Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional „Brecht unter Fremden“: Wissenschaftler aus aller Welt in Leipzig
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Brecht unter Fremden“: Wissenschaftler aus aller Welt in Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:52 17.06.2019
Günther Heeg, Direktor des Leipziger Centre of Competence for Theatre und Vizepräsident der Brecht-Gesellschaft. Quelle: André Kempner
Leipzig

Als Günter Heeg vor drei Jahren in Oxford bei einer Sitzung der Brecht-Gesellschaft die Hand hob, um das 16. Internationale Brecht Symposium nach Leipzig zu holen, da musste er etwas Überzeugungsarbeit leisten. Weil man Leipzig nicht unbedingt kennt in den USA oder irgendwo in Asien. Zumindest nicht die Verbindungslinien der Stadt zu Brecht. Heeg, Direktor des Leipziger Centre of Competence for Theatre (CCT) an der Uni Leipzig und Vizepräsident der Internationalen Brecht-Gesellschaft, hatte aber die Argumente auf seiner Seite. BrechtsBaal“ zum Beispiel wurde 1923 in Leipzig uraufgeführt und sieben Jahre später „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Heeg erinnert an den Skandal, die von NSDAP-Anhängern fast gesprengte Premiere. Historische Spuren also finden sich und sie werden im Rahmen des am Mittwoch beginnenden Symposiums zum Teil auch physisch gestreift mit einem Reenactment-Walk auf Basis von Brechts „Hauspostille“.

Wichtiger freilich für die Leipzig-Entscheidung dürfte die Gegenwart sein: Brecht spielt eine entscheidende Rolle in der Forschung der Leipziger Theaterwissenschaft. Nicht zufällig trägt die mit der Gründung des CCT initiierte und von der Stadt Leipzig finanzierte Gast-Professur Brechts Namen. Und Heeg selbst arbeitete 2016 bereits an seinem mittlerweile erschienen Buch „Das transkulturelle Theater“, das sich nicht zuletzt auf Brecht stützt und dessen Arbeiten im Exil. „Er hat die Erfahrung des Fremden zum Angelpunkt seines gesamten künstlerischen Schaffens gemacht“, sagt Heeg. Fremdheitserfahrungen seien nach Brecht die Voraussetzung für eine künftige Gemeinschaft unter Fremden.

Brechts Denken stellt das Symposium in die aktuellen Zusammenhänge einer Migrationsgesellschaft einerseits und andererseits die in den westlichen Staaten zu beobachtenden Abwehrbewegungen und Fremdenfeindlichkeit. Heeg: „Mit Brecht ist wortwörtlich kein Staat zu machen, denn bei ihm gibt es keine kulturelle Identität – und das ist das Aktuelle heute.“

Daran schließt sich unmittelbar der Titel des bis Sonntag dauernden Symposiums an: „Brecht unter Fremden“. Der Themenfokus ist im Vergleich zu bisherigen, in der Regel alle drei Jahre stattfindenden Brecht-Treffen eng gesetzt, was die Wissenschaftsgemeinde nicht abgeschreckt hat. Im Gegenteil: Die Leipziger Organisatoren wurden nach Veröffentlichung des Themas von Konzepten überflutet, verrät Micha Braun, wissenschaftlicher Geschäftsführer des CCT. Eingeladen sind letztlich über 90 akademische Vorträge, hinzu kommen fünf Gesprächsrunden, vier Workshops und zwei Keynotes, außerdem treffen Teilnehmer und interessierte Gäste auf Zeitzeugen. Über 130 Teilnehmer aus fünf Kontinenten haben sich angemeldet.

Eröffnet wird das Symposium am Mittwoch, um 15 Uhr, im Paulinum der Uni Leipzig, unter anderem mit Stephen Brockmann, Präsident der International Brecht Society, dem Vizepräsidenten Heeg und Uwe Gaul, Sachsens Staatssekretär für Kunst. Die weiteren Veranstaltungen finden überwiegend im Leipziger Schauspiel, einer der wichtigen Kooperationspartner des Symposium, statt. Die meisten Vorträge sind öffentlich ohne Eintritt, die Platzkapazitäten allerdings beschränkt. Begleitet wird das wissenschaftliche Programm von Aufführungen, darunter „Brechtseller“ der japanischen Gruppe Chiten, das bereits Dienstag und Mittwoch (20.30 Uhr) gezeigt wird. Zum Abschluss am Sonntag (18 Uhr) zeigt das Schauspiel erneut „Die Maßnahme / Die Perser“, inszeniert von Intendant Enrico Lübbe.

Letztlich gliedert sich der fünftägige internationale Austausch in vier Panels. Es geht um jüngere Lesarten Brechts jenseits seiner Kanonisierung. Heeg spricht von einer „Schattendramaturgie“, die sich unter der vordergründigen Dramaturgie Brechts oft abspiele, von seiner Uneindeutigkeit, womit er sich der Vereinnahmung durch altlinke Positionen und dogmatischen Lesarten entreißen lässt.

Und immer wieder werden sich die Debatten um eine konkrete Anwendbarkeit von Brechts Theorien und Arbeit drehen. Um das transkulturelle Theater als Theater in der Migrationsgesellschaft oder um den Einsatz von künstlerischen Verfahren, die gesellschaftlichen Einfluss entfalten können. Heeg verweist auf die vielen Theater in ganz Deutschland, die auf die ankommenden Flüchtlinge ab dem Jahr 2015 mit neuen Theaterformen und integrativen Spielclubs reagiert haben, oft im Licht der Brechtschen Lehrstück-Theorie.

Spannend im internationalen Kontext könnte auch die jüngste Rezeption der Brechtschen Lyrik werden. Viele Gedichte wurden in einem erst im vergangenen Jahr abgeschlossenen Projekt des in Leipzig anwesenden Oxforders Tom Kuhn ins Englische übersetzt. Für Braun ein „Meilenstein. Sonst wurde nur unter instrumentellem Zugriff punktuell übersetzt.“

Auch auf Zeitzeugen trifft das Publikum, etwa beim Artist Talk mit B. K. Tragelehn (Freitag, 11 Uhr, Schauspiel Studio). Der Schauspieler Jürgen Holtz, jüngst mit seinen 87 Jahren eindrucksvoll in Frank CastorfsGalileo Galilei“ am Berliner Ensemble zu erleben, spricht mit Frank Raddatz (Freitag, 17.30 Uhr, Schauspiel Probebühne).

Nicht persönlich anwesend, aber über ein einstündiges Video zu erleben ist Emine Sevgi Özdamar unter dem Titel „Ich bin gekommen, um das Brecht-Theater zu lernen“ (Samstag, 9 Uhr, Schauspiel Diskothek). Mit diesem Zitat hat sie sich in den 70er Jahren bei Benno Besson vorgestellt, als sie wegen des Theaters aus der Türkei nach Deutschland kam. Özdamar hat vor gut 15 Jahren bereits über die kulturellen Debatten und ihr persönliches Grenzgängertum in der geteilten Stadt das biografische Buch „Seltsame Sterne starren zur Erde“ geschrieben.

Den Auftakt zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung setzt Heeg am Donnerstag mit seiner Keynote. Er spricht (11 Uhr, Schauspiel Diskothek) über Brechts „Erfahrung einer Transit-Existenz zwischen fremd gewordener Vergangenheit und einer Zukunft am fremden Ort“ unter dem Titel „Ohne Halt und in großer Fahrt“.

16. Symposium der International Brecht Society, 19. bis 23. Juni; Karten für die Aufführungen am Schauspiel im Rahmen des Symposiums: 0341 1268168; Programm unter cct.gko.uni-leipzig.de

Von Dimo Rieß

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Männerballett mit Hammer und ein schrottplatzreifer Fiat Punto: Christian von Richthofen lässt beim finalen Programmpunkt am Markt nichts anbrennen mit „AutoAuto – Bach driving crazy“. Verrückter geht nicht.

17.06.2019

Rückkehr ins historische Interim: Für zwei Konzerte des Mendelssohn-Schwerpunktes im Bachfest spielte das Gewandhausorchester in der Kongreßhalle am Leipziger Zoo. Eine akustische Erfahrung, die die Freude übers neue Haus am Augustusplatz noch vergrößert.

17.06.2019

Es gibt Entscheidungen, die können nur falsch sein. Weil sie mehr einlösen müssen, als sie versprechen. Darüber wundern sich dann die gleichen Leute, die vorher sagen, dass sie nichts mehr wundern würde.

17.06.2019