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Kultur Regional Bowie-Musical in Leipzig: Hits als Fugenkitt in „Lazarus“
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15:21 16.06.2019
Christopher Nell spielt Thomas Jerome Newton. Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Vorne flimmert es. Hinten zuckt einer. Vorne, das ist die Projektion auf dem Gazevorhang, die das Bühnengeschehen in die Ästhetik eines vergilbenden Filmes taucht und daran erinnert, dass „Lazarus“ sich anschließt an den Kinostreifen „Der Mann, der vom Himmel fiel“ von 1976. Mit David Bowie in der Hauptrolle als Thomas Jerome Newton, ein Außerirdischer, der auf der Erde Wasser sucht für seinen verdurstenden Planeten.

In „Lazarus“ weilt Newton unglücklich gestrandet immer noch auf der Erde. Christopher Nell spielt ihn und steht hoch oben in der Stahlarchitektur auf der Bühne. Entrückt, verzweifelt, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit.

„Lazarus“, das Musical, das David Bowie (1947–2016) in seinen letzten Lebensmonaten zusammen mit dem Dramatiker Enda Welsh verfasste, wird derzeit vielfach inszeniert auf deutschen Bühnen und zieht mit den eingängigen Bowie-Klassikern reichlich Publikum. Seit Samstag ist es im Schauspiel Leipzig zu sehen in der Regie von Hubert Wild, dem Grenzgänger zwischen Theater und Musik.

Achtköpfige Band interpretiert Bowie-Hits lässig

Für den Protagonisten auf der Bühne besteht die Herausforderung darin, nicht David Bowie zu doublen, sondern die Rolle des einsamen Newton zu interpretieren. Und die Regie muss sich – besonders im gegenwärtigen Retro-Zeitalter – davor hüten, nur eine Tribute-Show abzuliefern. Eine achtköpfige Band um Pianist Stephan König interpretiert dabei die Bowie-Titel souverän und recht lässig.

Gegen eine sinnvolle Dramaturgie allerdings wehrt sich der Text, der nicht über das Niveau von Fugenkitt für die Songs hinausreicht. Kaum dass Newtons Assistentin Elly, gespielt von Luise Schubert mit überzeugenden Gesangsparts, einmal versucht, zum Kern des rätselhaften Newton vorzudringen, bricht die Sequenz schon wieder ab. Newton beschwert sich über die vielen Fragen, und Elly muss antworten: Ich habe in der Marktforschung gearbeitet, ich kann 30 Fragen in der Minute. Dialog Ende. Nächster Song.

Keine Erlösung

Newton, der „Sterbende, der nicht sterben kann“, wie er sagt, dem die Rückkehr in die Heimat verwehrt bleibt, versucht, seinen gelebten Alptraum in Gin zu ersäufen. Nell spielt das ordentlich mit Körpereinsatz, wenn er die Stahltreppen rückwärts herunterpurzelt und wahnhaft gestikuliert. Er schwitzt, verzweifelt und behält im sich verausgabenden Spiel die Luft für saubere Gesangsparts, in denen er gelungen eigenständig als Newton auftritt, nicht als Bowie.

Eine Entwicklung kann allerdings auch er nicht anbieten, sie ist für die Figur nicht vorgesehen: Der Alptraum tritt auf der Stelle, Erlösung gibt es keine, nur Hoffnung glimmt auf mit dem Mädchen in Weiß, das verspricht, gemeinsam eine Rakete zu bauen. Anna Keil tänzelt das Mädchen überzeugend als Traumfigur. Als Gegenpart, ganz in Schwarz, bricht wie eine Naturgewalt immer wieder Valentine in die Szenen ein, dessen Zynismus Hoffnungen erdrückt. Mit herausragender Präsenz gespielt von Dirk Lange.

Den Tod denkt man mit

In „Lazarus“ fließen Traum und Wirklichkeit ineinander. Bowie wusste um seine Erkrankung, als er das Musical schrieb. Den Tod denkt man als Beobachter zwangsläufig mit, wenn vom fernen Heimatplaneten die Rede ist. Am Ende steigt zwar keine Rakete in den Himmel, aber das Stahlgerüst, das zuvor Newtons Apartment andeutete. Nur Newton sitzt gerade nicht drin, als es losgeht. Wie gesagt: Die Erlösung bleibt aus.

Ein roter Faden lässt sich in diesem manchmal beliebig wirkenden Assoziationsraum kaum ausmachen, aber die Metaphorik der Vorlage findet ihre Übersetzung in lebendige Bilder. Wofür auch die luftige Architektur (von Susanne Münzner) auf der Drehbühne sorgt, die einen sentimentalen Schluss-Gag wie das fliegende Apartment erlaubt und neue Räume eröffnet, durch die Figuren irrlichtern. Choreografiert von Salome Schneebeli, die den Bühnenraum ausschöpft – und gern rückwärts marschieren lässt, als solle deutlich werden, dass es keine zielführende Entwicklung mehr gibt für Newton. Passend ertönt die Zeile von der Langweile der Wiederholung in „Life on Mars?“.

Von „Heroes“ bis „Absolute Beginners“

Die Bowie-Klassiker strukturieren den Abend, spielfreudig umgesetzt von der Live-Band, vom Publikum zunehmend mutig beklatscht. Allzu kühne Interpretationen dürften schon an den Rechteinhabern scheitern.

Trotzdem nutzt der Abend, der zur Premiere noch mit Soundproblemen zu kämpfen hatte, Spielräume. Da ist dieses verzweifelt-elegische „Heroes“, so wie es Nell anstimmt, zunächst nur vom Klavier begleitet. Oder das „Absolute Beginners“ als Duett von Schubert und Nell, mit den Blechbläsern gefällig an den Rand zum Schlagerhaften aufgeblasen. Was man auch so stehen lassen könnte, ohne ironischen Leinwandkommentar (OMG, mein Lieblings Bowie-Song).

Ein Publikumserfolg dürfte das gut performte Musical dennoch werden. Denn vermutlich besudelt das Publikum den Bowie-Klassiker „Heroes“ am Ende nicht aus Niedertracht mit rhythmischem Beifall, sondern schlicht aus Begeisterung.

Kommende Aufführungen: 21., 26. Juni und 4. Juli, 19.30 Uhr, Schauspiel Leipzig; Karten: 0341 1268168

Von Dimo Rieß

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