nonverbales Insistieren bis zum Kunstpfeifen reicht und so das Textgebirge durchsteigt und suggestiv deutet. Der Elektroniker Leafcutter John moduliert und wandelt das ebenso wie Wollnys Spiel am und im Flügel in Echtzeit in einer grandiosen Mischung aus Verstörung und Plausibilitätssteigerung.

Thomas Bernhard, der antiösterreichische Nationaldichter, hat traumwandlerisch sicher seine Denkkerkergeschichten in die musikalischste Sprache gegossen, immer auf einer erst durch ihn definierten Linie zwischen Tragik und Komik entlang in einem dem Tod abgerungenen Lebensentwurf. Legendär ist es, wie er immer mal wieder seine Distanz zu Interpreten seiner Werke formulierte.

Wütend berichtete er zum Beispiel im April 1973 seinem Verleger von der „hundsgemeinen Hinschlachtung“ eines seiner Stücke an den Münchner Kammerspielen: „So müsste es, wäre es möglich gewesen, Beethoven empfunden haben, wäre er unversehens in die Aufführung seiner Neunten oder Siebten in den Wiener Musikverein hineingeraten, in welchem eine unterbesetzte Polizeikapelle spielt.“ Thomas Bernhard brauchte und bekam die Besten.

Warum er so vehement darauf bestehen musste, machte dieses unter die Haut gehende Konzert aufs Schönste und Sinnfälligste deutlich: Kunst als Ereignis und nicht einfach nur als noch ein Programmpunkt. Jazz und klassische Musik führen als Kunstformen üblicherweise eine Parallelexistenz, „im Grunde“ und „naturgemäß“, wie es bei Thomas Bernhard heißen würde. Michael Wollny und seine beiden Partner schickten dessen Wortvirtuosentum durch die Hallräume neuer künstlerischer Formen, um es dort greifbar und intuitiv begreifbar zu machen. Beglückt nach Hause gehen und Thomas Bernhard lesen.

Weitere Programm-Höhepunkte

Sonntag, 14. Oktober: Jazz für Kinder „Puschelgeschichten“ (16 Uhr, Klinikum St. Georg, Eintritt frei); „Brexit Big Bang“, Podiumsdiskussion mit Matthew Herbert, Rachel Launay, Joachim Schwend und Wolf Kampmann (18 Uhr, UT Connewitz, Eintritt frei); Lucia Cadotsch + Tricko (20.30 Uhr, UT Connewitz)

Montag, 15. Oktober: Milk Wood „Dylan Thomas“, Stage Night Special (19.30 Uhr & 21 Uhr, Horns Erben)

Dienstag, 16. Oktober: Hidden Orchestra (20.30 Uhr, UT Connewitz)

Mittwoch, 17. Oktober: Matthew Herbert’s Brexit Big Band mit MusikerInnen der HMT Leipzig und des Vocalconsort Leipzig; Yazz Ahmed (20 Uhr, Schauspiel)

Donnerstag, 18. Oktober: Helmut ‚Joe‘ Sachse & Maggie Nicols „Nevergreens“ (20.30 Uhr, die naTo); Anna-Lena Schnabel, Florian Weber, James Banner und James Maddren (23 Uhr, die naTo)

Freitag, 19. Oktober: Max Andrzejewski’s Hütte and guests play Robert Wyatt; Joshua Redman, Aaron Parks, Matt Penman, Eric Harland: James Farm (20 Uhr, Westbad); Elliot Galvin Trio (23.59 Uhr, die naTo)

Samstag, 20. Oktober: Jazz für Kinder Jolli, Juri und die Jungs ... und das große Fernweh! (11 Uhr, Werk 2, Halle D); Arne Reimer „American Jazz Heroes 2“ (18 Uhr, Opernhaus); Dave Holland’s Aziza; Avishai Cohen Quartet; Norma Winstone Trio (19:30 Uhr Opernhaus); Christian Kögel: Queen „Jazz“ (23.59 Uhr, Liveclub Telegraph

Die 42. Leipziger Jazztage: 11.–20. Oktober 2018. Karten gibt es unter anderem in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de und www.jazzclub-leipzig.de

Von Ulrich Steinmetzger

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