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Kultur Regional Böhmermann in Leipzig – Musikantenstadl für Bildungsbürger
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17:00 27.01.2019
Der Schnauzer ist neu: Jan Böhmermann in seinem Bühnenoutfit im Haus Auensee.
Der Schnauzer ist neu: Jan Böhmermann in seinem Bühnenoutfit im Haus Auensee. Quelle: Kempner
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Leipzig

Böhmermann und seine Sendung Neo Magazin Royale im ZDF machen vor allem wegen drei Dingen Spaß: der Rubrik „Prism is a Dancer“, in der die virtuellen Spuren des Studio-Publikums verfolgt werden, den Analysen von Formaten wie „Schwiegertochter gesucht“ oder „Bento“ und wegen der Songs, die mal sinnlos-lustig, meist aber sozialkritisch daherkommen und in der hiesigen Fernseh- und Internetlandschaft einzigartig sind.

Musik ist eines der vielen Talente von Jan Böhmermann - das stellte er auch im Leipziger Haus Auensee unter Beweis.

Nach fast sechs Jahren Neo Magazin umfasst die YouTube-Playlist „Böhmi singt“ erstaunliche 61 Videos, die millionenfach geklickt und zurecht mit dem Etikett „Kult“ versehen worden sind. Aufgrund der Beliebtheit der Lieder und von Böhmermanns Studio-Band, des Rundfunktanzorchesters Ehrenfeld, dessen musikalisches Potenzial für die wöchentliche Sendungsbegleitung eigentlich verschenkt ist, geht Böhmermann dieses Jahr auf Tournee. Die ersten Konzerte sind fast alle ausverkauft, so auch das in Leipzig, wo das Ensemble am Freitag im Haus Auensee auftrat.

Politischer Liederabend mit Schlagertendenz

Nicht in Max-Raabe-Pose und -Outfit, wie sich der Moderator fürs Tour-Plakat ablichten ließ, sondern mit Pelz, Sonnenbrille und Glitzerhose betritt der Hauptdarsteller nach einer Dreiviertelstunde Verspätung die Bühne. Und die Besucher scheinen in den ersten Minuten erst einmal entzückt von der Tatsache zu sein, dass ihr Held wahrhaftig vor ihnen scherzt und es ihn nicht nur auf dem Bildschirm gibt.

Die ersten Songs dienen dem gegenseitigen Kennenlernen: Böhmermann verkneift sich „Dunkeldeutschland“, begrüßt „Mitteldeutschland“ und kündigt einen politischen Liederabend mit Schlagertendenz an. Das Publikum lacht und probiert zaghaft zu Songs wie „Laugengebäck“ zu tanzen, ohne die visuelle Begleitung des Videos oder eines Kameramanns, der die Gesichter von Sänger und Musikern abfährt.

Rhythmisches Klatschen

Da kommt wenig später das Lied „Rainer Wendt“ über den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft gerade richtig, bei dessen Takt man wundervoll mitklatschen kann. „Abitur vergessen und mitsingen!“, ruft Böhmermann und man bekommt eine erste Ahnung davon, was mit der Schlagertendenz gemeint ist.

Bei „Style und das Geld“ und vor allem „Menschen Leben Tanzen Welt“, einer der deutschen Pop-Industrie gewidmeten Phrasendrescherei, wird es hemmungslos: Handytaschenlampen, den Chorus und die Oh-oh-Rufe singen alle mit, es darf geschunkelt werden – alles auf einer ironischen Ebene natürlich.

Böhmermann kennt sein Publikum genau

Böhmermann kokettiert mit dem akademischen Milieu seines Publikums, bemerkt die „gymnasialen“ Halbglatzen und Haarkränze im Publikum. Die Zuschauer freuen sich darüber, auch mal deutsche Texte mitsingen zu können und an Böhmermanns Zeitgeist-Beobachtungen aktiv partizipieren zu dürfen.

Die klamaukige Verpackung sollte dabei nicht darüber hinwegtäuschen, wie gekonnt der Satiriker gesellschaftliche Missstände aufspießt: „Wir sind die Versandsoldaten“ etwa, das im Stil einer Arbeiterhymne auf das „Logistikproletariat“ aufmerksam macht. Oder „Es gibt keine Nazis in Sachsen“, für das der LKA-Hutbürger Maik W. per mobilem Videobildschirm auf die Bühne geholt wird. Geschunkelt und mitgesungen wird bei diesen Songs eher weniger.

Das Rundfunktanzorchester begeistert

Zwischen den Liedern zeigt sich Böhmermann gut gelaunt, plaudert über die Freizeitgestaltung des Orchesters in Leipzig (Sachsen-Therme, Auerbachs Keller) und mimt den bissigen, hämisch-sympathisch grinsenden Satiriker, den man aus dem Neo Magazin kennt. Im Grunde kann er nicht viel falsch machen: ein paar „Besserwessi-Witze“, Leipzig gegenüber Dresden loben, die letzte Konzert-Station Bielefeld runtermachen – die Erwartung der Besucher ist erfüllt.

Dass er die Hoffnungen sogar übertrifft, liegt am phänomenalen Sound des Orchesters, das nach eigener Aussage gar keines ist, sondern eher eine „Band mit Bläsern und Streichern“, wie es ihr Leiter Albrecht Schöne beschreibt. Zusammen mit Co-Chef Lorenz Rhode thront er an seinem Keyboard auf einem Treppen-Plateau, zu beider Seiten die 15 Musiker, die vom Alter und Aussehen her ihren Zuhörern ähneln. Das „erste neu gegründete Rundfunkorchester seit 1952“ spielt mit Verve Solo-Nummern wie „You & Me“ (Disclosure) oder „Toxic“ (Britney Spears) und zeigt, warum es in diesem Jahr für einen Grimme-Preis nominiert worden ist.

Hochschulchor auf der Bühne

Am Ende des zweistündigen Abends gibt es noch eine schöne Überraschung: Für die Persiflage von „Senorita“ (Kay One) hat Böhmermann eigens den Chor der Musikhochschule Weimar via Twitter einbestellt: 90 Studenten, die ihre Interpretation singen dürfen und ihr Glück kaum fassen können. Das Publikum spendet wärmsten Applaus und ist nach dem letzten und bekanntesten Lied „Ich hab Polizei“, das Böhmermann in schwarzem Hoodie rappt, noch einmal aus dem Häuschen. Sein zu Beginn ausgegebenes Ziel, im Laufe des Abends zu einer „menschlichen Einheit“ zu werden, hat er erreicht

Von Maximilian König