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Kultur Regional Bring mir ein Adler-Ei: „Die Eisjungfrau“ feiert Premiere
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16:08 27.10.2019
„Die Eisjungfrau“ am Schauspiel Leipzig. Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Immer steiler neigt sich der Fels. Aber Rudi kennt die Berge, springt sicher wie eine Gämse in diesem schroff gesägten Bühnengebirge aus schartigen Bergspitzen und unüberwindbar scheinenden Steilwänden. Eine formidable Hochalpin-Kulisse hat Georg Burger für das diesjährige Weihnachtsmärchen „Die Eisjungfrau“ auf die Bühne des Schauspiels gezaubert. Irgendwo zwischen theatraler Abstraktion und naivem Realitätsanspruch mit geweißten Gipfeln. Ein Zauberland, das via Drehbühne neue Perspektiven freigibt und zugleich symbolische Bedeutung trägt: Wer zu hoch hinaus will, droht abzustürzen. Am Samstag war Premiere.

Die Bearbeitung des poetischen Märchens von Hans Christian Andersen verbindet die Story um den Waisenjungen Rudi über 90 spannende Minuten zeitgemäß mit der Botschaft, dass sich der Mensch nicht über die Gesetze der Natur stellten kann. Was in der Uraufführung von Regisseur Stephan Beer und der gemeinsamen Stückbearbeitung mit Georg Burger gelungen aufgeht. Das Team Beer / Burger hat am Schauspiel Leipzig mit den Musikern Jan S. Beyer und Jörg Wockenfuß bereits die „Zauberland“-Trilogie und im vergangenen Jahr das Andersen-Märchen „Die Nachtigall“ auf die Bühne gebracht.

Der Live-Soundtrack – wenn sich auch in dieser Inszenierung kein Ohrwurm ins Gedächtnis frisst – stützt die Inszenierung gut, verbindet angedeutete Alpenfolklore mit Elektronik, die bedrohlich knarzt und hallt, wenn die Eisjungfrau ihre Finger nach den Bergsteigern ausstreckt.

Rudi (Ron Helbig) wächst als Waise bei seinem Großvater in den Schweizer Bergen auf. Der Onkel (Hartmut Neuber) nimmt den Jungen eines Tages ins Tal, um ihm den Schulbesuch zu ermöglichen. Als junger Mann schließlich verliebt Rudi sich in Babette (Nina Wolf), die Tochter des reichen Müllers Guldimann (Wenzel Banneyer). Der aber verweigert sein Einverständnis zur Hochzeit, zu arm ist ihm der junge Bergführer. Und so stellt er Rudi eine Aufgabe: Ein Adler-Ei aus einem Horst vom Schreckhorn soll Rudi bringen. Vom Schreckhorn ist noch keiner zurückgekehrt.

Das klingt nach klassischer Märchen-Mutprobe – fieser Patriarch, kühner Bursche, ergeben wartende Schönheit, Happy End – ist aber, und daraus bezieht die Inszenierung ihren Reiz, weit komplexer angelegt. Und es gelingt der Inszenierung, die Komplexität ansprechend aufzufächern. Mit einem Prolog zunächst, einer skizzenhaften Schwarz-Weiß-Animation (von Max Julian Otto), in der eine Mutter mit Baby auf dem Rücken, nachdem sie einen Adler geschossen hat, in eine Gletscherspalte stürzen. Das Baby wird gerettet – und entpuppt sich später auf der Bühne als Rudi. Er hat seine Lektion früh gelernt und weigert sich, einem Adler ein Ei zu stehlen. Babette hingegen nimmt heimlich ihre Zukunft selbst in die Hand und steigt zum Adlerhorst hinauf. Bis sie der Eisjungfrau (Anna Keil), von vielen als Sage abgetan, in den eisigen Höhen begegnet.

Keil mit klaren, bedrohlichen Gesangsparts, Helbig als bescheidener Junge der Berge, Banneyer als steifer und selbstgefälliger Müller, das Ensemble malt die jeweiligen Figuren eindeutig aus. Und hübsche Regie-Ideen lockern den Plot auf, etwa wenn sich der Fonduekäse um die Essenden legt. Für Komik sorgt außerdem der schön ausgespielte Gegensatz zweier Nebenfiguren: Rudis Katze Nala (Julia Preuß) und der eitle Mühlenkater Klodbert (Tobias Amoriello). Letzterer ziert sich bei jedem Schritt, der vom Ofen wegführt. Nala hingegen folgt Rudi und Babette ins Gebirge, und greift bei der Rettung beherzt ein.

Vor allem aber gelingt es der Inszenierung, unterhaltsam den Spannungsbogen zu bauen und nebenbei unverkopft eine klare Botschaft zu senden. So taucht die Eisjungfrau hinter der höchsten Bergspitze ausdrücklich nicht im Disney-Glitzer-Gewand auf, sondern als Naturgeist, der Flora und Fauna der Berge verteidigt. Gegen Nesträuber oder Arbeiter, die für die Eisenbahn Löcher ins Gestein sprengen.

Was ist Sage, was ist Realität – darüber streiten die Figuren im Stück. Und das Publikum kann seine eigene Entscheidung treffen, die Eisjungfrau als handelnde Figur betrachten oder als Symbol für die Gesetze der Natur. Das Gut-Böse-Schema der Märchenwelt findet sich aufgehoben, es geht schlicht um natürliche Grenzen, die der Mensch zu respektieren hat. Das fügt sich ohne Anbiederung in die Fridays-for-Future-Zeit.

Und das mit viel Spielfreude und zauberhafter Atmosphäre, wenn etwa der Schneesturm über die Holzgipfel fährt oder die Höhenangst greifbar wird, geisterhaft, als schwarze Gestalt, personifizierter Schwindel, der nach den Füßen der Kletterer greift – und den Nerven der jüngeren Zuschauer.

„Die Eisjungfrau“, nächste Termine: 3. 11., 17 Uhr; 24.11., 15 Uhr; Schauspiel. Karten: 0341 1268168

Von Dimo Rieß

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